"Western" von Valeska Grisebach Wunderbare Grenzerfahrung

Bei ihr werden deutsche Bauarbeiter zu Cowboys am Rande von Europa: Nur sehr selten macht Valeska Grisebach Filme. Aber wenn, dann werden sie beglückend schön - so wie ihr neuester "Western".

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Wie großartig Valeska Grisebachs Filme sind, merkt man so richtig erst ein paar Wochen später, nachdem man sie gesehen hat. Dann stellt man überrascht fest, wie nah einem die Figuren noch sind und wie sehr einen noch die Frage umtreibt, warum sie so in diesem einen Moment gehandelt haben. Grisebach verführt zu Nähe und Mitgefühl, und wie die besten Verführer macht sie das mit größtmöglicher Ehrlichkeit. "Bei mir liegen die Karten auf dem Tisch, ich benutze keine Tricks", sagt sie.

Ihr neuester, erst dritter Film heißt deshalb auch "Western" - weil er ein Western ist, mit kernigen Männern unter brennender Sonne, mit Pferden, Duellen und Frauen, um die gestritten wird.

Aber auch ein Western, bei dem es um viel mehr geht. Um die Suche in der Fremde, an der Grenze - nach sich selbst, nach dem Glück, nach Zugehörigkeit, nach einem Neuanfang. Und alles erzählt anhand einer Gruppe von deutschen Bauarbeitern im Einsatz an der bulgarisch-griechischen Grenze, gespielt von echten Bauarbeitern. Es mag sich nicht nach dem wohl schönsten deutschen Film des Jahres anhören, doch "Western" ist es.

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"Western": Duell zwischen Dorfplatz und Schuttgrube

"Schon als Mädchen hat mich das Western-Genre fasziniert", erzählt Grisebach beim Treffen in Berlin. "Und irgendwann war klar, dass ich mich mit meinem nächsten Film damit beschäftigen möchte." Auf der Suche nach einem Setting landete sie dann schnell beim Bau: "Weil sich dort eine ähnliche Pin-Up-Version von Männlichkeit zeigt: die Art der Selbstinszenierung, der Kleidung und des Gestus habe ich dort sofort wiedergefunden." Im Presseheft gibt es deshalb auch die schöne Notiz: "In Berlin beim Einrüsten der U1 angesprochen." So wird erklärt, wie Reinhardt Wetrek zu dem Film gekommen ist.

Der gebürtige Ostberliner Wetrek ist Vincent, der Bauleiter der Truppe, der fernab der Heimat nichts sucht und deshalb auch nichts findet. Der den Frauen im Nachbarsort dumm kommt und über dessen Unterkünften bald schon eine Deutschlandfahne weht.

Sein Gegenspieler im eigenen Lager ist Meinhard, gespielt von Meinhard Neumann, einem langjährigen Schausteller und Trödelhändler. Eigentlich ist er Vincents Untergebener, es ist sein erster Einsatz im Bau und dann auch noch im Ausland. Aber Meinhard treibt etwas Unbekanntes an, er will etwas von diesem Ort und seinen Bewohnern, er geht auf sie zu, sucht mit Deutsch und ein paar Brocken Englisch das Gespräch.

Von Leidenschaft mitgerissen

Das kommt gut an, beim Dorfoberen Adrian (Syuleyman Alilov Letifov), aber auch bei einigen Frauen. Daraufhin wird Vincent hellhörig: Macht Meinhard ihm die Vorherrschaft in den Bergen streitig? Hat er ganz ohne Flagge sein Territorium markiert? Und schon stehen die Zeichen auf ein Duell zwischen Dorfplatz und Schuttgrube.

"Ich habe jemanden gesucht, der gut aussieht und sich elegant bewegt, der die Blicke auf sich zieht", sagt Grisebach zur Wahl ihres Hauptdarstellers. Neumann wirkte auf sie, als wäre er von einem anderen Film rüber in ihren spaziert. "Gleichzeitig sollte in ihm auch der 'kleine Mann' erkennbar sein, der unsicher ist und im Zweifelsfall zu Opportunismus neigt."

Ob einem selber die Filmstar-Qualitäten von Neumann oder Wetrek auf dem Bau beziehungsweise auf dem Pferdemarkt, wo Neumann entdeckt wurde, aufgefallen wären? Womöglich nicht. Aber in Grisebachs Film haben sie und die anderen Männer vom Bau, Tommy, Jens, Boris, Helmuth, Marcel und Wolle, diese Qualitäten unbedingt.

Zur Person
  • EPA/ GUILLAUME HORCAJUELO
    Valeska Grisebach, geboren 1968 in Bremen, studierte erst Germanistik und Philosophie, bevor sie die Filmhochschule in Wien absolvierte. Für ihren 60-minütigen Abschlussfilm "Mein Stern" wurde sie 2001 mit dem First Steps Award für die besten deutschsprachigen Abschlussfilme ausgezeichnet. Mit "Sehnsucht", ihrem ersten Langspielfilm, war sie 2006 im Wettbewerb der Berlinale vertreten. Ihr neuester Film "Western" feierte im Mai seine Weltpremiere auf den Filmfestspielen in Cannes. Seit Donnerstag läuft er in den deutschen Kinos.

Als Held bezeichnet Grisebach, für Filmschaffende ungewöhnlich, ihre Hauptfigur Meinhard. "Wobei mich an dem Begriff vor allem die Fallhöhe interessiert, die damit einhergeht", schränkt sie ein. Trotzdem ist die Wortwahl bezeichnend, denn sie drückt die Verbundenheit Grisebachs mit ihren Figuren aus. Sie ist auf deren Seite. Nicht um sich anzuwanzen, sondern um mitzuerleben. Und genau das machen ihre Filme auch dem Publikum möglich.

In "Sehnsucht", Grisebachs erstem Langspielfilm von 2006, gibt es eine Szene, in der sich der Schlosser Markus (Andreas Müller) und seine Frau Ella (Ilka Welz) am Küchentisch in einem Dorf irgendwo in Brandenburg gegenüber sitzen und Ella ihrem langjährigen Ehemann in unerschütterlicher Leidenschaft sagt: "Wenn ich dich so ansehe, das haut mich einfach um." In einem höchstbanalen Setting, an einem Küchentisch in der Provinz, mit Leuten, deren Leben von ihren Hobbys, der freiwilligen Feuerwehr und dem Chorsingen, bestimmt sind, kann man nicht anders, als von dieser Leidenschaft mitgerissen zu werden.

Harte Arbeit, brüchige Sprache

"Sehnsucht", für den Grisebach internationale Preise gewann und sich in die Herzen von Cinephilen weltweit einbrannte, ist wie "Western" ein Genrestück, das sich gleichzeitig innerhalb und außerhalb der Konventionen bewegt. Ein Märchen, das von einer überlebensgroßen Liebe erzählte, und bei dem doch jede schlecht sitzende Jeans und jeder bekloppte Wappentausch beim Treffen der Freiwilligen Feuerwehr genau richtig am Platz waren.

"Ich mag es, wenn es knirscht, wenn Naturalismus auf Künstlichkeit trifft und die Bilder verschiedene Angebote zugleich machen", sagt Grisebach. Um diese Balance genau zu treffen, braucht es selber einen hohen Grat an künstlerischer Kontrolle - und diese erreicht Grisebach ausgerechnet, indem sie nur mit Laiendarstellern arbeitet. "Die Wirklichkeit ist wie ein Sparringspartner. Erst im Abgleich weiß ich, ob ich richtig liege."

In Grisebachs Filmen ist, im Gegensatz zum immer noch prominenten Mumblecore-Impro-Ansatz im deutschen Kino, allerdings nichts improvisiert. Ihre Drehbücher entstehen in langer, im Fall von "Western" vier Jahre langer, Vorbereitung. Allein die genauen Dialoge entwickelt sie in enger Zusammenarbeit mit den Darstellern, um eine möglichst authentische Sprache zu finden.

Gerade bei "Western" war dieser Austausch entscheidend, denn immer wieder ging es darum, sich in eine nahezu archaische Kommunikationssituation zu begeben: Die Männer, sowohl die Bauarbeiter als auch die Dorfeinwohner, sprechen die Sprache der anderen nicht, auch Englisch hilft nur notdürftig weiter. Welche Worte verstehen alle trotz der großen Barrieren? Welche Gesten sind eindeutig, welche missverständlich?

In einem Film, der von der Körperlichkeit der Männer durchdrungen ist, von harter Arbeit und direktem Kräftemessen, wird so auf wunderbare Weise gleichzeitig auch der Brüchigkeit und Durchlässigkeit von Sprache nachgespürt. "Letztlich", sagt Grisebach, "zeige ich in dem Film auch etwas, was ich nicht unbedingt Utopie nennen möchte. Aber ich glaube daran, dass sich die Menschen verstehen können."

Im Video: Der Trailer zu "Western"

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