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"We feed the World": Das schmeckt nach Gier

Von Oliver Voß

Eine Doku, die auf den Magen schlägt - und dennoch Zuschauer begeistert: Der österreichische Filmemacher Erwin Wagenhofer hat sich in "We Feed the World" die globalen Produktionsverhältnisse von Nahrungsmitteln vorgeknöpft und ein Menü aus Zynismus, Gier und Ignoranz entdeckt.

Wenn wieder einmal Gammelfleisch im Supermarktregal gefunden wurde oder die Pestizidbelastung von Gemüse die zulässigen Grenzwerte überschreitet, ahnt man für einen Moment, was täglich auf den Tellern landet. Beim nächsten Einkauf wird dann zur Biotomate gegriffen, doch so schnell, wie die Lebensmittelskandale aus den Medien verschwinden, geht man wieder zur Tageskarte der Billigangebote über.


Geht es ums Essen, sind die Deutschen geizig: Beim Anteil des Einkommens, der für Nahrungsmittel ausgegeben wird, gehört Deutschland zu den Schlusslichtern in Europa. Das ist auch der Discountkultur und den geringen Preisen für Lebensmittel geschuldet. Der österreichische Dokumentarfilmer Erwin Wagenhofer hat sich dieses Menü aus wirtschaftlichen und kulturellen Faktoren vorgeknöpft, wobei ihn weniger die großen Skandale als die schwer verdaulichen Details der Produktionsbedingungen interessieren.

Zu Beginn von "We feed the world - Essen global" wird der Zuschauer mit dem alltäglichen Wahnsinn der Überflussgesellschaft konfrontiert: Ein Lastwagen schüttet einen Berg Brot aus. Täglich wird in Wien so viel Brot vernichtet wie Graz verbraucht. Ein Viertel des Restmülls in der österreichischen Hauptstadt besteht aus unverbrauchten Lebensmitteln. Eigentlich will man von solchen Dingen genauso wenig wissen, wie über die genauen Inhaltsstoffe des schnell verschlungenen Pausen-Snacks. Daher ist es erstaunlich, dass die Dokumentation in Österreich zum Kassenschlager wurde, mit mehr Zuschauern als "Fahrenheit 9/11".

Im Gegensatz zu Michael Moore oder der Burgerdiät-Dokumentation "Super Size Me" verzichtet Wagenhofer jedoch auf Polemik. Stattdessen lässt er Fakten und Bilder für sich sprechen. Dabei sind Aufnahmen von Massentierhaltung eigentlich nichts Neues. Wenn aber Küken gleich kistenweise in die Aufzuchtstationen gekippt werden, zeigt sich der Kapitalismus von seiner unappetitlichsten Seite. Ähnlich beklemmend: die Luftbilder von Südspanien, wo die Gegend um Almeria flächendeckend mit Gewächshäusern zugepflastert ist, oder der brennende Mais, mit dem Fernwärme produziert wird.

Mangel im Überfluss

"We Feed the World" bezieht seine kritische Wirkung vor allem von den Produzenten selber, die ausgiebig zu Wort kommen. Zynismus gibt den Ton an bei ihrer Selbstdarstellung: So begeistert sich der Produktionsleiter eines der größten Saatgutkonzerne für die Ursprünglichkeit der rumänischen Landwirtschaft. Er lobt den Geschmack schrumpeliger Auberginen, die man so in Österreich nicht mehr finde, und sagt dann: "Wir haben den Westen runtergewirtschaftet, jetzt gehen wir nach Rumänien und versauen dort die Landwirtschaft."

"Den Handel interessiert der Preis, Geschmack ist kein Kriterium", erklärt ein Geflügelzüchter. Für viele Verbraucher gilt das auch. Doch in den letzten Jahren zeichnet sich ein Bewusstseinswandel ab. Bioprodukte erobern inzwischen auch die Regale der Discounter; der langjährige Greenpeace-Chef leitet die Organisation "Foodwatch"; Köche werden zu Popstars. "Kochen ist der heißeste Trend, der momentan abgeht", sagt Rap-Mogul P.Diddy, der in den USA gerade ein Promi-Kochduell fürs Fernsehen produziert.

Der Film passt also zum Zeitgeist, quasi als Negativ des romantischen Bildes von der natürlich-geschmackvollen Ernährung. Denn während Lifestyle-Magazine Kochkurse und Edelpfannen zu den neuen Statussymbolen erklären, macht Wagenhofer vor allem auf die Schattenseiten der Entwicklung aufmerksam: den Mangel im Überfluss.

Bestes Beispiel: Während Jean Ziegler, UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, beklagt, dass jeden Tag tausende Menschen an Hunger sterben, hat Nestlé einen neuen Markt entdeckt. "Wasser ist ein Lebensmittel, und so wie jedes andere Lebensmittel sollte das einen Marktwert haben", sagt der Chef des weltgrößten Nahrungsmittelherstellers, Peter Brabeck.

Ausgerechnet ihn überkommt beim Anblick der eigenen Produktfülle eine kulturkritische Wallung: "Wir haben alles, was wir wollen und sind trotzdem psychisch in einer Trauerstimmung". Zum Heulen, so viel Koketterie. Und ziemlich unappetitlich.

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