"Wenn Träume fliegen lernen" Peter Pan als Therapeut

Wie im Märchen: Marc Forster verfilmte eine Episode aus dem Leben des Peter-Pan-Schöpfers James Barrie und heimste mehrere Oscar-Nominierungen ein. Doch der Film ist kein zauberhaftes Kunststück, sondern abgehobene Kinderei.

Von Daniel Haas


Abgehobene Kids (Filmszene): Flugs in Richtung Oscar
Buena Vista

Abgehobene Kids (Filmszene): Flugs in Richtung Oscar

Bei der kommenden Oscar-Verleihung werden sie alle dabei sein: der Himmelsstürmer Howard Hughes ("Aviator"), die Soul-Legende Ray Charles ("Ray"), der Sexualforschungspionier Kinsey. Zur Reihe illustrer Helden made in America gesellt sich jetzt ein Schotte, dessen Lebenstraum ebenso hochfliegend ist wie der des Luftikus Hughes: Sir James Matthew Barrie, der Theaterautor, der Peter Pan in die Kinderzimmer dieser Welt entließ.

Der Junge der nicht erwachsen werden will und als unbeschwerter Abenteurer die Phantasie beflügelt, ist eine perfekte Metapher für den Künstler selbst, der sich den Zwängen der konkreten Wirklichkeit nicht beugen will. Man hat für diesen Charakter passenderweise Johnny Depp gewählt, der von "Edward mit den Scherenhänden" bis "Ed Wood" den kreativen Kauz perfektioniert hat wie kaum ein anderer Darsteller seiner Generation.

Film-Barrie Johnny Depp: Kindskopf als Therapeut
Buena Vista

Film-Barrie Johnny Depp: Kindskopf als Therapeut

Die Leichtigkeit der Kunst ist natürlich nur um den Preis eines schweren Lebens zu haben. Der 1860 geborene Barrie, so erzählt es Fosters Film lose an der faktischen Vita des Viktorianers entlang, ist ein gefeierter Bühnenautor, den ein Flop und eine lieblose Ehe bedrücken. Auf der Suche nach Inspiration lernt er bei seinen täglichen Mußestunden im Park die Witwe Sylvia Davies (Kate Winslet) und ihre vier Kinder kennen. Aus der Zufallsbekanntschaft wird Freundschaft, bald schon gehört Barrie zur Familie. Hier findet der Dramatiker ein dankbares Publikum zur Erprobung neuer Ideen, und zwischen Indianer- und Piratenspiel reift die Idee, ein Stück zu schreiben.

So wird die Geburt Peter Pans aus dem Geiste der Notgemeinschaft entwickelt: Davies und ihre Jungs werden von einer überstrengen Mutter (Julie Christie) schikaniert, Barrie von seiner auf Repräsentation bedachten Gattin (Radha Mitchell) gegängelt. Peter (Freddie Highmore), der Jüngste, kann zudem den Tod des Vaters nicht verkraften. Die Spielfreude des neuen Hausfreunds ist für ihn nur Hokuspokus.

Darstellerin Winslet und Film-Kids: Herziges Beisammensein
Buena Vista

Darstellerin Winslet und Film-Kids: Herziges Beisammensein

Peter wird am Ende das Vorbild sein für Peter Pan, das gekränkte Kind, dessen Leid sich in Magie und Kunst verwandelt. Hier kommt dem Autor die Rolle des Therapeuten zu, der weiß, dass Kinder Märchen brauchen. Das klingt sehr simpel und wird von Foster auch dementsprechend inszeniert: als Szenen-Reigen heiteren Beisammenseins, wo sich Gartenlauben in Dschungel und Erwachsene in Elfen verwandeln.

Es wäre gegen diese liebenswürdige Feier der Kreativität nichts einzuwenden, würde nicht ein restriktiver Zug durch Forsters Märchenland wehen. Phantasie ist Jungssache; Frauen gehören zur Ordnungsmacht, die wahlweise Moral oder Mammon einklagt. Dass vor allem Armut das Leben dieser Familie so hart macht wie Bühnendielen, dies wird in Fosters Kintopp-Traum nur ganz am Rande deutlich. Die Kunst in Gestalt des Gentleman-Schreibers Barrie geht nicht nach Brot - sie serviert Seelenspeise fürs schwer verdauliche Leben.

Depp, Winslet mit Filmkindern: Alles fein mit Phantasie
Buena Vista

Depp, Winslet mit Filmkindern: Alles fein mit Phantasie

Kreativität und Phantasie existieren nicht jenseits sozialer Zusammenhänge: Gegen diese Einsicht sträubt sich Forsters Regie so hartnäckig wie Peter Pan gegen das Erwachsensein. So gesehen ist "Wenn Träume fliegen lernen" tatsächlich ein kindischer Film, der Kreativität mit Sentimentalität verwechselt. Johnny Depp, Kate Winslet und Dustin Hofmann (als gutherziger Theaterdirektor) machen dennoch eine gute Figur, ihre kleinen Kollegen brillieren mit beeindruckend nuanciertem Spiel. Zwischen Hughes und Ray bleibt Barrie allerdings ein Kindskopf, der zu schwerfällig ist für einen kreativen Höhenflug und zu abgehoben für ein spannendes Drama.


"Wenn Träume fliegen lernen" ("Finding Neverland")
USA/Großbritannien 2004. Regie: Marc Forster. Drehbuch: David Magee. Produktion: Film Colony. Darsteller: Johnny Depp, Kate Winslet, Julie Christie, Radha Mitchell, Dustin Hoffman. Verleih: Buena Vista. Länge: 101 Minuten. Start: 10. Februar 2005.



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