Oscar-Show: Bond, Barbra und Busenwitze
Jede Oscar-Nacht ist eine lange Nacht - doch diesmal zog es sich für Musical-Hasser besonders. Versöhnt wurde man mit überzeugenden Auftritten von Bond-Diven und der First Lady Michelle Obama. Moderator Seth MacFarlane dagegen spaltete mit seinem Bad-Boy-Humor.
Am Ende kam Ben Affleck ins Stammeln - die Zeit für die Dankesrede lief dem Regisseur von "Argo" davon, der gerade bei der 85. Oscar-Verleihung als bester Film prämiert wurde. Die Eile erstaunte ein wenig - schließlich waren zuvor bald vier Stunden Zeit für große Gesten und nette Nebensächlichkeiten. Eine kleine Sammlung der Oscar-Momente 2013.
Die Show war sehr gesanglastig. Teilweise glaubte man sich bei den Grammys oder den Tony Awards. So ziemlich jedes Musical der letzten zehn Jahre hatte einen Auftritt. So war zu rechnen mit einem Sieg des Musicals "Les Misérables", das auch in drei Kategorien gewann - doch dann kam die Schalte zu Michelle Obama, die staatstragend die Bedeutung des Films betonte. Da war klar: Der Sieger als bester Film konnte nur "Lincoln" sein. Und dann packte die First Lady den Umschlag aus: "Argo"!
Als sich Richard Gere und Renee Zellweger nicht einig wurden, wer den Sieger in der Kategorie "Original Score" vorlesen solle, preschte ihre "Chicago"-Kollegin Queen Latifah vor und rief "Life of Pi", als rufe sie die Kinder von der Straße zum Abendessen rein - der coolste Auftritt des Abends.
Paul Rudd und Melissa McCarthy sind vor der Kamera echte Spaßkanonen. Doch ihre Witze über Animationsfiguren gingen total unter, es war der peinlichste Auftritt. Schon allein, weil die beiden nicht verstanden, dass sie ins Mikro sprechen müssen.
Barbra Streisand kommt zum Ende des "In Memoriam"-Blocks aus dem Dunkel auf die Bühne, spricht ein paar warme Worte über den verstorbenen Marvin Hamlisch - und singt seine große Komposition "The Way We Were" - der rührendste, der schönste Moment!
Der schlimmste Moment hingegen war, als im sowieso nicht enden wollenden Musical-Medley auf Geschrei von Jennifer Hudson Standing Ovations des Publikums folgen - und dann führt Hugh Jackman das Ensemble von "Les Misérables" zu einem vielstimmigen Katzenjammergesang an - natürlich gefolgt von weiteren Standing Ovations.
Es war ein vergleichsweise skandalfreier Abend, wenngleich manche es skandalös fanden, dass überlange Dankesreden mit dem Thema zu "Der weiße Hai" überblendet wurden. Aber diese Leute waren vielleicht einfach nur etwas humorlos.
Dass zwei Filme die gleiche Anzahl an Stimmen erhalten, ist sehr selten - eine Überraschung des Abends. Das letzte Mal war dies 1969 der Fall, als Barbra Streisand und Katharine Hepburn beide den Oscar für die beste Hauptdarstellerin erhielten. Diesmal kam es wieder zu einem Patt, allerdings nur in einer Nebenkategorie: "Bester Tonschnitt". "We have a tie", meinte ein völlig perplexer Mark Wahlberg und rief nacheinander die Tonmeister von "Zero Dark Thirty" und "Skyfall" auf die Bühne.
Noch überraschender war allerdings: Daniel Day-Lewis hat Humor! Er scherzte mit seiner Präsentatorin Meryl Streep darüber, wie er Margaret Thatcher und sie Lincoln spielen könnte.
In Sachen 50 Jahre Bond leitet Halle Berry einen ziemlich naheliegenden Zusammenschnitt aus den üblichen Szenen ein; dann singt Shirley Bassey anfangs knapp an der Melodie von "Goldfinger" vorbei - bevor die 76-Jährige die große money note zum Finale dann doch souverän trifft. Auch stark singt Adele den aktuellen Bond-Titel "Skyfall", der dann auch als bester Song ausgezeichnet wird. Mit breitem Londoner Dialekt und viel Charme hält sie die schönste Dankesrede des Abends - und treibt ihren Co-Songwriter Paul Epworth zur Eile an.
Wie war der neue Moderator? Ja, er ging selbstironisch damit um, aber dennoch sorgte Seth MacFarlane für den Einzug des Titten-Humors in die Academy. Hier gibt es einen starken Gegensatz zwischen der Logik der Show und den prämierten Filmen. Das kann man gut finden, weil es einen Kontrast zur Selbstbeweihräucherungsstimmung des Abends setzt. Oder man findet es sexistisch. Von William Shatner, ausgerechnet, kommt in einem Einspieler Schimpfe aus der Zukunft.
Das Timing von William Shatner in jenem Dialog aus der Zukunft mit Seth MacFarlane allerdings ging daneben. Man hätte gedacht, bis zum 23. Jahrhundert hätten sie das Problem mit den Echos bei Ferngesprächtelefonaten im Griff.
Der Satz des Abends war, so oder so: "We saw your boobs." Moderator MacFarlane sang diese schöne Zeile, um gleich zu Beginn der Show sein eigenes Image als bad boy zu bestätigen - und gleichzeitig zu ironisieren. Gerichtet war sie an diverse bekannte Damen im Publikum, zum Beispiel Kate Winslet und Charlize Theron. Und außerdem noch Quentin Tarantinos programmatischer Satz "This is the writers' year" - es sei das Jahr der Drehbuchautoren. Die Genugtuung gönnt man ihm: Tarantino war nicht einmal nominiert als bester Regisseur und gewann den Drehbuch-Oscar.
Was wurde gegen den Zuschauerschwund unternommen? Das Cast von "The Avengers", dem kommerziell erfolgreichsten Film des Jahres, trat gemeinsam auf: Samuel L. Jackson, Jeremy Renner, Robert Downey Jr., Chris Evans. Die Hauptdarsteller von "Harry Potter" und "Twilight" überreichten gemeinsam einen Preis. Brachte dennoch nichts, die Show schwelgte zu sehr in Erinnerungen, als dass sie wirklich konsequent junge Zuschauer hätte ansprechen können.
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- Montag, 25.02.2013 – 06:25 Uhr
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