Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Ende eines bizarren Streits: "Snowpiercer" darf ungekürzt laufen

Von

Nach der Berlinale-Premiere des von Kritikern gefeierten "Snowpiercer" gab Hollywood-Mogul Harvey Weinstein auf: Der Film darf nun doch ungekürzt erscheinen. Regisseur Bong Joon-ho muss dafür auf einen möglichen Blockbuster-Erfolg verzichten. Weinstein will den Film nur in Programmkinos zeigen.

"Snowpiercer": Der Weltuntergangsfilm, der fast unterging Fotos
CF Entertainment/ MFA

Es ist das passende Ende für eine Realsatire, die kaum nachzuvollziehen ist: Nach mehr als einem halben Jahr Tauziehen zwischen Vertrieb und Regisseur darf der koreanische Film "Snowpiercer" in seiner qualitativ hochwertigeren Form in die Kino kommen. Allerdings nur "in ausgewählte", denn Hollywood-Mogul Harvey Weinstein, der die Vertriebsrechte in den meisten Ländern besitzt, hält den Film nach wie vor für "zu intelligent" für das normale Publikum.

Seit Sommer 2013 verweigerte Weinstein dem Film "Snowpiercer" von Regisseur Bong Joon-ho den Kinostart in den meisten Regionen der Welt. Und dass, obwohl er überall, wo er anlaufen konnte, zum Kritiker- und Publikumserfolg wurde.

Das kündigt sich nun auch in Deutschland an. Am Freitagabend wurde "Snowpiercer" in deutsch synchronisierter Form und im Director's Cut im Programm des internationalen Forums gezeigt. Ungewöhnlich war das allein schon darum, weil dort normalerweise eher elegisches Kunstkino zu sehen ist. "Snowpiercer" aber ist kraftvolles, oft brutales Actionkino.

Weil der Film zugleich aber auch kunstvoll und menschlich, in Passagen tief und voller für einen Actionfilm ungewöhnlich detaillierter Charakterzeichnungen ist, begeistert er auch Kritiker - und ließ Weinstein zu seinem zynischen, inzwischen berühmt-berüchtigten Urteil kommen, der Film sei "zu intelligent" für das US-Publikum.

Er verlangte deshalb von Regisseur Bong Joon-ho eine Kürzung um 25 Minuten. Was er wollte: Weniger Handlung, mehr Action. Sollte Bong das verweigern, würde der Film "auf Eis" gelegt.

Die "Snowpiercer"-Stars Ah-sung Ko, Song Kang-ho, John Hurt und Tilda Swinton (von links) bei der Berlinale-Premiere am Freitag. Zuletzt hatte sich John Hurt öffentlich an Weinstein gewandt, den Film endlich freizugeben Zur Großansicht
Getty Images

Die "Snowpiercer"-Stars Ah-sung Ko, Song Kang-ho, John Hurt und Tilda Swinton (von links) bei der Berlinale-Premiere am Freitag. Zuletzt hatte sich John Hurt öffentlich an Weinstein gewandt, den Film endlich freizugeben

Jetzt knickte er ein. Nach der gefeierten Berlinale-Premiere stimmte er einem Vertrieb von "Snowpiercer" in ungekürzter Form zu. Für Bong Joon-ho, für den "Snowpiercer" die erste Produktion in englischer Sprache und mit internationalen Stars war, muss dieser Sieg im Streit mit "Harvey Scissorhands" ("Scherenhände") allerdings einen bitteren Beigeschmack haben: Weinstein verweigert dem Film im Director's Cut nach wie vor den großen Vertrieb und stimmt der Vorführung nur "in ausgewählten Kinos" zu.

"Action-Avantgarde"

Damit verliert die mit 40 Millionen Dollar Produktionskosten bisher teuerste koreanische Filmproduktion wohl die Chance, doch noch zu einem Blockbuster zu werden. Für Bong Joon-ho war es offenbar wichtiger, den Charakter des Films zu erhalten.

Sein Geld hat "Snowpiercer" trotz des Gezerres um den Vertrieb längst wieder eingespielt. Nach der Kinoauswertung in nur wenigen Ländern bewegen sich die Einnahmen derzeit bei circa 150 Millionen Dollar. "Snowpiercer" ist trotz aller Hindernisse auf dem Weg, zumindest ein Kassenschlager zu werden.

In Deutschland ist der Film ab Anfang April zu sehen, im vollständigen Director's Cut und wahrscheinlich mit circa hundert Kopien. Was Kinogänger dann erwartet: "Mitreißendes und überraschendes Action-Kino. Aber eben auch mehr", urteilte Oliver Käver in der "Zeit". "Eine Bombe von einem Film" sah "Cicero"-Kritiker Constantin Magnis, einen "wuchtigen Thriller und surreale Satire zugleich" Sebastian Handke im "Tagesspiegel".

Selten einhelliges Lob für einen Film, der auch düster, brutal, actionreich und klaustrophobisch ist. Was ihn auszeichnet, und da hat Weinstein Recht: Er ist eben auch intelligent, ein Actionkracher, bei dem man sich nicht schämen muss, wenn man ihn mag. Oliver Käver ordnet ihn in der "Zeit" gleich in ein eigenes Genre ein: "Action-Avantgarde". "Snowpiercer" sei im Forum der Berlinale deshalb "bestens aufgehoben".

"Snowpiercer": Trailer mit deutschen Untertiteln

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Klasse!
jupiter_jones 09.02.2014
Dann hat uns Hollywood also jahrelang für "Dumm" verkauft?! Ernüchternd und schockierend zu gleich..
2.
el_zombo 09.02.2014
Ohne den Film gesehen zu haben: das hört sich aber auch zu viel an für die Durschnittskinogänger... was gibt's eigentlich als nächstes Remake aus Hollywood? Aber Scherz beiseite, es fällt immerhin noch leichter, weiterhin nicht für Filme zu bezahlen, für die es nicht lohnt. In welcher Form auch immer.
3. Länger = Besser?
helge2707 10.02.2014
Den Produzenten, der die Filme herstellt, an die die Studios sich nicht herantrauen, als "Hollywood-Mogul" zu bezeichnen ist putzig. Um zu beurteilen, ob der Film in der qualitatv besseren Form in die Kinos kommt, müsste mal wohl die kürzere Fassung gesehen haben. Wie der Autor zu dieser Behauptung kommt, ist nicht klar. Länger=besser? Die Einseitigkeit des Artikels vermittelt den Eindruck, dass der Autor zuviele schlechte Hollywood Filme gesehen hat und dadurch im Klischee des Produzentenbildes der 80er Jahre steckengeblieben ist. Insbesondere die naive Annahme, dass mit 150 Mio Boxoffice Brutto die Herstellungskosten von 40 Mio bereits refinanziert seien zeigt, dass es hier Nachholbedarf gibt.
4. Der Film ist der Hammer!!!! Ich kann ihn nur jedem empfehlen.
phraseonym 10.02.2014
Hach und der schnöde Mammon hat doch schon immer regiert. Der routinierte Kinogänger geht ja meist nicht nur in die großen Kinoketten, sondern sucht auch mal kleinere Alternativen auf. Dort habe ich bisher immer die positivsten Kinoüberraschungen erlebt. Filme, die in keinem teaser oder trailer gezeigt wurden und dennoch einfach genial und durchaus massentauglich sind. Aber der Herr Weinstein ist eben durch und durch Geschäftsmann und betreibt das Ganze ja nicht als Philantroph.... also was soll die Aufregung, einfach mal selber öfter über den Tellerrand blicken und sich nicht immer nach großen Hypes und der Masse richten, dann hat die eigene Meinung auch Platz. ;-)
5. bin gespannt - oder auch nicht
dt70198903 10.02.2014
Pluspunkte hat der Film durch den Regiesseur der mit Mutter und The Host schon untzerhaltsame Perlen abgeliefert hat. Aber ob die Geschichte diesmal ausreicht? Die Verfilmung eines Comics welcher in Ausschmückung eher dem Weltbild pubertierender Jungs und kindgebliebener 30j-Hipstern entspricht. Ein ellenlanger Zug der in einer neuen Eiszeit rund um den Planeten seine Runden dreht und dort die gesamte Rest-äMenschheit versammelt hat? Na gut, es wurden schon dümmere Geschichten erfolgreicher verfilmt, wenn auch von Marvel & Co.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: