Reitstall-Drama "Wanja" Unter bissigen Stuten

Das Leben ist kein Ponyhof? Eben doch. Aber einer, der dir das Leben zur Hölle machen kann. Das Reitstall-Drama "Wanja" leuchtet die menschlichen Abgründe unter Pferdemädchen aus.


Nirgendwo geht es härter zu als im Reitstall. Hierarchien sind streng organisiert, nach dem Prinzip Hackordnung. Das zugeteilte Pflegepferd spiegelt eins zu eins den eigenen Status im Stall wider: Alte, dicke Ponys sind für die Anfänger, für die Kleinen, weniger Begabten; die hohen Rösser für die Älteren und manchmal auch Schöneren.

Kein Pferd, das ist ganz schlecht, kann aber vorkommen. Schnell wirft da jemand, der gerade noch mit wehendem Pferdeschwanz eingezogen war, die Mistgabel nieder. Der Stall ist ein ehrlicher, traumatisierender Ort. Wo sich Träume begegnen und Gestank, bissige Stuten, die keine Pferde sind und, wo es zu manch seltener Stunde auch lustig zugehen kann.

Auf dem Heuboden zum Beispiel. Dorthin wird Wanja (Anne Ratte-Polle) schnell eingeladen: "Kommst du mit aufn Heuboden?" "Klar, brauchst du Hilfe?" - "Vielleicht." - "Wobei?" - "Das erzähl ich dir, wenn wir oben sind..." - "Verpiss dich!"

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Ponyhof-Film: Auf eine Zigarettenlänge Einsamkeit

Wanja ist skeptisch. Mit Menschen hat sie keine guten Erfahrungen gemacht, auch mit sich selbst nicht. Außerdem: Das Angebot des Jünglings war mit diesem doppelbödigen Grienen unterlegt und bisher hat man der Vierzigjährigen nicht den nettesten Einstand bereitet. Als Stallmeister Rudi (Robert Viktor Minich) Wanja kurz zuvor in den versifften Aufenthaltsraum geführt hatte, schnellte direkt diese Peitsche: "Haben wir nicht gesagt, nicht über Fünfzehn?" Feixen. Und im Hintergrund hing so ein Poster von einer Frau im nassen weißen T-Shirt.

Regisseurin Carolina Hellsgård hat ein Gespür für Milieu-Arrangements, für Details. Zum Beispiel: Bei Hellsgård rauchen die Menschen nicht einfach eine Zigarette, nein, jeder tut das auf die ihm eigene, unverwechselbare Art. Rudi etwa raucht wie eine tuckernde Dampflok aus einem Comic. Eine nicht gerade vertrauenerweckende Mischung aus Bluthochdruck und vorgeschützter Gelassenheit. Wanja teilt eher die intimen Momente mit ihrer Zigarette, ist in sich gekehrt, wirkt nachdenklich.

Banküberfall und Drogenkram

Sie ist eine drahtige blasse Frau mit beeindruckenden Augenschatten, ihre dünne Haut spannt sich straff über den Schädel. Ihre Augen liegen tief und sind groß. Sie hat eine unglaubliche Stimme (ebenfalls tief), die sie allerdings spärlich einsetzt. Wanja strahlt Bedrohliches aus und Mauerndes. Sofort glaubt man, was die Geschichte einem vorsetzt: dass man es hier mit einer zu tun hat, die gerade aus dem Knast entlassen wurde.

Wanja war sieben Jahre im Bau, wegen eines bewaffneten Banküberfalls, und irgendwas mit Drogen war auch. Jetzt ist sie in Sulingen, einer kleinen Gemeinde bei Bremen. Man teilt ihr eine karge Bude zu ("Okay, zwei Gläser und eins, zwei, drei, vier Teller. Besteck scheint zu fehlen."), ein Pflichtpraktikum gibt es obendrauf ("Freigang bedeutet ja sowohl Kontrolle als Förderung."). Das erste in einer Zoohandlung klappt nicht. Dann eben der Stall. Ein Rennstall. Hier ist Wanja die "Oma". Und hier arbeitet Emma (Nele Trebs).

Carolina Hellsgård hat die Begegnung zwischen den beiden Frauen klug inszeniert. Emma gehört zur Kategorie der Älteren und Schönen. Ihre blonden Haare flattern im Wind. Und dennoch scheint etwas nicht in Ordnung mit ihr. Als beide ausreiten (Wanja natürlich auf dem Pony), fällt Wanja vom Pferd. Für Emma eine klare Sache: Die kann ja gar nicht reiten!

Das wird sie Rudi erzählen, der schmeißt sie dann sofort raus. Es sei denn... Wanja besorgt Alkohol für die gesamte minderjährige Mannschaft. Einen zweiten Rauswurf kann sie sich nicht leisten. Also willigt sie ein. Und ist auf einmal mittendrin in der Rennstallclique, wird Emmas beste Freundin. Es ist, als ob sich ab hier beide miteinander vernabelten. Die Ältere erkennt sich in der Jüngeren wieder.

Und die Jüngere greift nach einer weiblichen Bezugsperson, die verlässlich ist und stark. Wanja verkörpert das. Aber eben nicht nur. Wanja ist auch ein Ex-Junkie, ist auch gefährdet. Anne Ratte-Polle spielt diese geheimnisvolle Frau sondergleichen.

Sukzessive schwinden in "Wanja" die Personen der Verankerung aus den Bildern: Bewährungshelfer Nicolas (Mehmet Yilmaz) oder Ulf (Marko Dyrlich), dem Wanja in einer Kneipe begegnet war. Nach einer gemeinsamen Nacht, schiebt sie ihn, Ulf, morgens von ihrem Körper, zieht sich an. Der wird wach, glotzt. "Du musst mal dein Aquarium saubermachen.", sagt Wanja trocken. Einige Momente zuvor hatte der Film das grünlich schimmernde Glasbecken gezeigt.

Es ist ein Sinnbild für den Prozess, dem man in "Wanja" beiwohnen kann und der wiederum mit Wanja geschieht: Endet eine bestimmte Frischezufuhr, wird der Zustrom von Neuem unterbrochen, wird es toxisch. Dann schwimmt man plötzlich in der alten Suppe.

Im Video: Trailer zu "Wanja"

"Wanja"

    Deutschland 2015

    Regie: Carolina Hellsgård

    Drehbuch: Carolina Hellsgård

    Darsteller: Anne Ratte-Polle, Marko Dyrlich, Nele Trebs, Michael Baderschneider, Robert Viktor Minich, Mehmet Yilmaz, Jan Bülow

    Produktion: Johanna Aust/ FLICKFILM GbR

    Verleih: Basis Film

    Länge: 87 Minuten

    FSK: ab 12 Jahren

    Start: 9. Juni 2016

  • Offizielle Website zum Film


insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
christian simons 08.06.2016
1.
"Fear And Loathing On Immenhof" scheint zumindest vom Konzept her eine interessante Idee zu sein. Hoffentlich ist das ganze nicht so spröde und humorlos inszeniert, wie die Rezension befürchten lässt.
chuckal 08.06.2016
2. Bibi und Tina
ab 18!
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