"Weit wie das Meer" Liebe ist wie Flasche leer

Elke Heidenreich über den Bestseller "Weit wie das Meer" von Nicholas Sparks.


Nicholas Sparks hat wieder einen Wie-Roman geschrieben. Der erste hieß "Wie ein einziger Tag" (1996), der zweite heißt "Weit wie das Meer". Natürlich lauten die amerikanischen Originaltitel anders, aber diese Wies ziehen sich als Krücken durch die Romane, denn nichts ist einfach nur, alles ist "wie". Meist ist sogar alles "irgendwie": Irgendwie männlich, irgendwie traurig, irgendwie ganz besonders, und am Schluß ist dem Leser irgendwie so schlecht, als hätte er drei Marzipantorten gegessen und noch süßen Kakao dazu getrunken, süß wie die Liebe und weit wie das Meer.

"Message In A Bottle" heißt der neue Roman nüchtern im Original, und es ist nicht der berühmte Song von Police damit gemeint, sondern eine Flaschenpost der Liebe, die irgendwie ins Meer gelangt, irgendwann irgendwo angeschwemmt wird und Theresa Osbornes einsames Herz erreicht. Theresa ist geschieden, alleinerziehende Mutter eines rundum tollen Sohnes, sie schreibt Kolumnen für eine Zeitung und sehnt sich, wie wir alle, nach der einen, wahren, großen, einzigen Liebe.

Dieses Muster funktionierte schon in Sparks erstem Roman, es funktioniert von Anbeginn der Welt, also warum sollte man es nicht hier ein weiteres Mal anwenden: Gibt es sie, die eine, wahre, große, einzige Liebe? Aber natürlich! Man muß nur wollen! Und das wissen wir ja, liebe Leserin, lieber Leser, wenn man sie dann findet oder zumindest irgendwo irgendwie am Horizont aufblitzen sieht ­ dann heißt es zugreifen oder für immer versinken im Tal der Tränen.

Theresa greift zu, aber irgendwie halbherzig, und zur Strafe wird das Buch nun mit Kevin Costner in der männlichen Hauptrolle verfilmt.

Zur Sache: Theresa findet eine "message in a bottle", einen herzzerreißenden Liebesbrief von einem Garrett an eine Catherine. Sie ist zutiefst ergriffen, aber nicht ergriffen genug, um diese private Botschaft dann nicht doch als Kolumne zu verwursten. Eine Leserin meldet sich: So einen Brief hat auch sie einmal gefunden! Auch als Flaschenpost! Und noch eine dritte Liebesflasche taucht auf, und Theresa wäre ja keine blendende Reporterin, würde sie nun nicht recherchieren.

Natürlich findet sie den Absender, und natürlich "fand sie ihn noch attraktiver, als sie erwartet hatte ­ warum, wußte sie nicht. Er war groß und breitschultrig. Sein Gesicht ­ nicht im herkömmlichen Sinne schön ­ war gebräunt und zerklüftet, als hätten Sonne und Meer ihren Tribut gefordert. Seine Augen waren bei weitem nicht so ausdrucksstark wie Davids, aber es lag etwas Bezwingendes, etwas ausgesprochen Männliches in der Art, wie er vor ihr stand". Na, sehen wir nicht Hollywoodstar Kevin Costner geradewegs schon vor uns? Ach, und schauen Sie sich bitte auch das Foto des jungen, irgendwie attraktiven Autors auf der Umschlagklappe an: "Es war etwas Geheimnisvolles, etwas Außergewöhnliches an der Art, wie er handelte ­ etwas Maskulines. Und das unterschied ihn von allen Männern, denen sie bisher begegnet war."

Arme Theresa, wie wir alle nur noch umgeben von Weichlingen, und plötzlich taucht das Maskuline auf und mäht sie um. Aber auch Garrett ist von Theresas "Konturen" beeindruckt. Kurzum, alles kommt, wie es kommen muß, sie erzählen sich ihr Leben, und wir wissen ja: Am Meer klingen selbst die Stimmen "freier, wie von der Luft in unendliche Weiten getragen".

Aber es geht nicht gut, denn "er hatte so etwas Grundehrliches an sich", und "sie hatte so etwas Manipulatorisches", und schon zerbricht die Liebe, schneller als all diese Liebesflaschen mit den Briefen, die am Ende wieder irgendwie übers Weltmeer segeln.

Das Ganze finden wir, aus dem Amerikanischen übersetzt von Bettina Runge, seit Wochen auf der Bestsellerliste ­ Nicholas Sparks weiß, warum: "Heutzutage sind die Menschen so beschäftigt, daß die Romantik einfach zu kurz kommt." Das wird es wohl sein.

Schluchzend liegen wir auf dem Sofa und wollen Ähnliches erleben, und wenn der Autor tatsächlich auch nur den Ansatz zu einer eigenen Sprache hätte, dann wäre es nicht schlimm, 32 Mark für diese Schnulze zu bezahlen. So aber tun es die üblichen 2,30 Mark für einen gehefteten Groschenroman letztlich auch.

Ach, ich hab' noch eines vergessen, nur so, als Rat an die Leserinnen: Bei Kerzenlicht sieht Theresa besonders schön aus, und ihr Haar weht "verführerisch in der Abendbrise". Noch heute abend versuche ich es.

DER SPIEGEL 30/1998
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