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"Watchmen"-Regisseur Snyder: "Ich wollte diese übertriebene Gewalt"

Der Kult-Comic "Watchmen" galt als unverfilmbar, US-Regisseur Zack Snyder ist es doch gelungen. Mit SPIEGEL ONLINE spricht er über Morddrohungen von Fans, den Sinn blutiger Gewalt im Kino - und erzählt, was seine Mutter über Supermans Festung in der Arktis weiß.

SPIEGEL ONLINE: Mr. Snyder, Sie haben sich getraut, den Kult-Comic "Watchmen" zu verfilmen, den Heiligen Gral der Comic-Fans. Wie viele Morddrohungen haben Sie schon erhalten?

Szene aus "Watchmen": "Kino kann nicht leisten, was ein Comic kann, aber umgekehrt ist es eben genauso"
Paramount Pictures / Warner Bros.

Szene aus "Watchmen": "Kino kann nicht leisten, was ein Comic kann, aber umgekehrt ist es eben genauso"

Snyder: Oh, es waren schon einige. Aber ehrlich gesagt nicht so viele wie damals, als ich das Remake von "Dawn of the Dead" drehte.

SPIEGEL ONLINE: Sie nehmen das ja ganz gelassen.

Snyder: Weil es normal ist. Diese leidenschaftliche Wut gehört zur Fankultur dazu, besonders wenn es um Werke geht, die so ernst und persönlich genommen werden wie "Watchmen". Und was soll ich schon dagegen machen? Eine Waffe trage ich jedenfalls nicht, falls Sie das meinen. Was ich bis heute nicht verstehe, ist die Schizophrenie der Fans: Sie wollen einerseits überhaupt nicht, dass man ihren Lieblingscomic verfilmt, und dann wiederum können sie es gar nicht abwarten. Schon sehr seltsam.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Angst vor der Reaktion des Kinopublikums und der Fans auf Ihre "Watchmen"-Version? Nicht zuletzt stehen neben Ihrer Reputation über 100 Millionen Dollar Budget auf dem Spiel.

Snyder: Ach, in diesen Kategorien denke ich gar nicht. Mir geht es jetzt eher darum, den Film endlich zu zeigen. Ich bin bereit! Ich bin aufgeregt! Und außerdem will ich mich nach drei Jahren mit diesem Film auch mal wieder anderen Dingen zuwenden. Es war eine Herzensangelegenheit, die ich auch umsonst gemacht hätte, aber es ist gut, damit fertig zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Film, der jetzt in die Kinos kommt, Ihre definitive Version von "Watchmen"?

Snyder: Ich hätte noch jahrelang weiter dran arbeiten können. Aber im Ernst: Es gibt einen Director's Cut, der drei Stunden lang ist, und eine noch längere Version, die eine animierte Nebenhandlung um das Piratenschiff, den "Black Freighter", enthält. All das wird irgendwann auf DVD erscheinen. Aber die etwas kürzere Kinoversion ist gut so, wie sie ist und wird auch funktionieren.

SPIEGEL ONLINE: Alan Moore, der Autor des Comics, hat sich frühzeitig von jeder "Watchmen"-Verfilmung distanziert. Hatten Sie während der Dreharbeiten Kontakt zu ihm?

Snyder: Nein, leider nicht. Er hat sich jede Kontaktaufnahme verbeten. Ich habe zwar das eine oder andere Mal versucht, mit ihm zu sprechen, musste mich aber den Gegebenheiten beugen. Zum Glück hatten wir mit dem Zeichner Dave Gibbons die andere Hälfte des "Watchmen"-Teams im Boot. Dave war sehr großzügig mit seiner Zeit und hat uns unterstützt, wo er konnte. Das war sehr cool.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch: Sie als Fan müssen doch besonders unter dem Liebesentzug Alan Moores leiden.

Snyder: Es tut ja auch weh! Vielleicht haben wir den Film auch deshalb so originalgetreu wie möglich gemacht. Um seine Abwesenheit zu kompensieren.

SPIEGEL ONLINE: Oder um ihm zu beweisen, dass es eben doch geht? Moore hat schon Ende der achtziger Jahre gesagt, dass er seine Graphic Novel für unverfilmbar hält. Er habe mit "Watchmen" ja gerade zeigen wollen, was das Medium Comic dem Kino voraus hat.

Snyder: Kino kann nicht leisten, was ein Comic kann, aber umgekehrt ist es eben genauso. Ein simples Beispiel: Dr. Manhattan ist in der Vorlage nur ein Vehikel für philosophische Sprüche, man bekommt nie einen richtigen Draht zu ihm. Dank dem Schauspieler Billy Crudup sehen wir im Film nun Schmerz und Zweifel in seinem Gesicht - letztlich also den Menschen hinter diesem gottgleichen Charakter. So haben wir den Figuren etwas verliehen, was nur Kino wirklich gut kann, nämlich emotionale Tiefe.

SPIEGEL ONLINE: "Watchmen" ist ein sehr langer, düsterer und politischer Film über eine Bande Psychopathen und Fetischisten. Die Fans schreckt das sicher nicht ab, aber wie wollen Sie eigentlich ein Massenpublikum für Ihren Film begeistern?

Snyder: Ich setze darauf, dass sie zunächst keinen Unterschied machen zwischen Superman und Dr. Manhattan. Dass sie abends losgehen und sagen: Lass uns einen Superhelden-Film anschauen! Und wenn ich sie so erstmal ins Kino gelockt habe, dann, zack!, sehen sie "Watchmen". Als ich damals den Comic zum ersten Mal las, ging es mir genauso. Ich dachte: Cool, eine neue Superhelden-Saga. Und dann entdeckte ich, dass es das genaue Gegenteil war - und war begeistert. Auf diesen Effekt hoffe ich auch beim Mainstream-Publikum. Ich will die ganze Subversivität der Vorlage auf die Leinwand transportieren.

SPIEGEL ONLINE: Unter anderem ist in "Watchmen" zu sehen, wie Gliedmaßen abgehackt werden und wie eine schwangere Frau erschossen wird. Musste so viel Brutalität sein?

Snyder: Wenn Sie wüssten, wie schwer es war, das alles an den Bedenkenträgern von Warner Bros. vorbeizubekommen! Aber ich wollte zu weit gehen, ich wollte genau diese übertriebene Gewalt. Nichts ist schlimmer als diese alltägliche, ab 13 Jahren freigegebene Gewalt in Actionfilmen, in denen niemand wirklich verletzt wird oder niemand stirbt. Das finde ich gefährlich, besonders für die Kids. Ich aber will den Punkt beim Zuschauer erreichen, an dem er sich selbst beim Genuss der schrecklichsten Szenen ertappt und sich fragt, ob etwas mit ihm nicht stimmt. Dann wird es wirklich interessant, dann denkt er vielleicht auch über die ganze andere Gewalt nach, die er in anderen Filmen einfach so als Unterhaltung konsumiert.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen das Mainstream-Kino mit seinen eigenen Waffen schlagen. Das ist tatsächlich recht subversiv für einen Film, der mit enormer Marketing-Kampagne und allein in den USA mit 3600 Kopien anläuft.

Snyder: Ja, abgefahren, oder? Aber ich finde es wichtig, Filme wie "Watchmen" zu machen, um die Art und Weise, wie Kino zurzeit gemacht wird, ein bisschen aufzumischen. Ich glaube, die Zeit ist reif, und das Publikum ist bereit für eine Entwicklung hin zu anspruchsvolleren Stoffen im Genre der Comicverfilmungen. Man muss "Watchmen" nicht lieben, aber man sollte zumindest die Mühe und den Aufwand würdigen, mehr zu schaffen als Massenware wie "Die Fantastischen Vier".

SPIEGEL ONLINE: Dennoch, "Watchmen" ist nicht "The Dark Knight". Bei Ihnen heißt Batman Nite Owl und hat Potenzprobleme. Ist das nicht ein bisschen viel popkulturelle Ironie, die Sie den Zuschauern abverlangen?

Snyder: Ach kommen Sie! Sogar meine Mutter weiß, dass Superman eine "Festung der Einsamkeit" in der Arktis hat. Oder fragen Sie irgendjemanden auf der Straße, wie Peter Parker zu Spider-Man wurde: Jeder weiß das! Comics sind längst Teil des aktuellen Zeitgeists und viel tiefer in der Massen-Popkultur verankert, als man denkt. Die Leute haben das Referenzsystem drauf, sie haben genug popkulturelle Bildung und politisches Bewusstsein, um Spaß an "Watchmen" zu haben, da bin ich ganz sicher. Auch wenn man sie erst unter Vorspiegelung falscher Tatsachen ins Kino locken muss.

SPIEGEL ONLINE: Und was machen Sie, wenn "Watchmen" dennoch grausam floppt?

Snyder: Als wir damals "300" machten, war ich sicher, dass wir einen reinen Nischenfilm drehen, der nur von ein paar Hardcore-Fans gesehen werden würde. Niemand ahnte, dass es ein 500 Millionen Dollar schwerer Blockbuster werden würde. Aber es kam so. Wer weiß schon, was passiert? Was die Comic-Fans betrifft, steht für mich einiges auf dem Spiel. Wenn das hier schiefgeht und die Leute den Film hassen, habe ich meinen Bonus verspielt. Dann muss ich für den Rest meines Lebens romantische Komödien drehen.

Das Interview führte Andreas Borcholte

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Watchmen
wanderprediger, 06.03.2009
Zitat von sysopDer Kult-Comic "Watchmen" galt als unverfilmbar, US-Regisseur Zack Snyderist es doch gelungen. Mit SPIEGEL ONLINE spricht er über Morddrohungen von Fans, den Sinn blutiger Gewalt im Kino - und erzählt, was seine Mutter über Supermans Festung in der Arktis weiß. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,611703,00.html
Ich freu mich auf Watchmen
2. mal sehen
problematix 06.03.2009
Zitat von wanderpredigerIch freu mich auf Watchmen
Ich auch. Was die Gewalt betrifft, so ist mir nicht klar, ob man einen allgemeinen Sinn ausmachen kann, aber da es nun mal Filme gibt, die solche zeigen, hat der Regisseur sicherlich eine Berechtigung für seine Position. Was aus unserer Gesellschaft wird, wenn solches tatsächlich mainstream wird, muss man halt mal abwarten. Es wird sicherlich immer auch Filme geben, die Gewalt nur dort zeigen, wo es nötig ist, sie zu zeigen, u.a. z.B. gar nicht. Bleibt abzuwarten, wann die Tagesschau erstmalig entsprechende Gewaltszenen zeigen wird - oder auch nicht abzuwarten, ggfls. befinde ich mich dann bereits in einem anderen Land.
3. Großartig.
mime 06.03.2009
Klasse Verfilmung eines komplexen Stoffes. Ich war gestern im Kino und konnte innerlich schmunzelnd erleben, wie einige Kinogänger schon nach 20 min den Saal verließen. Das passiert, wenn man glaubt, sich die nächste Fanstastic-Four-Pampe anzuschauen. Action ist nunmal selten, hier geht es um Inhalt und Charaktere....und was für welche. Selten wurde sich für die Charakterbildung soviel Zweit gelassen. Der ganze Film (sowie das Comic) ist ein einziges Exposé. Ich habe die 160 min voller Diskussionsstoff sehr genossen. Die größte Änderung zur Vorlage (ENDE!) ist überaus intelligent und passend und eigentlich sogar besser als das Originalfinale. Einzig der Abspannsong ist ein Verbrechen und passt nicht so recht zur Epic und Elegie dieses Werkes. Ich bin auch die Zuschauerzahlen gespannt und wage zu behaupten, dass dieser Film nicht wirklich durchstarten wird. Aber er zeigt The Dark Knight, wie eine wirklich düstere Comicverfilmung auszusehen hat. Ganz großes Kino.
4. Massentauglich?
homernarr 06.03.2009
Gestern Abend gesehen und IMO hat Snyder nix verkehrt gemacht. Mit 162 Minuten / 2h 42m ist der Film nicht kurz und trotzdem musste viel ausgelassen werden. Wer anderes dachte kennt "Watchmen" nicht. Der Kern der GN (Graphic Novel) wurde erfasst und korrekt wiedergegeben. Nicht alles ist exakt so wie in der GN, aber die Änderungen passen und wurden gemacht um die Länge des Films unter 3 Stunden zu halten. IMO: Fast so gut verfilmt wie "Der Herr der Ringe". Also sehr nah an der Story mit Anpassungen für das Kino.
5. nicht besser aber gut
homernarr 06.03.2009
Zitat von mimeKlasse Verfilmung eines komplexen Stoffes. Ich war gestern im Kino und konnte innerlich schmunzelnd erleben, wie einige Kinogänger schon nach 20 min den Saal verließen. Das passiert, wenn man glaubt, sich die nächste Fanstastic-Four-Pampe anzuschauen. Action ist nunmal selten, hier geht es um Inhalt und Charaktere....und was für welche. Selten wurde sich für die Charakterbildung soviel Zweit gelassen. Der ganze Film (sowie das Comic) ist ein einziges Exposé. Ich habe die 160 min voller Diskussionsstoff sehr genossen. Die größte Änderung zur Vorlage (ENDE!) ist überaus intelligent und passend und eigentlich sogar besser als das Originalfinale. Einzig der Abspannsong ist ein Verbrechen und passt nicht so recht zur Epic und Elegie dieses Werkes. Ich bin auch die Zuschauerzahlen gespannt und wage zu behaupten, dass dieser Film nicht wirklich durchstarten wird. Aber er zeigt The Dark Knight, wie eine wirklich düstere Comicverfilmung auszusehen hat. Ganz großes Kino.
Ich würde nicht *besser* sagen, aber für das Kino passender wegen der Weglassungen. Bei mir hat keiner den Film vorzeitig verlassen, aber ich abe auch Zweifel am Megaerfolg. Man stelle sich vor ein Superheldenfilm mit echtem Anspruch. Das dürfte für einige Leute ein Widerspruch in sich darstellen.
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Comic-Verfilmung: Zack Snyders "Watchmen"


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