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Furioses DDR-Fluchtdrama "Westen": In der Twilight Zone des Kalten Krieges

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Endlich frei in der BRD? Der Kinofilm "Westen" zeigt die Flucht einer jungen Mutter aus der DDR - und ihre Begegnung mit der harten Realität im Auffanglager. Zwischen den ideologischen Fronten hat sie eine bedrückende Erkenntnis: wie ähnlich sich beide Systeme doch anfühlen.

Der Westen leuchtet. Vom Osten aus gesehen. In der Nahperspektive sind die Bäume drüben dann auch nicht grüner, die Sonne scheint nicht heller. So ergeht es der alleinerziehenden Mutter Nelly (Jördis Triebel), die im Herbst 1978 nach der Flucht aus der DDR mit Sohn Alexej (Tristan Göbel) in einem "Notaufnahmelager" in West-Berlin ankommt. Eine Zeit des Transits sollte jetzt eigentlich beginnen - doch es scheint sich nichts zu bewegen in der eingezäunten Notunterkunft, dieser trüben Twilight Zone zwischen den beiden politischen Systemen.

Und, sonderbar, wie sich diese beiden Systeme punktuell doch ähneln: Bei ihrer Ankunft im Lager muss sich die junge Frau fast der gleichen peinigenden Körperinspektion unterziehen wie beim Grenzübertritt mit falschem, bezahltem West-Ehemann vom Osten in den Westen, der fast gescheitert wäre, weil der Sohn den Beamten den Schwindel zu verraten drohte. Und wie im alten Osten ist auch der Blick in der neuen Lagerheimat begrenzt; er endet an den Lagerwänden, in denen die Neuankömmlinge gefangen sind, bis die komplizierte Papier- und Stempelarbeit des Aufnahmeprozesses erledigt ist.

Die deutlichste Ähnlichkeit aber zur zurückgelassenen DDR: Der amerikanische Geheimdienst nimmt Nelly in die Zange, ihr Privatleben wird auf brauchbare Informationen abgeklopft. Die Zigaretten schmecken besser, man glaubt ein bisschen die Freiheit zu inhalieren, und die Sprache ist weicher - im Grunde genommen aber wird im westdeutschen Lager ein ähnliches Bestrafungs- und Belohnungssystem in Aussicht gestellt wie bei der Stasi.

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Fluchtdrama von Christian Schwochow: Kein Glück im Westen
Damit kein Missverständnis aufkommt: In "Westen" wird nicht relativistisch das eine System mit dem anderen gleichgesetzt. Aber der Film zeigt, wie jedes System, ob demokratisch oder autoritär, den Menschen seinen Stempel aufzudrücken versucht. Das Unpolitische kann es nicht geben, wenn alles um einen herum Politik ist. Oder doch?

Im Westen den Osten fühlen

Regisseur Christian Schwochow hat zuvor mit der Tellkamp-Verfilmung "Der Turm" für die ARD das vielleicht vielschichtigste Gesellschaftspanorama zum Thema Alltag, Glück und Familienbande in der sterbenden DDR gedreht. Ein Film, in dem das Private auf zum Teil heiterste Weise immer wieder gegen das Politische des realen Sozialismus verteidigt wurde; ein Film aber auch, in dem das Politische eben doch düstere Siege über das Private einfuhr.

So ist es jetzt auch in Schwochows Kinodrama "Westen". Das Drehbuch hat seine Mutter Heide Schwochow geschrieben, mit der er selbst - da war er ungefähr so alt wie der Junge im Film - kurz vor Mauerfall 1989 in den Westen ausgereist ist. Die Vorlage lieferte der Roman "Lagerfeuer" von Julia Franck, die einst selbst als Kind einige Monate in einem Lager in Berlin-Marienfelde gelebt hat. So ist "Westen" auf unterschiedlichste Weise mit persönlichen Erfahrungen aufgeladen - und doch von geradezu sinnbildlicher Kraft, wenn es darum geht, nachzuzeichnen, wie eine Person ohne jedes Zutun zur Repräsentantin eines Systems erhoben wird.

Die Heldin in "Westen" etwa geht nicht in die Bundesrepublik, weil sie dort die bessere Gesellschaftsordnung zu finden glaubt, sondern weil sie den Aufbruch in etwas Neues sucht. Sozialismus oder Marktwirtschaft? Die Systemfrage ist ihr wurscht. Erst durch die Verhöre der CIA, die ihre Haltung zum zurückgelassenen Staat auf den Prüfstand stellt und sie als Informantin einspannen will, nimmt sie sich als Vertreterin des anderen Deutschlands wahr. Im Westen den Osten fühlen - das ist die interessante Wendung dieses reduzierten und doch hochkomplexen Transit-Dramas.

Auf diese Weise reiht sich "Westen" in eine Gruppe großartiger neuerer Frauendramen, in dem fast ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall komplizierte psychologische Figuren gezeichnet werden, die vor der ideologischen Tapete ihr Recht auf Charakter einfordern. Etwa Christian Petzolds Liebesfilm "Barbara", in dem sich eine Ärztin zwischen Liebe West und Liebe Ost entscheiden muss, oder Georg Maas' Spionagedrama "Zwei Leben", wo die weibliche Hauptfigur im Lügengespinst um eine Art Restidentität kämpft.

Alles frei macht der Westen? Diese einfache Lösung, tausendfach in ramschiger TV-Ware der Marke "Die Frau vom Checkpoint Charlie" gesehen, wird in keinem der Filme angeboten. Verstörend etwa, wie in Schwochows Werk in der BRD die DDR nachwirkt: In einer Szene sieht man, wie einer der Ost-Dissidenten (Alexander Scheer) im West-Lager von anderen Flüchtlingen zusammengeschlagen wird, weil man ihn für einen Spitzel hält. Im Osten weggeschlossen, im Westen verleumdet. So fühlt es sich an, ein Untoter zu sein in der Twilight Zone zwischen den Systemen.

Westen

D 2013

Regie: Christian Schwochow

Drehbuch: Heide Schwochow

Mit: Jördis Triebel, Alexander Scheer, Tristan Göbel, Jacky Ido, Anja Antonowicz

Produktion: Senator Film Produktion, Ö-Filmproduktion, zero one film, Terz Filmproduktion

Verleih: Senator Film

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 12 Jahren

Start: 27. März 2014

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insgesamt 10 Beiträge
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1. Eigentlich gehöre auch ich zu den Produzenten dieses Machwerks.
AllesAufAnfang 23.03.2014
Zitat von sysopzero one film/ Frank DicksEndlich frei in der BRD? Der Kinofilm "Westen" zeigt die Flucht einer jungen Mutter aus der DDR - und ihre Begegnung mit der harten Realität im Auffanglager. Zwischen den ideologischen Fronten, hat sie eine bedrückende Erkenntnis: wie ähnlich sich beide Systeme doch anfühlen. http://www.spiegel.de/kultur/kino/westen-kinodrama-mit-joerdis-triebel-von-christian-schwochow-a-959242.html
Ein kurzes Nutzen von Google in Verbindung mit dem Suchwort Filmförderung bringt Erwartbares zum Vorschein. Ohne die Millionen aus der Förderung hätte es diesen Unfilm nicht gegeben. Das sagt schon allerhand, wie ich meine. Die Anzahl der Zuschauer wird kaum über den Angehörigenkreis der "Filmschaffenden" hinausgehen. Den Trailer hab ich mir eben angesehen. Mehr muss keiner gesehen haben.
2. Ge*schichts*klit*te*rung
gekabe 23.03.2014
Tja, jetzt muß noch die Geschichte frisiert werden, damit sie besser in das linkspopulistische Weltbild paßt. In der DDR war ja auch nicht alles schlecht... Nebenbei: Make-up und Frisur wirken nicht überzeugend. Oder liegt es an der Gestik/ Mimik der Schauspielerin? Irgendwas paßt da nicht.
3. Was soll das?
erstfree 23.03.2014
Der Trailer verspricht nichts Gutes. Ich war vor über 30 Jahren sehr froh im Westen angekommen zu sein. Das wir befragt wurden ist doch ganz klar. Es sind genug Spione eingeschleust worden. Das man nicht gleich im Luxushotel untergebracht wurde ist auch klar. Meine Familie ist immer noch dankbar, dass wir im Westen so solidarisch aufgenommen wurden und endlich frei leben konnten. Wir werden den Film aus Neugierde ansehen und dann endgültig urteilen.
4. Nonsense
vebughy 23.03.2014
Ich bin als Schüler in die DDR gereist. Zum Glück. Dieses kommunistische System war so grau und menschenverachtend. Zum Glück gibt es den Westen.
5. Daz kommt noch, dass Deutschland sich immer bedrückend als Obrigkeitsstaat anfühlt
criticalsitizen 23.03.2014
und man es immer wieder spürt, wenn man aus freien westlichen Ländern dort einreist. Damals wie heute.
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