Werner Herzog "Wir hätten uns fast ermordet"

Der Regisseur Werner Herzog meldet sich mit der Hommage "Mein liebster Feind" auf der Leinwand zurück. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht er über seine Wahnsinnsbeziehung zum Schauspieler Klaus Kinski.

Von Ulrich Lössl


Werner Herzog
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Werner Herzog

In fünf Filmen ("Aguirre, der Zorn Gottes", "Nosferatu", "Woyzeck" "Fitzcarraldo" und "Cobra Verde") haben sich die beiden Kino-Visionäre Herzog und Kinski das Leben zur Hölle gemacht - und sich zu Höchstleistungen beflügelt.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie acht Jahre nach Klaus Kinskis Tod dazu getrieben einen Film über ihn zu machen?

Herzog: Die Idee unsere Wahnsinnsbeziehung filmisch zu dokumentieren hatte ich eigentlich schon, als ich noch mit Kinski zusammenarbeitete. Ich wollte das Monster hinter den Filmen zeigen. Aber nach seinem Tod entschied ich mich, erst einmal abzuwarten bis sich die Stürme ausgetobt hatten.

SPIEGEL ONLINE: Welche Stürme?

Herzog: Die Stürme in meinem Herzen. Aber vor allem auch die Aufregung, die sein Tod bei seiner Familie verursacht hat. Als ich letztes Jahr sowieso in Peru gedreht habe, war die Gelegenheit günstig, auch etwas über ihn und mich zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in Peru einem Flugzeugabsturz aus dem Jahre 1971 nachgespürt...

Herzog: ...in den Kinski und ich am Weihnachtstag 1971 fast verwickelt worden wären. Wir waren auf die Unglücksmaschine gebucht, aber Gott sei Dank kam etwas dazwischen. Damals starben 91 Menschen. Nur ein junges Mädchen, eine Deutsche, überlebte. Und sie tauchte erst nach zehn Tagen wieder aus dem Urwald auf. Die Suchaktion war schon längst eingestellt. Ihre Geschichte ist es, die ich aufarbeiten wollte.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie unterschreiben, dass Sie Ihre besten Filme mit Kinski als Hauptdarsteller gemacht haben?

Herzog: Es gab ein Leben vor und es gibt ein Leben nach Kinski. Denke Sie etwa an Filme wie "Kaspar Hauser" und "Stroszek" oder "Schrei aus Stein". Aber sicherlich war er für mich ein Geschenk Gottes.

SPIEGEL ONLINE: Und vermutlich auch Sie für ihn.

Herzog: Wir haben uns beide gebraucht und waren schicksalhaft miteinander verbunden.

SPIEGEL ONLINE: Zwei chemische Stoffe, die wenn sie zusammenkommen, wie Dynamit explodieren?

Herzog: Diese Intensität war auch lebensbedrohlich. Und es wäre fast dazu gekommen, dass wir uns getötet hätten.

SPIEGEL ONLINE: Wirklich? Ist da nicht viel Koketterie im Spiel?

Herzog: Sicher haben wir uns diese Mord-Szenarien öfter ganz bewusst aufgebaut, aber bei den Dreharbeiten zu "Aguirre, der Zorn Gottes" in Peru hätte ich nur mit dem Kopf nicken müssen und die Indianer hätten Kinski ohne mit der Wimper zu zucken getötet.

SPIEGEL ONLINE: Überwiegt aus Ihrer heutigen Sicht der Hass oder Liebe zu Kinski?

Herzog: Weder noch. Heute sehe ich das alles viel nüchterner. Und ich kann durchaus auch das Bizarre und den Humor in unserer Beziehung entdecken. Und die Wärme. So möchte ich Kinski eigentlich in Erinnerung behalten - auch wenn sich mein Verstand dagegen sträubt.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben 1991 Ihren letzten Spielfilm "Schrei aus Stein" gemacht. Warum die lange Pause?

Herzog: Ich habe ja nie die Wahl gehabt, was ich als nächstes tue. Alle meine Filme waren ungebetene Gäste, die sich plötzlich in die Wohnung drängten.

SPIEGEL ONLINE: In einem Manifest, das Sie kürzlich in den USA veröffentlicht haben, sprechen Sie von einer poetischen, exstatischen Wahrheit, die Sie mit Ihrer Arbeit anstreben.

Herzog: Ja, diese Wahrheit, die jenseits des Buchhalterischen oder Faktischen ist, finden wir zum Beispiel in großen Gedichten. Wir müssen versuchen, auch im Kino wieder die großen Fragen zu stellen und darauf tiefgründigere Antworten zu geben, als die, die zur Zeit überall feilgeboten werden.

SPIEGEL ONLINE: Sie leben seit drei Jahren in San Francisco. Sehen Sie in Deutschland keine Zukunft mehr für sich?

Herzog: Ich gehöre zur deutschen Kultur und habe sie auch nie verlassen. Wo ich mich gerade geografisch aufhalte, ist in diesem Zusammenhang völlig irrelevant. Ich heiße ja nicht Emmerich oder Petersen, die schon immer dieses Hollywood-Kino machen wollten, das die Welt als eine Art kollektiven Traum bewegt. Das lässt sich eben nicht auf deutsche oder bayerische Wurzeln zurückführen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Kunst hat bayerische Wurzeln?

Herzog: Lassen Sie mich es so ausdrücken: Nur König Ludwig II. hätte auch "Fitzcarraldo" machen können.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass Sie Ihren nächsten Spielfilm mit Sean Penn in der Hauptrolle machen werden?

Herzog: Das wird vielleicht mein übernächster Film. Es ist die Roman-Adaption von "Waiting For The Barbarians" von dem südafrikanischen Schriftsteller J.M. Coetzee. Mein nächster Film heißt "Invincible" und handelt von diesem japanischen Soldaten, der erst 30 Jahre, nachdem der Zweiten Weltkrieg zu Ende war, kapituliert hat.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eine Lebensphilosophie?

Herzog: Das ist schwierig zu beantworten. Aber ich erinnere mich, was Conrad Hilton, der Begründer der Hotelkette, einmal sagte. "Wenn Sie in der Badewanne duschen, halten Sie immer den Duschvorhang innerhalb der Wanne!"



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