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18. Februar 2013, 15:03 Uhr

Zombiefilm "Warm Bodies"

Meine Liebe ist stärker als mein Tod

Von Tim Slagman

Achtung, liebe Horrorfans! "Warm Bodies" deutet den Zombie jetzt zum romantischen Lover um. Aber keine Angst, die Rechnung geht auf - gerade weil der Kinofilm vor großen Gefühlen nicht zurückschreckt. Und an Gehirnen geknabbert wird ja trotzdem.

Was macht den Zombie-Mythos aus? Eigentlich erstaunlich wenig: Zombie-Sein ist ansteckend - und es zwingt zum rücksichtslosen Töten. Auf viel mehr konnten sich all die unterschiedlichen Interpretationen des apokalyptischen Kino-Mythos, den George A. Romero 1968 mit "Die Nacht der lebenden Toten" begründet hatte, nicht einigen. Und nun macht Jonathan Levines "Warm Bodies" sogar Schluss mit der Mär von der Gefühllosigkeit dieser Kreaturen.

Ein junger Typ namens R (Nicholas Hoult, "Skins"), der sich an seinen Vornamen nicht mehr erinnern kann, schleicht ziellos durch die Gänge eines alten Flughafenterminals, in einer stillgelegten Maschine hat er sich ein nostalgisches Refugium angelegt - vollgestopft mit Souvenirs aus einer Zeit, als er selbst noch ein Mensch war. Einige Menschen gibt es noch. Sie leben in einer Festung in der nah gelegenen Stadt, wo der unnachgiebige General Grigio (John Malkovich) sie auf den Kampf gegen die Zombie-Horden einschwört.

Die Stadt selbst ist Kampfgebiet. R fällt dort regelmäßig mit seinen Kumpels ein, um den Hunger nach Menschenfleisch zu stillen, die Menschen suchen ab und an nach übrig gebliebenen Medikamenten und Verpflegung. Wenn die beiden Gruppen aufeinandertreffen, endet das stets blutig: So macht R sich über Perry (Dave Franco) her, den Freund von Julie (Teresa Palmer), Tochter des Generals. Dann entführt er die ahnungslose Julie in sein Flugzeug. Und irgendwo zwischen dem Sound alter Schallplatten und dem gelegentlichen Knabbern an Perrys Gehirn entwickelt sich so etwas wie ein Gefühl in seinem Herzen, das schon so lange nicht mehr schlägt.

Picknick auf der Blumenwiese

Zugegeben, Großmeister Romero selbst brachte schon 1985 in "Day of the Dead", dem dritten Teil seiner Untoten-Saga, mit "Bub" einen lernfähigen, womöglich gar domestizierbaren Zombie in den Genrekosmos ein. Aber der verfaulende Kannibale als romantischer Liebhaber, der sich gleich in der allerersten Szene mit einem nachdenklich-humorigen Voiceover als Identifikationsfigur aufdrängt? Der von Picknicks auf Blumenwiesen träumt, und für den der Filmkomponist Marco Beltrami ab und zu den satten Streicherkitsch erklingen lässt?

Genrefans können sich bisweilen als gewaltig konservativ erweisen. Als etwa Danny Boyle 2002 mit "28 Days Later" dabei half, den Zombie popkulturell wiederauferstehen zu lassen, löste er gewaltige Diskussionen aus - und das nur deshalb, weil er seine Monstren flott rennen ließ, statt ihnen ein stetiges Schlurfen aufzuzwingen.

Jonathan Levine also wusste, worauf er sich einließ, als er Isaac Marions Romanvorlage "Mein fahler Freund" fürs Kino adaptierte. Wie naheliegend wäre es da gewesen, die Sentimentalität dieses Stoffes ständig ironisch zu unterlaufen? Wie viele Regisseure wären der Versuchung erlegen sich abzusichern, indem sie ständig signalisieren: Alles nicht so gemeint?

Die Liebe heilt alle Wunden

Für Levine kommt das nicht in Frage. Er gönnt sich zwar einige ironische Momente, so untermalt er etwa die erste Begegnung von R und Julie, ein Beiß- und Feuergefecht um Leben und Tod, mit John Waites doch eher schmalzigem "Missing You". Überhaupt spiegelt der Soundtrack, von Roy Orbison bis hin zu den Scorpions, ein mal schmachtendes, mal schmissiges jugendliches Lebensgefühl - und das in einer Welt, die keine Unschuld und keinen jugendlichen Überschwang mehr zu kennen scheint.

"Warm Bodies" zielt - ähnlich wie die "Twilight"-Filme - damit unverkennbar auch auf ein Publikum, das bisher wenig mit den Exzessen des Horror-Subgenres anzufangen wusste. Die dramaturgischen Konzessionen an die romantische Komödie zeugen davon ebenso wie die diskret außerhalb des Bildes platzierten Fressanfälle der Zombies, die dem Film eine Freigabe ab zwölf Jahren ermöglichten.

Aber je weiter die Handlung fortschreitet, desto verblüffender ist Levines Mut zum Pathos. Am Ende, das sei verraten, erweist die Liebe sich gar als Heilmittel. Der Zombiefilm war ja, entgegen seines landläufigen Images, eigentlich schon immer ein spirituelles Genre: Worin unterscheidet sich schließlich der Mensch noch von seinem untoten Gegenüber, wenn nicht durch seine Seele? Die erwies sich in vielen Geschichten dann aber als so schwarz, dass es besser schien, erst gar keine zu haben - und genau dieser Pessimismus ist Levine vollkommen fremd.

Umso stärker fällt dadurch jedoch auf, dass "Warm Bodies" auch ein Film voller verschenkter Chancen ist. Um die Zombies noch näher an die Menschen zu rücken, gibt es die "Boneys", furchtbare haut- und fleischlose Kreaturen, der Endzustand einer irreversiblen Zombiefizierung, für immer verloren für Empfindung und Gefühl. Warum sollte man aber mit einem Mythos aufräumen, nur um diesen in ganz ähnlicher Form dann gleich wieder zu reproduzieren?

Und wenn es dann doch sein soll - welche Kraft steckte trotzdem in dieser Konstellation: Der Zombie als Zerrissener, den es zum Menschen zieht, der aber zum Boney verdammt ist. Dieses Potential lotet die Geschichte nicht einmal ansatzweise aus. Vielleicht sind wir doch noch nicht so weit, den Zombie als tragischen Helden zu akzeptieren. Vielleicht wusste Levine aber auch nur um das eine, wirklich unverrückbare Gesetz: Tragische Helden retten nun mal nicht die Welt.

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