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Sex-Thriller "Wie ein weißer Vogel im Schneesturm": In der Geisterbahn der Gefühle

Von Carolin Weidner

Feuchte Träume und Aliens: Kaum einer bringt Horror und Coming of Age so sinnlich zusammen wie der Regisseur Gregg Araki. In seinem neuen Film geht das altbewährte Rezept aber nicht mehr auf.

Gregg Araki ist der Regisseur des Suburb-Grusels. Wie bei einer Fahrt in der Geisterbahn durchlebt der Zuschauer bei ihm das komplette Spannungsfeld der Gefühle: Da wäre zum einen Erhebendes, Heroisches, wenn der Entschluss steht, sich in den Wagen zu setzen. Mit Freunden vielleicht. Dann folgt Geschocke. Lachen. Letztlich Erleichterung. Vielleicht auch Langeweile. Irgendwo in diesem Spannungsfeld sind Arakis Filme auszumachen. Nur, dass man sich in keinem verhüllten Fahrgeschäft befindet. Sondern mitten in den USA. Und man ist Teenager.

In seiner "Teenage Apocalypse Triology" aus den Neunzigern - mit Rose McGowan, Heather Graham, Christina Applegate und allen voran James Duval - gab es Aliens, Videotapes, Fixer, Cowboys, feuchte Träume, Dragqueens, apathische Eltern, unheimlich schräge Perspektiven, bunte Frisuren, sexuelle Konfusion. Und immer wahnsinnig große Lust. Das war schrill und wild, billig, unerträglich und dabei doch sehr schön anzusehen. Araki selbst erklärte seine Filme zu einer Mischung aus avantgardistischem Experimentalkino und einem John-Hughes-Streifen ("The Breakfast Club"). Andere ernannten ihn zum Pionier des New Queer Cinema.
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"Wie ein weißer Vogel im Schneesturm": Der Horror der Vorstadt

Sex-Thriller im Coming-of-Age-Look

In die Zeit eines John-Hughes-Streifens kehrt auch "Wie ein weißer Vogel im Schneesturm" zurück: in die Achtzigerjahre. Hier trifft man auf Kat Connors (Shailene Woodley); zunächst scheint alles recht gewöhnlich. Kat ist ein Teenager, der gerne die Cocteau Twins hört und This Mortal Coil. Abends ruft sie bei ihrem Freund Phil (Shiloh Fernandez) durch, der in der Nachbarschaft wohnt. Seitdem sich beide während einer Party auf die Qualitäten von Depeche Modes "Behind the Wheel" verständigen konnten, sind sie ein Paar.

Doch Phil weckt nicht nur bei Kat Begehrlichkeiten. Sondern auch bei ihrer Mutter Eve (Eva Green). Die startet bald nicht gerade subtile Verführungsmanöver: Einmal überrascht sie das Paar in einem transparenten Nachthemd, später kommt es zu einer Begegnung mit Phil am Pool: "Weißt du, die Zeit als ich noch in deinem Alter war, erscheint mir gar nicht so weit weg." Der Freund der Tochter gerät zum Ventil für ein ansonsten fürchterlich eindimensionales Dasein als Fulltime-Hausfrau in einem südkalifornischen Vorort. Doch dann ist Eve plötzlich verschwunden - und mit ihrem Verschwinden rücken andere Männer in den Fokus: Detective Scieziesciez (Thomas Jane), der nicht nur mit dem Fall befasst ist, sondern bald auch mit Kat und ihren "fantastischen Brüsten". Und nicht zuletzt Kats Vater Brock (Christopher Meloni), dessen stuporhafte Art über die Dauer des Films sukzessive an Horror gewinnt.

Der Film wirkt zerfleddert

"Wie ein weißer Vogel im Schneesturm" ist ein Sex-Thriller im Coming-of-Age-Look. Einer in stylishen, grellen Bildern, der zudem mit einem starken Polaroid-Effekt arbeitet. Und in der Vergangenheit gelangen Araki ja durchaus ikonische Bildfolgen: In "Mysterious Skin" etwa, der Geschichte zweier als Kinder missbrauchter Jungen, gab es davon eine ganze Reihe. Da schüttete sich zum Beispiel einer der Jungen eine Packung bunter Froot Loops über den Kopf. Araki zeigte das in Slow-Motion. Es ist die Szene vor dem Missbrauch durch den Baseball-Coach. Das hatte Kraft.

Auch in "Wie ein weißer Vogel im Schneesturm" gibt es gelungene Szenen und Bilder. Eva Green liegt wirklich sehr exquisit am Swimming Pool, ihre mysteriöse Eve ist leicht in eine italienische Villa zu fantasieren. Doch der Film als Ganzes wirkt zerfleddert.

Die Geschichte ist ein aus verschiedenen Stücken kolportiertes Rätsel, das Kats Jugend darstellt. Das ist eigentlich ganz Gregg Araki. Trotzdem fehlt etwas. Seinen früheren Protagonisten - allen voran James Duval - brachte der Regisseur fast zärtlich seine ganze Aufmerksamkeit entgegen, wich nicht von ihrer Seite, fand einzigartige Bilder für ihr irres Erwachsenwerden. Kats Umgang mit dem Horror aus der Jugend inszeniert er nun aber geradezu holzschnittartig-konventionell, mixt Therapiesitzungen, Erinnerungen an die Kindheit und diffuse Traumsequenzen. Weil so keine individuelle Psychologisierung stattfinden kann, wirkt es ein bisschen, als sei ihm die Empathie für seine Figuren abhanden gekommen. An Kats Seite steht der Regisseur nicht mehr. Sie ist wirklich allein.

Sehen Sie hier den Trailer zu "Wie ein weißer Vogel im Schneesturm":

"Wie ein weißer Vogel im Schneesturm"

USA 2014

Originaltitel: White Bird in a Blizzard

Regie: Gregg Araki

Drehbuch: Laura Kasischke

Darsteller: Shailene Woodley, Eva Green, Christopher Meloni, Angela Bassett, Gabourey Sidibe

Verleih: Capelight Pictures

Länge: 91 Minuten

FSK: Ab 12

Start: 14. August 2015

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