Von Stefan Kuzmany
Werner Herzog bleibt ganz ruhig.
Ihm gegenüber sitzt in orangefarbener Häftlingskluft James Barnes, er hat seine Frau erwürgt und in einen Wandschrank gepackt, er hat eine Prostituierte umgebracht, weil sie ihm Geld geklaut haben soll, er ist nackt in die Wohnung einer weiteren Frau geklettert, hat sich versteckt, hat gewartet, hat sie angefallen, vergewaltigt, ermordet und ihre Leiche verbrannt.
James Barnes sagt, die Frau habe ihn vorher ganz schrecklich beleidigt. Und was wirklich schlimm gewesen sei: Als die Polizei ihn festnahm, da hätten ganz viele Polizisten mit ihren Waffen gezielt.
Wovon träumen Todeskandidaten?
Werner Herzog bleibt ganz ruhig, er sitzt einem dreifachen Mörder gegenüber, der als einzige Emotion Selbstmitleid zeigt, einem mindestens dreifachen Mörder, denn Barnes soll noch weitere Morde begangen haben, gestanden hat er sie allerdings nicht. Herzog urteilt nicht, Herzog fragt: "Wovon träumen Sie?"
Für seine vierteilige Doku-Serie "Death Row" hat der Regisseur fünf Menschen besucht, die im US-Bundesstaat Texas auf ihre Hinrichtung warten. In der "Panorama Spezial"-Reihe der Berlinale wurden nun alle vier Folgen am Stück aufgeführt; ein bedrückendes Kinoerlebnis, aber nicht so deprimierend, wie man annehmen könnte. Werner Herzog ist ein beeindruckend menschliches Werk gelungen.
"Ich bin gegen die Todesstrafe", sagt Herzog am Anfang zu Barnes, "aber das bedeutet nicht, dass ich Sie mag." Herzog will nicht die Unschuld der Todeskandidaten beweisen - sie sind nicht unschuldig. Er weigert sich jedoch, sie als Monstren zu sehen. Und so folgt der Zuschauer Herzogs Blick durch die Kamera (der Filmemacher selbst ist nie zu sehen) auf die gescheiterten Leben seiner Protagonisten, auf die trostlosen Umstände, die sie in die Todeszelle gebracht haben und auf die Hoffnungslosigkeit, die sie im Gefängnis umgibt. Und so unglaublich das klingt: auch hier wird gelacht.
Hank Skinner sitzt und wartet auf den Tod, weil das Gericht ihn schuldig befand am Mord an seiner Freundin und an ihren beiden Söhnen. Skinner selbst sagt, er habe besoffen auf der Couch gelegen in jener Neujahrsnacht. Einmal haben sie ihn schon zur Exekution abgeholt, sie findet nicht im Gefängnis statt, es ist eine mehrstündige Fahrt. Wie schön ihm die Landschaft erschienen sei auf dieser Fahrt! Wie das gelobte Land, sagt Skinner.
Eine Henkersmahlzeit zum Beömmeln
Skinner hatte seine letzten Telefonate schon geführt, war gerade dabei, seine Henkersmahlzeit zu verzehren, einen allerletzten Anruf wollte er bei seinem Anwalt machen. Und der sagt ihm: Deine Hinrichtung ist aufgeschoben. Jetzt habe ihm das Essen aber so richtig geschmeckt - während die Wachen lange Gesichter machten. Der Gefängnisgeistliche habe ihm dann auch gesagt, warum: Die Köche geben sich besondere Mühe mit dem letzten Mahl, und zwar aus zwei Gründen: Einerseits wollen sie dem Delinquenten eine sehr gute letzte Speise bereiten. Und zweitens wissen sie aus Erfahrung, dass die meisten im Angesicht des Todes der Appetit verlässt - und das köstliche Essen dann vom Personal verzehrt werden kann. Nicht so bei Hank Skinner. Er beömmelt sich, als er davon erzählt.
Werner Herzog lacht nicht, er nimmt die Zuschauer mit auf die Reise zur Hinrichtungsstätte, öde Stadtansichten, schöne Landschaften, aber mit den Augen eines Menschen gesehen, der bald sterben wird: Wunderschön. Das gelobte Land.
Das vermutlich abscheulichste der in "Death Row" beschriebenen Verbrechen hat wohl Linda Carty begangen, auch wenn sie es bis heute bestreitet. Offenbar, weil sie unbedingt ein Baby haben wollte, schwatzte sie drei nicht besonders schlauen Drogendealern eine irre Geschichte auf: In ihrer Siedlung, einige Häuser weiter, würde eine unglaubliche Menge Marihuana lagern. Man müsse nur hineingehen und die Drogen mitnehmen. Sie wolle davon gar nichts haben, nur das Baby dieser Frau, die da wohnt, das wolle sie. Das sei nämlich eigentlich das ihre.
Und so brachen drei maskierte Männer in das Haus der friedlich schlafenden Familie Rodrigues ein, verwüsteten die Einrichtung auf der Suche nach dem - selbstverständlich nicht vorhandenen - Marihuana, entrissen der 25-jährigen Joana Rodrigues ihr drei Tage altes Baby, packten die verängstigte Mutter in einen Kofferraum und fuhren davon. Später wurde Rodrigues tot im Kofferraum aufgefunden. Man hatte sie mit einer Plastiktüte erstickt. Das Kind überlebte.
Todesangst unter der Plastiktüte
Linda Carty, die Anstifterin und wohl auch Mörderin der jungen Mutter, behauptet heute, sie habe für die Drogenpolizei gearbeitet. Als V-Frau habe sie einen Deal inszeniert und sei dann mit diesem Mordkomplott aufs Kreuz gelegt worden. Als man sie verhaftete, saß sie in einem Motelzimmer, umgeben von Babysachen. Schon vorher hatte die korpulente Frau herumerzählt, bald ein Kind zu bekommen.
Herzog spricht in seiner Dokumentation nicht nur mit den Todeskandidaten selbst, sondern - wie auch schon in dem sehr ähnlichen Vorgängerprojekt "Into the Abyss", im Zuge dessen die Idee zu "Death Row" entstand - auch mit Ermittlern, mit Verwandten, mit Nachbarn.
Cartys Fall bespricht er mit der sie damals anklagenden Staatsanwältin. Man kann sich gut vorstellen, wie die Strafverfolgerin beim Prozess die Jury davon überzeugt hat, die Todesstrafe zu verhängen: Nicht ohne schauspielerisches Talent inszeniert sie die Todesangst der jungen Mutter und ihren qualvollen Tod unter der Plastiktüte nach.
Angesprochen auf Cartys Verschwörungsgeschichte um den geplatzten Drogendeal für die Polizei, sagt die Staatsanwältin, dass Carty eine sehr überzeugende Frau sei. Man wolle ihr gerne glauben. Man müsse dabei aber aufpassen, sie nicht zu vermenschlichen. Da widerspricht Werner Herzog: "Ich vermenschliche sie nicht. Ich sehe sie als das, was sie ist: ein Mensch."
Ein Mensch. Nicht mehr, nicht weniger.
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