"Werk ohne Autor" mit Tom Schilling Wer ist hier der Größte?

Florian Henkel von Donnersmarcks neuer Film ist ein Oscarkandidat. Dabei erzählt "Werk ohne Autor" kaum etwas: Weder über Kunst noch über die deutsche Vergangenheit - und erst recht nicht über Frauen.

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Es ist leicht, den neuen Film von Florian Henkel von Donnersmarck schlecht zu finden, denn er legt seine Schwächen sofort offen. In der ersten Szene streifen ein kleiner Junge und seine Tante durch eine Kunstausstellung, die als "Wanderausstellung Entartete Kunst" ausgewiesen wird, dazu die Einblendung "Dresden, 1937". Ein Ausstellungsführer erklärt dazu, wofür die gezeigte Kunst für die Nazis seit ihrer "Machtergreifung" steht.

Die Wanderausstellung "Entartete Kunst" hat 1937 im Münchner Hofgarten eröffnet, zu ihren späteren Stationen hat Dresden, soweit bekannt, nie gehört, auch wenn es dort zuvor schon ähnliche Ausstellungen gegeben hatte.

"Werk ohne Autor" weist seine faktische Ungenauigkeit zügig aus. Historische Korrektheit ist zwar kein absolutes Qualitätsmerkmal. Auch ein Film, an dem jedes Detail belegt und beglaubigt ist, kann misslingen. Aber an die Stelle der historischen Wahrheit muss etwas anderes treten, eine persönliche Wahrheit, die klarmacht, aus welcher Perspektive und Haltung heraus Dinge und Menschen umgedeutet, neu verortet oder gleich komplett erfunden werden. Eine Wahrheit, die durchs Ich-sagen Verantwortung übernimmt.

Um diese persönliche Wahrheit versucht sich Henkel von Donnersmarck zu drücken. Sein Film hat keine Grundlage und keine Überzeugung, er hat nur einen Fixpunkt: Größe. Durch Auszeichnungen (Oscar) und die Geschichte (Hitler, DDR) abgenickte Größe, im Fall seines Sujets, dem Maler Gerhard Richter, durch Preise am Kunstmarkt beglaubigte Größe (teuerster zeitgenössischer Maler der Welt).

Nicht-Verhältnis des Films zur bildenden Kunst

Mit der Kunst Richters, an dessen Biografie der Film eng angelehnt ist, kann "Werk ohne Autor" kaum etwas anfangen. Als die fotorealistischen Bilder, mit denen Richter der Durchbruch in der internationalen Kunstszene gelang, auch im Film Gestalt annehmen, geschieht das nicht mit Begeisterung für die Kunst, sondern nur für die Erkenntnisse über die eigene Familiengeschichte, die diese befördert.

Dieses Nicht-Verhältnis des Films zur bildenden Kunst tritt besonders zu Tage, als die Richter-Figur via DDR im Westen und in der Düsseldorfer Kunstakademie ankommt. Keiner Kunst, die dort entsteht, kann Henkel von Donnersmarck etwas abgewinnen. Was an Performance- und Installationsarbeiten zu sehen ist, wird veralbert und Joseph Beuys, der hier wie alle Filmfiguren nicht so heißen darf wie sein historisches Vorbild, zum Stichwortgeber für den ihn bald überflügelnden Schüler geschrumpft.

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"Werk ohne Autor": Brust ohne Frau

Dass verschiedene Kunstverständnisse und Künstler (geschweige denn Künstlerinnen) gleichwertig nebeneinander bestehen können, schließt der Film durch seine Fixierung auf Superlative aus: Der Größte kann nur einer sein. Neben Beuys wird so auch Richters enger Freund und Mitstreiter Sigmar Polke in die Unbedeutsamkeit verdrängt.

Im Befragen von Bilderwelten und deren Entstehung tut sich dieser Film so schwer, dass es schon wieder verständlich ist, warum es auch seine Figuren nicht können beziehungsweise nicht dürfen. Insbesondere bei der Inszenierung von Paula Beers Figur, der späteren Ehefrau des Künstlers, zeigt sich eine verblüffende Unbedarftheit. Immer wieder fährt die Kamera gierig ihren nackten Körper ab und hält wie eine grapschende Hand auf ihrer Brust inne. Als Richters Film-Alter-Ego Barnert (gespielt von Tom Schilling) nach seinem Heureka-Moment im Atelier nach Hause kommt, hat er seine kurzen Sätze zum künstlerischen Durchbruch noch nicht einmal zu Ende gesagt hat, als er sich schon zusammen mit der Kamera an Beers Ausschnitt zu schaffen macht. Kunst scheint hier von immer können zu kommen.

Der "male gaze"

Über vierzig Jahre ist es her, dass Laura Mulvey in "Visual Pleasure und Narrative Cinema" analysiert hat, wie im klassischen Hollywood-Film die Kamera den weiblichen Körper in Einzelteile zerlegt, bis von der Frau als denkender und handelnder Person nichts mehr übrigbleibt. Bei Henkel von Donnersmarck finden die Thesen vom "male gaze" Jahrzehnte nach ihrer Aufarbeitung und Kritik nun noch mal ihre unmittelbare, ungebrochene Illustration. Werk ohne Autor? Brust ohne Frau.


"Werk ohne Autor"
Deutschland, Italien 2018
Regie und Drehbuch:
Florian Henckel von Donnersmarck
Darsteller: Tom Schilling, Sebastian Koch, Paula Beer
Verleih: Walt Disney Studios Motion Pictures
Produktion: Pergamon Film, Wiedemann & Berg Filmproduktion
FSK: ab 12 Jahren
Länge: 188 Minuten
Start: 3. Oktober 2018


Wegen genau dieser Ignoranz fällt es schwer, den Film ernst zu nehmen. Was soll man zu einem Film sagen, den an Frauen der Busen fasziniert und an Männern der silberne Totenkopf auf der Mütze? Der Fernsehbild um Fernsehbild vom Nationalsozialismus und Zweiten Weltkrieg aneinander reiht, bis Aufnahmen aus der Gaskammer gegengeschnitten werden mit Bildern von der Bombardierung Dresdens, die gegengeschnitten werden mit sterbenden Wehrmachtsoldaten an der Ostfront. Sind das (schon) perfide Bilderfolgen, auch wenn es der Regisseur womöglich nicht besser kann und weiß?

Vor allem in den Szenen, die im nationalsozialistischen Deutschland und in der DDR spielen, wird eine Verzagtheit und Ideenlosigkeit deutlich, die überrascht. "Das Leben der Anderen" war ein selbstsicherer und originellerer Film. Womöglich muss man das Verhältnis von Henkel von Donnersmarck zur Kategorie der künstlerischen Größe noch einmal aus einer anderen Perspektive betrachten: Vielleicht hat er nach dem Erfolg von "Das Leben der Anderen" nicht seine eigene Idee von Größe inszeniert, sondern die Idee anderer zu spiegeln versucht. Schließlich hat er in seinem zweiten Film, dem Hollywood-Projekt "The Tourist" die Vorstellungen der Amerikaner von großem Kino gespiegelt: Angelina Jolie, Johnny Depp, Venedig.

Das hat damals nicht geklappt, weshalb Henkel von Donnersmarck nun noch einmal ansetzt, dem deutschen Kino dessen Idee von Größe zu spiegeln: Drittes Reich, DDR, BRD, Gerhard Richter, Tom Schilling, Paula Beer. Laufzeit: 188 Minuten, Start: 3. Oktober. Was für ein bezeichnender Starttermin auch für einen Film, der sich so sehr an der Staatskunst der anderen abarbeitet.

Der Branchen-Dachverband German Films hat Henkel von Donnersmarck noch einmal den Gefallen getan und seinen Film zur deutschen Oscar-Einreichung bestimmt. Letztlich folgerichtig, denn auch German Films richtet sich danach aus, was andere, hier die Academy, für einen großen deutschen Film halten. So tritt die Idee von Film als Kunstwerk, durch das der Regisseur oder die Regisseurin seiner persönlichen Wahrheit Ausdruck verleiht, vollends in den Hintergrund, und der Film kommt zur Deckung mit seinem Titel: Er wird Werk ohne Autor.

Anmerkung: In einer früheren Version war zu lesen, dass die Nazis statt von "Machtergreifung" lieber von "Machtübernahme" gesprochen hätten. Das ist historisch ungenau, wir haben den Satz deshalb entfernt. Tatsächlich wurde in den Dreißigerjahren auch der Begriff "Machtergreifung" verwendet.

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insgesamt 42 Beiträge
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Seite 1
Dramaturgen-Frau 03.10.2018
1. Der Film erzählt nichts über Frauen?
- Warum auch? Er erzählt auch nichts über Hunde. Und auch nichts über das Weltraumprogramm der Nazis. Warum sollte er etwas über Frauen erzählen müssen? Steht das in den Filmdoktrinen der Bundesregierung für die Produktion fiktiver Filmstoffe? Der Film hält sich also nicht an eine Mode. Und das ist auch gut so!
whitewisent 03.10.2018
2.
Ich kann mir nicht helfen, aber mir kommt die Kritik von Frau Pilarczyk wie ein sehr typischer Spiegel für die alte bundesdeutsche Förderfilmindustrie vor. Es geht nicht um Zuspruch des Publikums, es müssen vielmehr die übersteigerten Erwartungen von Kritik und vermeintlichen Kunstsachverständigen erfüllt werden. Denn nur Das wird für gut befunden. Wenn sich Donnersmark da in eine Reihe mit Leute wie Schweiger, Eichinger und Herbig stellt, ist das nicht die schlechteste Ecke. Wenn man sich über Begriffe aus dem Nazisprech so mockiert, als ob dies Allgemeinwissen sei, und hier ein Dokumentarfilmszene aus dem ZDF-Terra X wiedergegeben wird, wo sind da die Maßstäbe. Donnersmarck hat schon einmal bewiesen, daß er weiss, was sowohl Künstler als auch Zuschauer von einem Regisseur von Weltformat erwarten, und um das gehts hier. Nicht was man in Hamburg oder Düsseldorf davon hält. Und wenn sich jemand endlich mal traut, der Pseudoikone Beuys einen sarkastischen Spiegel vorzuhalten, bzw. dessen Anhängern, so ist das vieleicht eher in dessen Interesse, der Auseinandersetzung über das eigene Werk für wichtig hielt, als an dieser Stelle etwas wie Hollywoodkitsch über das Tatsächliche zu schmieren, was dann auch nicht die Gnade der Kritiker gefunden hätte. Was The Tourist angeht, was haben die Nasen und Meinungen von Kritikern gemeinsam? Jeder hat eine. An dieser Stelle bei SPON schrieb Wolfgang Höbel dazu: Wolfgang Höbel den Film als „Gute-Laune-Kino der altmeisterlichen Art - und ein Star-Vehikel für Angelina Jolie und Johnny Depp. Liebhaben kann man ihn trotzdem." was eher gegen die Darsteller als den Regisseur gerichtet war. Und er bekam zumindest vier Golden Globe-Nominierungen in den Hauptkategorien, andere Filme werden für eine beim besten Schnitt gefeiert. Also sollte man abwarten, wie der Kassenerfolg ist, und wie Hollywood es sieht, die letzten Nominierungen wurden zwar in Deutschland groß gefeiert, aber kamen da auch nicht an.
tommigee 03.10.2018
3. Gute Kritik...
...werde mir den Film ansehen.
dresdeners 03.10.2018
4.
Zitat von Dramaturgen-Frau- Warum auch? Er erzählt auch nichts über Hunde. Und auch nichts über das Weltraumprogramm der Nazis. Warum sollte er etwas über Frauen erzählen müssen? Steht das in den Filmdoktrinen der Bundesregierung für die Produktion fiktiver Filmstoffe? Der Film hält sich also nicht an eine Mode. Und das ist auch gut so!
Frauen sind keine Hunde. Und auch keine Weltraumnazis. Jeder Film, der es schafft, alle Nebenfiguren oder Handlungen dummdreist zu Dekoration verkommen zu lassen, ist einfach ärgerlich. Und jeder Kommentar, der dasselbe tut, auch. Das ist keine Mode. Sondern Respekt. Und Höflichkeit. Aber schauen Sie sich den Film doch einfach selbst an, statt über die Kritikerin herzuziehen. Jeder Kritiker hat eine Meinung, das ist nun mal so. Wenn Sie eine andere haben: okay. Ich habe den Film gesehen und kann der Kritikerin fast komplett zustimmen. Ein Film zum Gähnen und Ärgern.
Schlupflied 03.10.2018
5.
Was hat sie denn, die Frau Pilarczyk? Das scheint eher eine persönliche Abrechnung zu sein als eine Filmkritik. Aber Abrechnung mit was oder wem? Mit dem Regisseur? Mit dem Publikum, das in der Gefahr steht, sich unvoreingenommen an dem Film zu erfreuen? Mit Kritikerkollegen? Ich habe den Film heute gesehen, hatte mich vorher leidlich informiert, war also nicht unvorbereitet. Und ich bin persönlich ziemlich empfindlich, wenn ein Film schludrig mit historischen Fakten umgeht oder durch stumpfsinnige Sexualisierung den Zuschauer bei Laune halten will. Von alledem habe ich aber nichts in dem Film gesehen, und insofern kann ich Frau Pilarczyks flammende Kritik nicht nachvollziehen. Ich war drei Stunden lang im Banne einer behutsam erzählten Geschichte, ästhetisch ganz und gar gelungen, ohne Ausrutscher oder Billigkeit. Wesen und Werk der Figur Kurt Barnert alias Gerhard Richter bin ich dabei auf eine Art näher gekommen, dass ich mir das künstlerische Schaffen von Gerhard Richter möglichst bald möglichst genau anschauen werde. Warum zetert Frau Pilarczyk so hemmungslos? Wo sieht sie „Verzagtheit“ und „Ideenlosigkeit“? Was kann der Film dafür, dass er ausgerechnet am Tag der Deutschen Einheit in die Kinos kommt? Ich finde den Film anregend, erhellend und als filmisches Kunstwerk sehr gelungen. Der Film steht für sich, ist nie klischeehaft oder billig. Seine Ästhetik und seine Emotionalität finde ich sehr beeindruckend. Bedauerlich für Sie, Frau Pilarczyk, dass Sie sich dem nicht öffnen können oder wollen. Ihre Kritik finde ich ungerecht und maßlos.
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