Hacker-Thriller mit Tom Schilling Willkommen im Darknet

Schnell, smart, witzig. Tom Schilling und Elyas M'Barek in Bestform. So souverän wie der Hacker-Thriller "Who Am I - Kein System ist sicher" kam das deutsche Kino schon lang nicht mehr um die Ecke.

SPIEGEL ONLINE

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Was ist Tom Schilling eigentlich? Noch immer ein Nachwuchstalent oder nach "Oh Boy" endlich ein Star? So ganz weiß man das nicht, und gerade deshalb könnte es keine bessere Besetzung als Tom Schilling geben für einen Thriller, der das Spiel mit verschiedenen Identitäten furios auf die Spitze treibt.

In "Who Am I - Kein System ist sicher" spielt Schilling den hochbegabten Hacker Benjamin, der im Cyberspace seinesgleichen sucht, im real life jedoch ein blasser Mitzwanziger ist, der bei seiner Oma wohnt und Pizza ausliefert. Seine Existenz ist so unbemerkenswert, dass ihn sogar Marie (Hannah Herzsprung), seine heimliche Liebe aus Schultagen, nicht mehr erkennt. Um die Jurastudentin zu beeindrucken, hackt sich Ben in das System ihrer Berliner Uni ein, doch er fliegt auf und wird zu Sozialdienst verurteilt.

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"Who Am I - Kein System ist sicher": Virtuos virtuell
Ausgerechnet beim Straßenkehren im orangefarbenen Einteiler macht Ben eine schicksalhafte Bekanntschaft: Freizeithacker Max (Elyas M'Barek) erkennt Bens besondere Fähigkeiten, und weil Max im Überschuss hat, was Ben an Chuzpe und Charme fehlt, führt ihr gemeinsamer Weg von wilden Partys schnell zu viel Größerem. Mit zwei Kumpels (Wotan Wilke Möhring, Antoine Monot Jr.) gründen sie das Hacker-Kollektiv Clay und ziehen spektakuläre Spaßaktionen durch, die sie in der Nachfolge von Anonymous und LulzSec zu Popstars des Netzes machen.

Europol und Russenmafia nehmen Fährte auf

Nur der legendäre Hacker MRX ist von den Stunts nicht beeindruckt, bei denen in die DAX-Kurve in den Börsennachrichten plötzlich einen Mittelfinger ergibt. Und wieder ist es Bens verletzte Eitelkeit, die ihn dazu führt, eine Aktion zu wagen, die seine Fähigkeiten übersteigt. Clay hacken den Bundesnachrichtendienst, machen dabei jedoch einen so folgenschweren Fehler, dass ihnen plötzlich nicht nur Europol, sondern auch die russische Mafia auf den Spuren ist.

Oder so lautet zumindest Bens Version der Geschichte. Als alles bereits zu spät erscheint und drei Leichen in seinem Hotelzimmer liegen, offenbart er sich einer Europol-Agentin (Trine Dyrholm). Nun muss sie sich entscheiden, ob sie Ben glaubt oder ob der blasse Jüngling mit dem Minderwertigkeitskomplex nur einen weiteren social hack an ihr versucht.

Könnte man länger über "Who Am I" nachdenken, würde man wohl größere Zweifel daran bekommen, wie originell die Geschichte wirklich ist, die sich Regisseur Baran bo Odar und Co-Autorin Jantje Friese ausgedacht haben. Zum Nachdenken lässt "Who Am I" aber keine Zeit. Wie die Aktionen von Clay ist auch Odars Inszenierung auf visuelle Gags ausgerichtet, und von denen hat Odar einen so großen Vorrat, dass er sie bedenkenlos im Sekundentakt verballern kann (Im Video oben erklärt Odar, wie er eine Schlüsselszene des Fims gedreht hat). Zusammen mit David Wnendt ("Feuchtgebiete") und Bora Dagtekin ("Fack ju, Göhte") scheint sich hier eine Regie-Generation zu formieren, die den Rest des deutschen Kinos in Sachen Tempo, Witz und Bildideen souverän vor sich hertreibt.

Duell in der digitalen Unterwelt

Im Fall von "Who Am I" ist die Leistung von Odar aber noch beeindruckender, denn wer neuere Filme wie das Assange-Biopic "Inside Wikileaks" oder das Episoden-Drama "Disconnect" gesehen hat, weiß, wie schwer sich das Kino mit der Visualisierung des Virtuellen tut. Odar entgeht dem grünen Code-Regen vor schwarzem Hintergrund und den aufpoppenden Emails mit zwei Kniffen: Zum einen lässt er Clay sich auf social engineering spezialisieren, also auf Hacks, die sich in der realen Welt abspielen und das Verhalten von echten Menschen manipulieren.

Zum anderen findet er für die Begegnungen von Ben und seinem großen Idol MRX in den Tiefen des Darknet das Bild eines abgeranzten U-Bahnwagens, in dem zwielichtige Gestalten mit tief ins Gesicht gezogenen Hoodies aneinandergeraten. Der Wettkampf um den raffinierteren Hack als Gerangel und Geschubse unter Straßengangs - so werden auch die abstraktesten Momente der Story zu popkulturell versierten Späßen.

Für solche Bilder braucht es aber nicht nur Ideen, sondern auch Geld. Das hat die Produktionsfirma Wiedemann & Berg zum Glück auch zusammenbekommen und sowohl in den erstklassigen Cast als auch in die aufwendige Ausstattung und den bratzenden Soundtrack (Boys Noize, Royal Blood) weise investiert. Wenn alles gutläuft, erkennt das deutsche Kinopublikum auch, was für einen Ausnahmefilm es präsentiert bekommt - und hievt endlich einmal etwas anderes als eine Komödie aus Deutschland über die Millionenmarke.

Und Tom Schilling? Der dürfte nach "Who Am I" nun endgültig ein Star sein.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels war eine der Aktion von Clay, bei der die Börsenkurse manipuliert wurden, falsch beschrieben. Wir bitten dies zu entschuldigen.

Who Am I - Kein System ist sicher

    D 2014

    Regie: Baran bo Odar

    Drehbuch: Baran bo Odar, Jantje Friese

    Darsteller: Tom Schilling, Elyas M'Barek, Wotan Wilke Möhring, Hannah Herzsprung, Trine Dyrholm, Antoine Monot Jr.

    Produktion: Wiedemann und Berg Filmproduktion, Seven Pictures

    Verleih: Sony

    Länge: 105 Minuten

    Start: 25. September 2014

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