WG-Liebeskomödie Mager-Prinzessin sucht Mitbewohner

Drei verschrobene Singles treffen in einer Pariser WG aufeinander - Resultat: Liebe. Regisseur Claude Berri verfilmt Anna Galvadas Bestseller "Zusammen ist man weniger allein" als Märchen von der Mitmenschlichkeit, das niemandem weh tut und trotzdem hübsch anzusehen ist.

Von Birgit Glombitza


Sie ist schmal, unglaublich schmal. Arme wie Salatbesteck und Beinchen wie Lucky Luke. Natürlich ist sie bezaubernd, mit ihren samtigen Kulleraugen, dem vollen Kindermund und dem Garçon-Haarschnitt. Und sie hat eine Stimme, die sich, von wohlkalkulierten Patzigkeiten einmal abgesehen, watteweich über eine kantige Welt legt. Camille heisst diese federleichte Frau, die eigentlich keine ist, eher ein ewiges Mädchen. Eine unentdeckte Prinzessin will sie sein, erlöst und abgeholt von einem starken breitschultrigen Kerl, der sie fortan über die Schwere und die Zumutungen des Alltags trägt, der sich über ihre flüchtige Silhouette Sorgen macht, der sie füttert wie ein Vögelchen. Schließlich isst sie ja auch wie eines. Einer, der gibt und päppelt und nichts von ihr erwartet, außer, dass sie eben sein gewichtsloses Geschöpf ist, das auf ewig zu schwach bleibt, um wirklich auf eigenen Füßen zu stehen.

Kaum auszuhalten, diese anorektischen, passiv-aggressiven Diven, deren Verdrängung im Raum umgekehrt proportional zum eigenen verschwindenden Körper zunimmt. Nicht genug von einem solchen Exemplar bekommt in "Zusammen ist man weniger allein" hingegen Regisseur Claude Berri ("Germinal", 1993). Kaum eine Szene, in der die Kamera nicht zärtlich auf die Protagonistin schaut, ihren mädchenhaften Schalk mit allen Mitteln umschmeichelt und ihr Umfeld in anrührenden Humanismus tränkt. "Zusammen ist man weniger allein", nach dem gleichnamigen Bestseller von Anna Gavalda, treibt drei ansehnliche, schon stereotypisch verschrobene Charaktere mit dem sanften Druck des Kitsches aufeinander zu.

Dabei knüpft der Film ganz bewusst an all die anderen Liebeskomödien des klassischen französischen Kinos an: An das Kino des langgezogenen Schmollens, der wippenden Blümchenkleider und den zwischen weißen Schleiflackmöbeln irrlichternden Sehnsüchten. Ein mal flirrend schönes, mal bloß hübsches Kino, das niemandem wehtut und die Ernsthaftigkeit der restlichen Welt nur entdeckt, um keine verblassende Phantasie aus Sommerkichern und Bötchenfahrten zu bleiben. Denn nur wenigen Regisseuren, wie etwa Jean Renoir, René Clair oder in deren Folge auch Eric Rohmer, ist es bisher gelungen, aus Versatzstücken der französischen Liebeskomödie einen eigenen konterkariererenden Kosmos zu schaffen, der die Rituale der Annäherung und künstlichen Verzögerungen klug durchschaut und zur Besichtigung freigibt.

Unser Sorgenkind Camille sollte ursprünglich von Charlotte Gainsbourg gespielt werden, was vielleicht etwas von ihrer wunderbar spröden Scheuheit und Widersprüchlickeit aus Michel Gondrys "Science of Sleep" (2006) in die nicht unähnliche Konstellation von "Zusammen ist man weniger allein" hätte zaubern können. Doch nach einem Snowboard-Unfall konnte Gainsbourgh die Dreharbeiten nicht fortsetzen. Audrey Tautou, die ihr Interesse an der Rolle zuvor bereits bekundet hatte, sprang ein und beschert dem Film jene bewährte Possierlichkeit aus "Die fabelhafte Welt der Amélie".

Trio der Reinheit

Diesmal hat das fast schon etwas Abgebrühtes. Tautous Camille schaut gerne aus kreisrunden Augen von unten hoch und puhlt dabei mit einem Finger an der Lippe, bleibt also ganz im Gebärdenschema des kleinen Mädchens, das sich in seiner vermeindlichen Direktheit den Blick auf die Welt noch nicht durch die Verhaltensstandards der Erwachsenen verstellen lässt. Camille wird mit Tautou zum Crossover aus Magerkeits-Prinzessin und kleinem Prinzen von Paris, der nur mit dem Herzen gut sieht, wie die reinen, zärtlichen Menschen um ihn herum, die er sich zu Freunden zähmt.

Camille hat an der Kunstakademie studiert, arbeitet aber in einer Putzkolonne. Der väterliche Betriebsarzt macht sich bereits Sorgen: "Legen Sie ein paar Pfunde zu! Mir zuliebe!". Sie wohnt in einer winzigkleinen, zugigen Dachkammer, dort hält sie sich und ihr Zeichentalent vor der Welt verborgen. Bis sie eine Grippe und ihr insgesamt besorgniserregender Zustand in die Arme und das Gästezimmer der 300-Quadratmeter-Belle-Etage des gutmütigen Nachbarn Philibert (Laurent Stocker) treibt. Ein kauziger, stotternder, wohlerzogener Adelssprössling mit Fliege und Pullunder, der im Museumsshop Postkarten verkauft.

Im Kontrastprogramm läuft Philiberts Mitbewohner Franck (Guillaume Canet) auf. Er arbeitet als Koch und knattert in seiner Freizeit mit seinem Motorrad von Affäre zu Affäre. Er mag keine Verbindlichkeiten eingehen, keine langwierigen Beziehungen. Nur um seine Oma Paulette kümmert er sich hingebungsvoll, setzt am Ende gar alle Hebel in Bewegung, um sie aus dem Altersheim zu befreien. Die liebe Großmutter, die im Innersten hungrige Camille, der überkorrekte Philibert und der kochende Held bilden rasch eine Ersatzfamilie, weil die eigene längst keine Rolle mehr spielt. Jeder findet hier sein Plätzchen, sein Glück. Philibert wird Schauspieler und überwindet seinen Sprachfehler, Franck eröffnet sein eigenes Restaurant und liebt Camille, die glücklich ißt, was er ihr zubereitet. So soll es sein im Märchen von der Mitmenschlichkeit mitten in der kalten, gleichgültigen, großen Stadt.



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