"What Time Is It There?" Mehr Zeit für Melancholie

Sehnsucht ist eine Frage der richtigen Uhrzeit: In seiner kunstvollen Truffaut-Hommage "What Time Is It There?" verschmilzt der taiwanesische Regisseur Tsai Ming-Liang die französische Nouvelle Vague mit dem modernen Kino Asiens.

Von Oliver Hüttmann


Uhrverkäufer Hsiao (Lee Kang-Sheng): Sein Tick wird zur Metapher für Sehnsüchte und Seelenverwandschaft
Pegasos

Uhrverkäufer Hsiao (Lee Kang-Sheng): Sein Tick wird zur Metapher für Sehnsüchte und Seelenverwandschaft

Asiatische Filmemacher und das alte europäische Kino gehen seit Anfang der neunziger Jahre eine erstaunliche Symbiose ein. Chinesen, Koreaner, Japaner erzählen Geschichten aus dem Alltag und über die Liebe in einem ebenso kunstvollen wie lebensnahen Stil, der sich am Neorealismus oder der Nouvelle Vague orientiert und doch die eigene Kultur reflektiert. Auf Festivals in Venedig oder Cannes werden beständig Filme aus Asien prämiert, die Italiener oder Franzosen heute kaum noch hin bekommen.

Der Taiwanese Tsai Ming-Liang erhielt 1994 für "Vive L'amour" den Goldenen Löwen und hat mit "What Time Is It There?" nun eine Hommage an die Werke von Francois Truffaut gedreht, die mit französischem Geld produziert und in Cannes 2001 immerhin noch mit dem Großen Preis der Technik ausgezeichnet wurde. Und mit Benoit Delhomme führte auch die Kamera ein Franzose, der für den Vietnamesen Tran Ahn Lung bereits "Der Duft der grünen Papaya" (1991) und "Cyclo" (1994) gefilmt hatte.

Der junge Hsiao (Lee Kang-Sheng) verkauft Uhren auf den Straßen von Taipeh. Nur zögernd gibt er der hübschen Shiang (Chan Shiang-Chyi) die eigene Armbanduhr, deren Zifferblätter zwei Zeitzonen anzeigen, weil die Studentin nach Paris fliegt. So will sie auch in der Ferne der Heimat nahe sein. Hsiao hat sich bei der kurzen Begegnung verliebt. Um seinerseits dem Mädchen nahe zu sein, dass er wohl nie wieder sehen wird, stellt er nach und nach Uhren auf die mitteleuropäische Zeit um. Er beginnt zu Hause, wo er mit seiner Mutter (Lu Yi-Cing) lebt, macht in einem Uhrengeschäft weiter, in Lokalen und Kinos bis zu den Zeigern einer riesigen öffentlichen Uhr auf dem Dach eines Hochhauses.

Glaubt an Geister: Hsiaos Mutter
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Glaubt an Geister: Hsiaos Mutter

Hsiaos Tick wird bald zur universellen Metapher für Sehnsucht und Seelenverwandtschaft. Seine spiritistisch veranlagte Mutter hält die veränderte Zeit für eine Botschaft ihres vor kurzem verstorbenen Mannes und serviert für ihn die Mittagsmahlzeit um Mitternacht, bis sie vor Wehmut sogar seinen Geist zu sehen glaubt. Auch zwischen Hsiao und Shiang entsteht eine metaphysische Magie. Als er sich betrinkt, wird ihr in einem Pariser Café bei einem Glas Wasser plötzlich übel. Während er im Fernsehen Truffauts Klassiker "Sie küssten und sie schlugen ihn" sieht, setzt sich der damalige Hauptdarsteller Jean-Pierre Léaud neben ihr auf die Bank eines Friedhofes. Und als Hsiao mit einer Prostituierten schläft, beginnt Shiang eine Frau zu streicheln, die sie kurz vorher kennen gelernt hat.

Tsai beschränkt die Dialoge auf wenige anrührende Pointen. In Stummfilmmanier, mit statischen Kameraeinstellungen, wunderschönen Bildkompositionen und fließend ineinander übergehenden Parallelmontagen schafft er vor allem im Visuellen eine zärtliche Komik und Melancholie. Paris und Taipeh wirken hier nicht wie unterschiedliche Städte, die Tausende Kilometer voneinander entfernt sind, sondern wie sich ergänzende Pole der Innerlichkeit mit identischen Gefühlen der Einsamkeit, von Verlust, Abschied und Erinnerung. In unserer vor allem durch Kommunikationsmittel beschleunigten, unpersönlicheren Zeit, in der die Tage und Nächte immer schneller und flüchtiger zu verstreichen scheinen, ist diese kunstvolle Tragikomödie ein traumwandlerischer Ruhepol.


What Time Is It There? (Ni Nei Pien Chi Tien)

Taiwan/Frankreich 2001; Regie/Drehbuch: Tsai Ming-Liang; Darsteller: Lee Kang-Sheng, Chen Shiang-Chyi, Lu Yi-Ching, Miao Tien, Jean-Pierre Léaud; Produktion: Arena Films, Homegreen Films; Verleih: Pegasos; Länge: 116 Minuten; Start: 19. Juni 2003



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