Widerstands-Thriller "Defiance" Ballern gegen den Holocaust

Dieser Mann hat keine Chance, aber er nutzt sie: In "Defiance" kämpft Bond-Darsteller Daniel Craig mit Schnellfeuerwaffen und viel Testosteron im Blut gegen die Nazis. Historische Fakten verbiegen die Macher nach Gusto - so wenig Trauer, so viel Naivität war selten in einem Holocaust-Film.

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Sein Name ist Bielski. Tuvia Bielski. Es mag ungerecht erscheinen, Daniel Craig gleich wieder auf sein Weltenretter-Image als James Bond festzunageln, sobald er es mit einer ambitionierten Rolle einen Film lang abzustreifen versucht. Allein, wie er in "Defiance - Unbeugsam" während des Zweiten Weltkriegs als jüdischer Widerstandskämpfer in den Wäldern Ostpolens gegen Nazi-Besatzer und Kollaborateure kämpft, das entspricht nun mal ganz dem Handlungsdiktat des klassischen Actiondramas: Dieser Mann hat keine Chance, aber er nutzt sie.

Sein Wille ist stark, der Körper zäh, den Rest erledigen die Schnellfeuerwaffen. So wird Daniel Craig zum Holocaust-Actionhero.

Der Umgang, der in diesem Big-Bugdet-Thriller mit Geschichte betrieben wird, ist also lässig zu nennen. Und das fängt schon beim eingangs zitierten Namen des von Craig verkörperten Helden an: Der hieß zu der Zeit, zu der sich die Ereignisse zugetragen haben, nämlich noch Tewje Bielski. Tuvia nannte er sich erst später, nachdem er nach Kriegsende in die Vereinigten Staaten ausgewandert war.

Auf den ersten Blick mag das als nebensächliches Detail erscheinen - und doch führt es direkt in eine Schlacht um letzte Wahrheiten, die schon lange vor dem Kinostart von "Defiance" in Polen tobte. Dort herrscht, gelinde gesagt, große Uneinigkeit über die Person Bielski.

Die historischen Grunddaten werden allerdings allerseits anerkannt: Im undurchdringlichen Waldgebiet um das Dorf Naliboki - damals Ostpolen, heute Weißrussland - ging Tewje Bielski mit seinen Brüdern 1941 in den Untergrund, um der Deportation durch die Nazis und ihren Helfern zu entrinnen. Hunderte jüdische Flüchtlinge aus den Ghettos schlossen sich ihnen an. Die Brüder gründeten deshalb im Wald eine Art Kibbuz samt Schule, Lazarett und Synagoge. Gut 1200 Menschen überlebten auf diese Weise, bis 1944 die Rote Armee in die Gegend vorrückte. So weit die Fakten.

Auseinander driften die Meinung in Polen jedoch, wenn es darum geht, zu rekonstruieren, wie es den Bielskis gelungen ist, ihr "Jerusalem im Wald" durch eisige Winter und Hungerzeiten zu bringen. Die nationalpatriotische Presse wetterte vor dem polnischen Kinostart von "Defiance" im Januar, die Brüder hätten die Dörfer der Region ausgeraubt und jeden Widerstand der Bauern brutal gebrochen. Zur Last gelegt wurde ihnen auch das Massaker im Dorf Naliboki, bei dem 128 Zivilisten starben. Inzwischen gilt als erwiesen, dass die Tat aufs Konto roter Partisanen ging.

Doch auch liberalere Medien in Polen tun sich mit der Glorifizierung der Bielski-Brüder durch Hollywood schwer. Zwei Autoren der "Gazeta Wyborcza", die sich für ein Buchprojekt ausgiebig mit der Materie beschäftigt haben, zeichnen ein eher zweifelhaftes Bild des Widerstandskämpfers Tewje. Als Säufer und Frauenheld hätte er dem stetig wachsenden Strom von Flüchtlingen nur gegen die Abgabe von Schmuck, Gold und Liebesdiensten Zugang in seine Kommune gewährt.

Der heutige Widerstand gegen den historischen Widerstand, so wie er in "Defiance" gezeichnet wird, kann nicht wirklich verwundern, wenn man sich anguckt, wie schluderig und scheußlich eindimensional die Figur des Bielski von Daniel Craig verkörpert wird. Soviel Pathos provoziert nun mal Abwehr: Noch im größten Wodkarausch - in Sachen Alkoholkonsum muss man den Machern tatsächlich Faktentreue attestieren - zeigt sein Bielski unfehlbaren Gerechtigkeitssinn. Hoch zu Ross überwacht der jüdische Naturbursche die Abläufe in seinem Lager, weist schwächliche Intellektuelle in handwerkliche Arbeiten ein, verteidigt diese aber auch gegen Übergriffe grobschlächtiger Bauern.

Endlich ein Mann der Tat!

So mag es dem Filmemacher Edward Zwick ("Blood Diamond") durch den Kopf geschossen sein, als er zum ersten Mal mit der Bielski-Biografie konfrontiert wurde. Als Sohn jüdischer Einwanderer hat der Hollywood-Regisseur selbst viele Angehörige durch den Genozid in Polen verloren; in dem maskulinen Instinktmenschen Bielski nun mag Zwick jemanden gesehen haben, der sich seinem Schicksal nicht ergeben hat, der sich nicht "wie Vieh zur Schlachtbank" führen lassen wollte.

Wie es sich für das Handlungsdiktat des klassischen Actionschockers gehört, bezwingt der Kraftprotz in "Defiance" die Übermacht. Die kämpferische Rigorosität geht dabei mit einer moralischen einher. Doch bedurfte es tatsächlich nur eines ethisch einwandfreien Charismatikers, um dem systematischen Massenmord der Nazis ein Schnippchen zu schlagen? Und ist diese im Film implizierte Fragestellung nicht schon an sich eine Verharmlosung des Völkermords?

Es sind deshalb gar nicht so sehr die historischen Ungenauigkeiten, die "Defiance" zu einem äußerst zweifelhaften Vergnügen machen. Es ist vielmehr die nassforsche Naivität, mit der hier der Genozid als Hintergrund für ein männliches Selbstbehauptungsdrama funktionalisiert wird. So wenig Trauer, so viel Testosteron war selten in einem Holocaust-Film.

Zum Schluss wird es dann ganz schlimm: Bielski führt Frauen, Kinder und Greise vor den Nazi-Verfolgern durch die Sümpfe; die Chancen zu entkommen gehen gegen Null. Doch gerade, als er heroisch zum letzten Gefecht antritt, eilt sein Bruder mit russischen Partisanen zur Hilfe. Die Deutschen werden, wer will da Mitleid haben, in einer pulverdampfseligen, zehnminütigen Actionsequenz dahingemetzelt. Das hat die Welt noch nicht gesehen: die Shoah als Shootout.



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