"Widows - tödliche Witwen" Die Trauer nach dem Schuss

Nach seinem Oscar-Gewinnerfilm "12 Years A Slave" überrascht Steve McQueen mit einem Hochglanz-Thriller: In "Widows" versammelt eine Gangster-Witwe Frauen, um das letzte Ding ihres Mann durchzuziehen.

20th Century Fox

Bei den Bildern des britischen Regisseurs Steve McQueen muss man genau hinsehen. Nicht, um versteckte Details oder zweite Ebenen zu entdecken. Sondern um sie auf sich einwirken zu lassen, ihrer emotionalen Resonanz in sich nachzuspüren und sich dann von den geweckten Gefühlen durch die Geschichte führen zu lassen.

McQueens neuer Kinofilm "Widows", der erste nach seinem Oscar-Triumph "12 Years A Slave", beginnt mit so einem typischen Gefühlsbild. Ein heterosexuelles Paar um die 50 liegt im Ehebett. Sie küssen sich forsch, immer wieder dringen ihre Zungen in den Mund des anderen vor, so, als gelte es Land zu erobern im Körper des anderen. Harter Schnitt.

Dieses Bild kann eine auf dreierlei Weise aufwühlen. Weil Menschen um die 50 im Kino so selten bei sexuellen Handlungen zu sehen sind. Weil sich Leidenschaft und Machtkampf hier so augenscheinlich verbinden. Und weil sie schwarz und er weiß ist. Alle drei Emotionen legen einen entscheidenden Zugang zum Film.

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"Widows - tödliche Witwen": Ihr erster und ihr letzter Raub

Veronica (Viola Davis) und Harry (Liam Neeson) haben vor zehn Jahren ihren einzigen Sohn bei einer Schießerei verloren. Dass sie noch zusammen sind und dass sie an ihrer körperlichen Nähe festhalten, ist ein Aufbäumen gegen die Umstände und die Trauer. Doch dann muss Veronica feststellen, dass er ein Doppelleben geführt hat: Ihr Wohlstand, der zu einem schicken Penthouse an Chicagos Lake Michigan geführt hat, stammt aus großaufgezogenen Raubüberfällen, deren Mastermind Harry war.

Korrupt gegen kriminell

Der letzte dieser "Heists" geht jedoch schief, Harry stirbt in einem Feuerball, und mit ihm verbrennen zwei Millionen Dollar Beute. Womöglich hätte er damit seine Schulden bei Gangster-Boss Jamal Manning (Brian Tyree Henry) bezahlt, womöglich auch nicht. Der Afroamerikaner Manning pflegt mittlerweile Ambitionen auf einen wichtigen Posten in der Chicagoer Lokalpolitik und macht dafür dem Sohn einer reichen weißen und zutiefst korrupten Politiker-Dynastie den Anspruch auf den Posten strittig.

Der Wahlkampf wird also schmutzig und vor allem teuer werden, weshalb Manning Harrys Schulden nun bei dessen Witwe eintreibt. Prompt ist diese in die Politik einer Stadt hineingezogen, in der "race" ein lebensgefährliches Risiko sein kann wie auch eine Karte, die man zum richtigen Zeitpunkt ausspielen kann.


"Widows - tödliche Witwen"
Originaltitel: "Widows"
USA/UK 2018

Regie: Steve McQueen
Buch: Gillian Flynn, Steve McQueen
Mit: Viola Davis, Liam Neeson, Michelle Rodriguez, Elizabeth Debicki, Colin Farrell, Brian Tyree Manning, Daniel Kaluuya
Produktion: Regency Films, See-Saw Films, Film4 et al.
Verleih: 20th Century Fox
Länge: 129 Minuten
FSK: ab 16 Jahren
Start: 6. Dezember 2018


Was von der Vielschichtigkeit des Stoffes her wie eine Serie von David Simon ("The Wire", "The Deuce") erscheint, war in seiner ersten Ausformung tatsächlich ein britische Miniserie aus den Achtzigern. Dass McQueen und seine Co-Autorin Gillian Flynn ("Gone Girl", "Sharp Objects") die Geschichte auf einen Film verdichtet haben, überrascht zunächst. Genug Fährten, denen man durch die Stadt in die Häuser, Büros, Hinterzimmer und Betten der vielen Figuren hätte folgen können, wären für mehrere Episoden ausgelegt gewesen.

Doch McQueen und Flynn wollen ihren Figuren nicht folgen, sondern in ihre Gesichter und auf ihre Körper blicken, sich ihre Geschichten durch den Bluterguss unterm Auge der schönen Alice (Elizabeth Debicki) und die durchtrainierten Bauchmuskeln der gestressten Multi-Jobberin Elle (Cynthia Erivo) erzählen lassen.

Pistolenschüsse und bebende Lippen

Das starke Figuren- und Darsteller-Ensemble (u.a. Colin Farrell, Carrie Coon, Daniel Kaluuya) trägt diesen Ansatz. Vor allem in Viola Davis hat McQueen eine Schauspielerin gefunden, die seine Gefühlsbilder zur Gänze auszufüllen vermag. Ihr Spiel ist selten subtil, aber immer intensiv - ganz ähnlich wie McQueens Art Filme zu machen. Ihre bebenden Lippen werden in Erinnerung bleiben, lang nachdem der Hall der Pistolenschüsse verklungen ist.

Aber es wird eben auch noch ziemlich viel geballert, gefoltert und ermordet. Davis' Veronica versammelt eine Gruppe von Frauen, die wie sie bei dem schiefgegangenen Überfall zu Witwen gemacht wurden, und plant mit ihnen, Harrys letztes "Ding" umzusetzen. Einen Raub, mit dessen Beute sie ihre Schulden bei Manning ausgleichen kann und die anderen ein neues Leben beginnen können.

Im Video: Der Trailer zu "Widows"

Twentieth Century Fox

Diese Thriller-Elemente verleihen dem Film mitunter Dynamik, jedoch keine Struktur und keinen Rhythmus. Sie wirken wie ein Vorwand, um die Geschichten der Frauen zu erzählen. Und womöglich geht McQueen auch Recht in der Annahme, dass es Gefühlsbilder in Hollywood nur ihm Rahmen von Genre geben kann. Bei vielen Bildern in "Widows" bleibt deshalb aber auch ein ungutes Gefühl zurück: Dass die Filmemacher einen Kompromiss eingegangen sind, der sich künstlerisch nicht ausgezahlt hat.

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