Doku über Whitney Houston Die zerrissene Frau

Wer war Whitney Houston wirklich? In seiner Doku über die 2012 gestorbene Sängerin zeigt Nick Broomfield eine Diva, deren wahres Ich trotz ihres öffentlichen Lebens seltsam schemenhaft bleibt.


Am 11. Februar 2012 geht der Notruf bei der Polizei in Los Angeles ein. Im Beverly Hilton Hotel wurde eine 46-Jährige leblos in einem Badezimmer aufgefunden. Die Welt hatte in diesem Moment einen ihrer größten Popstars verloren, doch natürlich fällt der Name Whitney Houston nicht in diesem Anruf, mit dessen Originalaufnahme Nick Broomfield nun seinen Dokumentarfilm "Whitney. Can I Be Me" beginnen lässt.

Vermutlich ist das genau der springende Punkt dieses Einstiegs. Es ist die Leerstelle, um die es hier geht. Denn, so scheint Broomfield zu fragen: Wusste die Öffentlichkeit überhaupt, wer Whitney Houston wirklich war?

Selbstverständlich gab es, und das zeigt auch "Whitney. Can I Be Me", in den Achtziger- und Neunzigerjahren an Houston kein Vorbeikommen. Gleich ihr Debütalbum "Whitney Houston" wurde 1985 zum Sensationserfolg, es ist bis heute mit mehr als 30 Millionen verkaufter Exemplare der bestverkaufte Erstling einer Künstlerin weltweit. Sieben (von insgesamt elf) Nummer-eins-Hits in den USA folgten direkt aufeinander, das erreichte vor und nach ihr nie wieder jemand. Dazu kamen sechs Grammys, 30 Billboard Music Awards und 22 American Music Awards, der erfolgreiche Leinwandeinstand mit "Bodyguard", jede Menge Tourneen.

Fotostrecke

6  Bilder
"Whitney: Can I Be Me": Hinter der Bühne

All das hat in Broomfields Film natürlich seinen Platz, genau wie die über lange Jahre von der Presse aufmerksam verfolgte Ehe mit dem Rapper Bobby Brown oder die Geburt der gemeinsamen Tochter Bobbi Kristina (die 2015 erschreckend ähnlich wie ihre Mutter starb). Selbst zahlreiche von Houstons Fernsehauftritten sind zu sehen, sei es, wie sie sich als 22-jährige in einer französischen Talkshow von Serge Gainsbourg anbaggern lassen musste, oder wie sie 2002 in einem großen Enthüllungsinterview der Journalistin Diane Sawyer ihr Herz ausschüttete.

Doch der Regisseur, der sich - anders als in vielen seiner sonstigen Dokumentationen - hier nie selbst in den Vordergrund drängt, interessiert sich nicht allzu sehr für die Dinge, die damals jeder Fan mitbekommen konnte oder die sich heute im Guinnessbuch der Rekorde nachlesen lassen. Die öffentliche Whitney Houston galt schließlich schon damals zwar als Jahrhundertstimme, aber eben auch als vergleichsweise langweilig-aalglatter Popstar, nie annähernd so schillernd und faszinierend wie Madonnaoder Michael Jackson. Zumindest bis zum Bekanntwerden ihrer Drogensucht und dem sich sogar vor den Kameras des Reality-Fernsehens vollziehenden Absturzes (2005 liefen elf Folgen der Show "Being Bobby Brown" im US-TV).


"Whitney: Can I Be Me"
UK, USA 2017
Regie: Nick Broomfield, Rudi Dolezal
Drehbuch: Nick Broomfield
Darsteller: Whitney Houston, Bobbi Kristina Brown, Bobby Brown, Serge Gainsbourg, Robyn Crawford, John Russell Houston Jr., Cissy Houston
Produktion: Lafayette Films, Passion Pictures, Showtime Networks
Verleih: Arsenal Filmverleih
Länge: 105 Minuten
FSK: ab 6 Jahren
Start: 8. Juni 2017


Den Fokus setzt Broomfield stattdessen anderswo. Zum einen auf bislang noch nie gezeigte Aufnahmen des Wiener Filmemachers Rudi Dolezal (der hier als Co-Regisseur geführt wird), der Houstons letzte große Welttour 1999 auf den deutschen und österreichischen Stationen begleitete und bemerkenswerten Zugang bekam. "Whitney. Can I Be Me" zeigt die Sängerin nicht nur auf der Bühne, sondern auch hinter den Kulissen, erschöpft im Make-up-Stuhl, beim Autogrammeschreiben am Hinterausgang oder im Hotelzimmer, wo sie mit ihren Background-Tänzerinnen probt, begeistert den Bankraub-Thriller "Set It Off" mit Queen Latifah guckt oder mit dem Ehemann spielt, sie seien Ike und Tina Turner.

Zusätzlich zeichnet er zum anderen das mal mehr, mal weniger klar definierte Bild einer Whitney Houston, von dem die Außenwelt immer nur kleine Ausschnitte erhaschen konnte. Vom Mädchen aus der wahrlich nicht schönen und vor allem dezidiert afroamerikanischen Nachbarschaft in Newark, New Jersey, das schon früh in der Kirche als Sängerin begeisterte und von der ehrgeizigen Mutter Cissy Houston auf jene Karriere getrimmt wurde, die ihr selbst verwehrt geblieben war.

Fotostrecke

17  Bilder
Der letzte Film: Whitney Houstons allerletzter Auftritt

Vom vor allem auf ein weißes Publikum abzielenden Image, das ihr Entdecker Clive Davis ihr verpasste - und von den sie tief erschütternden Buhrufen, mit denen ihr das schwarze Publikum bei den Soul Train Awards 1989 den "Ausverkauf" vorzuwerfen schien. Aber auch von der großen Liebe, die Houston nicht nur für Bobby Brown empfand, sondern auch für ihre Jugendfreundin Robyn Crawford, die bis ins Jahr 2000 ihre Assistentin, Managerin und wohl selbst noch während der Ehe auch Geliebte blieb.

Kaum zentrale Schlüsselfiguren

All das erzählt Broomfield weit weniger reißerisch und spekulativ als in seinen früheren Musiker-Dokus wie "Kurt & Courtney" oder "Biggie & Tupac", was allerdings nicht heißt, dass "Whitney. Can I Be Me" nicht zahlreiche Schwächen hätte. Kaum eine zentrale Schlüsselfigur hat der Brite gesprochen, weder Brown noch Crawford oder Davis; Mutter Houston (die ihren Segen einer zweiten, von Kevin Macdonald inszenierten Whitney-Dokumentation gegeben hat, an der aktuell noch gearbeitet wird) kommt größtenteils über Archivmaterial zu Wort, während stattdessen Tour-Musiker, eine Visagistin oder ein bemerkenswert feinsinniger, langjähriger Bodyguard interviewt werden.

Über viele Episoden hätte man ausführlicher sprechen können. Dass Brown 2003 wegen häuslicher Gewalt verhaftet wurde, wird gar nicht erst erwähnt. Und durch den großen Raum, den das während der Tour von 1999 gedrehte Material im Film einnimmt, fallen die letzten zwölf Jahre in Houstons Leben mit ihren Entzugs- und Comeback-Versuchen ohnehin fast völlig unter den Tisch.

Zwischen strenger Mutter und eigenem Freiheitsdrang

Daran, dass "Whitney. Can I Be Me" ein unbedingt sehenswerter Film ist, ändert all das nichts. Nicht nur, weil Dolezals Live- und Backstage-Aufnahmen zahllose berührende, mal kraftvolle, mal intime Momente bergen. Sondern vor allem, weil Broomfield dem Inneren seiner Protagonistin näherkommt, als dies zu ihren Lebzeiten je einem Außenseiter gelungen sein dürfte.

"Wann kann ich endlich ich sein?" soll Houston Clive Davis schon bei der Arbeit am zweiten Album gefragt haben (daher auch der Filmtitel). Dass es darauf vermutlich nie eine Antwort geben konnte, zeigt "Whitney. Can I Be Me" auf eindrückliche Weise. Denn Zeit ihres Lebens schien sie selbst nie wirklich zu wissen, wer sie war. Sie blieb zerrissen, zwischen ihrer strengen Mutter und dem eigenen Freiheitsdrang, zwischen Drogensucht und Gottesfürchtigkeit, zwischen Bobby und Robyn Crawford und nicht zuletzt zwischen ihrer schwarzen Herkunft und dem weißen Mainstream, wo sie ihre Erfolge feierte.

I m Video: Der Trailer zu "Whitney: Can I Be Me"

Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


insgesamt 9 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Pollowitzer 07.06.2017
1. Ich hatte von Anfang an...
...den Eindruck als würde Whitney H schwer christlich eingekeilt zwischen Mutter und Tante leiden - die hätten es wohl gerne gesehen wenn sie nur in der Kirche gesungen hätte - davon konnte sie sich wohl nie befreien und lebte so als stände immer jemand mit erhobenem Finger drohend hinter ihr - sie scheiterte am kirchlichen Dogma das ihre Familie ihr aufzwang und das sie nie abschütteln konnte.
ein-berliner 07.06.2017
2. Schlimm
Die Dame lebt nicht mehr aber mit dem Namen kann man herrlich Geld verdienen. Was für ein schmutziges Geschäftsmodell.
Gerdd 07.06.2017
3. Von welchem Kaliber diese Sängerin einmal war ...
... erschließt sich am ehesten, wenn man ihren wohl größten Hit betrachtet: I Will Always Love You. Ursprünglich von Dolly Parton geschrieben und eingespielt, wurde der Song auch von Linda Ronstadt gecovert, und was die anpackte, das saß in aller Regel. Und so hatte Kevin Costner so seine liebe Not, Whitney zu überreden, diesen "Country Song" für den Film "Bodyguard" aufzunehmen. Und mit dieser Aufnahme hatte sie das Lied für alle anderen "unsingbar" gemacht, wie Marietta Slomka im Heute-Journal es formulierte. Und auch für sich selbst, möchte man hinzufügen - denn ihr späteres Comeback wurde wohl auch dadurch unmöglich gemacht, daß sie selbst ihrem künstlerischen Anspruch nicht mehr gerecht werden konnte. Jennifer Hudson hatte dann den Mut, dieses "unsingbare" Lied zu Ehren Whiteneys auf der Grammy-Feier am nächsten Tag vorzutragen - auch sie eine Sängerin von Format, die sich ohne weiteres neben Linda Ronstadt einreihen konnte, aber der Abstand zu Whitney Houston auf dem Höhepunkt ihrer Kunst blieb. Darin liegt vielleicht auch Trost für Legionen von "Casting Show Hopefuls," die an diesem Lied scheitern. Der Meßlatte am nächsten ist vielleicht ausgerechnet ein Mann: Der ESC-Dauerbrenner aus Irland, Johnny Logan.
sotomajor 08.06.2017
4. R.i.p.
Withney Houston war die grösste Sängerin aller Zeiten. Sie erreichte mit vielen ihrer Songs etwas, das Musik in eine Dimension hebt, die man manchmal nicht mehr begreifen kann. Sie kratzte oft ein kleines Stück an der Seele. Udo Jürgens sagte einmal.: "Wenn eine gute Musik und ein schöner Text mit einer grandiosen Stimme zusammen kommen, weckt das allergrösste Emotionen"! Anders kann man Withney Houston gar nicht beschreiben.
observerlbg 08.06.2017
5. So ein Quatsch
Zitat von ein-berlinerDie Dame lebt nicht mehr aber mit dem Namen kann man herrlich Geld verdienen. Was für ein schmutziges Geschäftsmodell.
Die Frau war von öffentlichen Interesse und viele haben sie geliebt. Eine gut gemachte Filmbiografie erfüllt also Bedürfnisse. Schmutzige Geschäftsmodelle sind Zwangsprostitution, Kinder- Drogen- und Waffenhandel......
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.