Wikileaks-Film "The Fifth Estate" Am Daten-Paten gescheitert

Beim Filmfestival in Toronto feierte der erste Spielfilm über Wikileaks Weltpremiere. "Sherlock"-Darsteller Benedict Cumberbatch brilliert als egomanischer Julian Assange. Das ist aber leider auch schon das einzig Gute, was über Bill Condons "The Fifth Estate" zu berichten ist.

Aus Toronto berichtet


Um die Datenplattform Wikileaks ist es stiller geworden, seit Julian Assange in der ecuadorianischen Botschaft in London festsitzt. Doch die Debatte über den strafrechtlichen Umgang mit Whistleblowern wie Bradley (jetzt Chelsea) Manning und Edward Snowden verleiht einem Film, der die Balance zwischen rigorosem Datenschutz und totaler Info-Transparenz ausloten will, eine besondere Brisanz und Aktualität.

Bill Condon, zuletzt Regisseur der letzten beiden Teile der "Twilight"-Saga, lehnte sich im Vorfeld der Weltpremiere am Donnerstagabend in Toronto ziemlich weit aus dem Fenster: Er habe eine Art "Die Unbestechlichen" (1976) für das Internetzeitalter drehen wollen. Alan J. Pakulas Film über die Watergate-Enthüller Woodward und Bernstein von der "Washington Post" gilt als einer der besten Journalismus- und Polit-Thriller. Zu Recht - eben weil es ein echter Thriller ist, und ein sehr spannender noch dazu.

Condons Wikileaks-Werk "The Fifth Estate" ist dagegen leider nicht sehr spannend, und es ist auch kein Thriller. Es erzählt die Erfolgsgeschichte von Wikileaks bis zum großen Coup, der Veröffentlichung der von Manning geleakten Geheimdokumente aus den Afghanistan- und Irak-Feldzügen der USA im Verbund mit "New York Times", "Guardian" und dem SPIEGEL*. Das Drehbuch von Josh Singer basiert auf den Büchern "Wikileaks: Julian Assanges Krieg gegen Geheimhaltung" der "Guardian"-Reporter David Leigh und Luke Harding sowie "Inside Wikileaks: Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt" des ehemaligen Assange-Intimus Daniel Domscheit-Berg.

Domscheit-Berg, picklig, bärtig und nerdig verkörpert von Daniel Brühl, nimmt in Condons Film denn auch die Erzählerperspektive ein. Der Zuschauer ist von Beginn an dabei, als der Berliner Hacker bei einem Kongress des Chaos Computer Clubs auf den charismatischen Australier trifft und sich für dessen Vision der allumfassenden Geheimnislüftung begeistert - und er ist am Ende dabei, als Domscheit-Berg von Assange abrückt, weil der sich weigert, die Namen von Informanten aus Dokumenten zu tilgen, um deren Leben nicht zu gefährden, so wie es mit den Medienpartnern abgesprochen war.

Dazwischen sieht man dann Berg und Assange vor allem viel an Laptops herumhocken und sich in Rage tippen. Eher hilflos versucht Condon das, was nun einmal langweilig aussieht oder gleich gar nicht sichtbar ist - Chats auf Computerbildschirmen, virtuelle Datenströme - mit Überblendungen auf die Gesichter seiner Protagonisten darzustellen. Um zu verbildlichen, wie Assange seine Ein-Mann-Organisation mit Fake-Accounts zur Wikileaks-Armee aufbläst, zeigt uns Condon einen schier endlosen Büroraum mit identischen Schreibtischen und Rechnern, an denen, feixend, stets nur Assange sitzt. "Das sind Grafiken, mit denen man in den Achtzigern hätte punkten können", spottet Domscheit-Berg zu Beginn des Films über die etwas anachronistische Präsentationstechnik des Redners Assange. Ähnliches gilt für den Film selbst, der allzu oft daran scheitert, sein Sujet unterhaltsam, wenn nicht gar überraschend in Szene zu setzen.

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Wikileaks-Film "The Fifth Estate": Picklig, bärtig, nerdig
Stattdessen: Lineares Abhaken von Schlüsselmomenten, wie man es, dramaturgisch wie visuell, eher von TV-Dokus gewohnt ist. Dazu bleiben Domscheit-Berg und Assange als Figuren fremd, obwohl der Brite Benedict Cumberbatch eine Glanzleistung abliefert: Sprachstil, Mimik und feuchte Aussprache von Assange reproduziert er mit fast beängstigender Akkuratesse und bietet dennoch mehr als ein bloßes Abbild.

Cumberbatch, bekannt als Sherlock-Darsteller aus der gleichnamigen BBC-Serie, tauschte E-Mails mit Assange aus, um sich auf die Rolle vorzubereiten. Er spielt ihn, ähnlich wie den Meisterdetektiv, als erratisches Genie und egomanisches Scheusal, besessen davon, den Mächtigen der Welt ihre Geheimnisse zu entreißen. Doch was ihn dabei antreibt? Das lässt der Film im Dunkeln - ebenso wie die offenbar grauenhafte Kindheit Assanges in einer New-Age-Sekte, der er seine weiß gefärbten Haare verdankt. Der Mann, der alles und jeden bloßstellt - er bleibt selbst verhüllt.

Als Zeitgeist- oder Polit-Thriller vermag "The Fifth Estate" daher nicht zu überzeugen, und auch nicht als mutiges Porträt eines irren Entrepreneurs. Ein Spielfilm, und das ist "The Fifth Estate" nun einmal, darf mehr als die Fakten zusammenfassen, darf einen spekulativen Blick in die Seelen seiner Figuren wagen - auch auf die Gefahr hin, sich von den echten Personen zu entfernen. David Fincher und Drehbuchautor Aaron Sorkin haben es mit dem Mark-Zuckerberg-Porträt "The Social Network" vorgemacht, der als unerreichtes Vorbild manchmal etwas zu deutlich über "The Fifth Estate" schwebt.

Julian Assange muss "The Fifth Estate" jedenfalls nicht fürchten. Nachdem er eine frühe Drehbuchfassung gelesen hatte, zürnte er, Condon wolle üble Propaganda gegen Wikileaks verbreiten. Wohl um die Schlagzeilen vor der Weltpremiere zu dominieren, beklagte Assange zu Beginn dieser Woche, nach wochenlanger Funkstille, ein verdeckt ermittelnder FBI-Mann habe ihm im Jahre 2010 in Berlin Daten und einen Laptop entwendet. Ein ungelöstes Rätsel mehr.

Und noch ein weiteres Geheimnis blieb am Donnerstag in Toronto ungelüftet. Die Pressevorführung war ursprünglich für den Vormittag angesetzt, wanderte aber kurzfristig und ohne Angabe von Gründen in den späten Abend - erst nach der offiziellen Gala-Premiere konnten Journalisten den Film sehen. Wollten sich Produktionsfirma und Festivalmacher einen glanzvollen Auftakt nicht durch negative Kritiken verderben lassen? Immerhin: Geleakt wurde der Film zuvor nicht.

*Die SPIEGEL-Redakteure Holger Stark und Marcel Rosenbach (gespielt von Anatole Taubman und Alexander Beyer), Autoren eines Sachbuchs zur Wikileaks-Story, kommen in "The Fifth Estate" ebenfalls vor. Am kommenden Montag beschreiben sie im SPIEGEL, wie sie als Zeitzeugen den Film bewerten.



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insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
wolliner 06.09.2013
1.
Als Zeitgeist- oder Polit-Thriller vermag "The Fifth Element" ...
neu_ab 06.09.2013
2.
Zitat von sysopConstantinBeim Filmfestival in Toronto feierte der erste Spielfilm über Wikileaks Weltpremiere. "Sherlock"-Darsteller Benedict Cumberbatch brilliert als egomanischer Julian Assange. Das ist aber leider auch schon das einzig Gute, was über Bill Condons "The Fifth Estate" zu berichten ist. http://www.spiegel.de/kultur/kino/wikileaks-film-the-fifth-estate-a-920784.html
Interessant! Wird in dem Film auch gezeigt, wie es zu dem zweifachen Vergewaltigungsvorwurf kam, dem Assange sich aus irgendwelchen dubiosen Gründen seit Jahren nicht stellen will, gegenüber einem so schröcklichen Land wie Schweden?
spon-facebook-596094625 06.09.2013
3. Assange?
Wie soll man in einem Film einen Mann enthüllen, der noch nicht enthüllt ist? Ich finde es dem Sujet gegenüber etwas unfair, solche Dinge zu erwarten. War das nicht vorher absehbar, dass es wohl kaum neue Offenbarungen geben würde? Über den angesprochenen Zuckerberg wusste man nach The Social Network auch nicht mehr als vorher - und genau darin lag die Faszination.
axel_roland 06.09.2013
4. Bleibtreu als Hacker?
Bleibtreu soll einen Hacker spielen? Ja ne is klar.... m( Gibt's in D keine anderen Schauspieler???
LuBu 06.09.2013
5. Luc Besson
"Als Zeitgeist- oder Polit-Thriller vermag "The Fifth Element" daher nicht zu überzeugen"... :D!?
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