"Wild" von Nicolette Krebitz Wolf meets girl

In Nicolette Krebitz' herausragendem Film "Wild" verguckt sich eine Frau in einen Wolf und riskiert alles, um mit ihm zu leben. Ein großartig verstörender Blick auf die Liebe und die Welt.

NFP

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Schon mal gut, dass es in "Wild" nicht ans Meer geht. Wenn den weißen Mittelschichtsdeutschen die große Zivilisationsübersättigung ergreift, fährt er ja in einer erstaunlich großen Anzahl von Büchern und Filmen - zuletzt etwa bei Ronja von Rönne - ans Meer. Dort verbringt er dann den Rest des Buchs oder Films damit, auf die Erkenntnis zu kommen, dass es am Meer auch nicht besser ist als in Berlin.

In "Wild" geht es dagegen an den Rand einer Hochhaussiedlung in Halle-Neustadt. An Hochhaussiedlung und angrenzendem Waldstück läuft Ania (Lilith Stangenberg, "Die Lügen der Sieger") jeden gleich grauen Morgen und jeden gleich grauen Abend vorbei, wenn sie zu ihrer Arbeit als IT-Spezialistin in einer belanglosen Agentur fährt oder von dieser zurück kommt. An dieser Bruchstelle zwischen Zivilisation und Wildnis kommt es dann auch zu einer buchstäblichen Grenzerfahrung: Plötzlich steht Ania einem Wolf gegenüber, und es ereignet sich das irrste meet-cute der jüngeren Filmgeschichte.

Wie in einer romantischen Komödie, bei der die Liebenden schon beim ersten zufälligen Zusammentreffen wissen, dass sich ihre Leben verschränken werden, erkennt Ania in dem Wolf ihr Schicksal. Begehren, Hoffnung, Abenteuerlust - all das ist nach einem kurzen Blick in die gelben Augen des Wolfs geweckt. Im nächsten Moment ist das Tier schon wieder verschwunden, doch das ist für Ania lediglich Signal, zu einer Liebesjagd auf den Wolf anzusetzen, wie sie ansonsten nur Glenn Close auf Michael Douglas in "Eine verhängnisvolle Affäre" gemacht hat.

Die Nachbarn werden neugierig

Zunächst versucht sie, den Wolf mit edlen Fleischstücken zu locken, doch er ziert sich. Also macht sich Ania daran, eine Falle aufzustellen. Mit einer Energie, die die Kollegen auf der Arbeit verblüffen würde, organisiert sie Berge aus Stoffresten, die sie für die sogenannte Lappjagd braucht. Dafür werden Lappen aus Stoff so aufgehängt, dass sie wie ein Zaun auf das Tier wirken und es sich nicht mehr aus dem eingegrenzten Gebiet heraustraut. Fehlt nur noch ein selbst zusammengerührtes Betäubungsmittel - und endlich ist der Wolf unter Anias Kontrolle.

Fortan haust er im Nebenzimmer ihrer Hochhauswohnung, liebevoll von Ania mit Fleisch versorgt, doch ohne Auslauf oder Möglichkeit zu koten. Schnell rufen deshalb Gestank und Geräusche die Nachbarn auf den Plan. Doch Ania gibt sich kaum Mühe, ihre neuen Lebensumstände zu vertuschen. Auch auf der Arbeit taucht sie immer öfter verdreckt und mit zerrissener Kleidung auf. Statt sich Sorgen zu machen, fällt ihrem Chef Boris (Georg Friedrich, "Über-Ich und du") vor allem auf: Ania wirkt so glücklich wie noch nie. Ob sie jemand kennengelernt habe, fragt Boris sie. Ja. Und was macht der Neue so? Na, gut aussehen.

Im Video: Regisseurin Nicolette Krebitz erklärt eine Schlüsselszene aus "Wild"

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Frau und Wolf, das große Glück: Was Nicolette Krebitz in ihrer dritten Regiearbeit nach eigenem Drehbuch inszeniert, nimmt sich wie das wildeste Gedankenspiel aus, das sich das deutsche Kino seit Ewigkeiten gewagt hat. In vielerlei Hinsicht ist es das aber auch nicht. Ästhetisch rigide sind zum Beispiel Reinhold Vorschneiders Bilder, die stets hell-blass leuchten und selbst das Blut, das an entscheidender Stelle tropft, nicht als Farbtupfer gelten lassen.

So eng wie das Spektrum der Farben ist in "Wild" auch Anias Welt gefasst. Charakterlose Straßenzüge reihen sich aneinander, ohne eine Stadt zu ergeben. Leidenschaftslose Menschen treffen aufeinander, ohne eine Gesellschaft zu ergeben. Die Zersetzung findet offenbar im Innersten statt, lange scheint es diese Welt nicht mehr geben zu können. Anias Sehnsucht nach dem Wolf ist in dieser Perspektive kein sentimentales "Zurück zur Natur", sondern ein hellsichtiges "Raus aus der Gesellschaft", bevor diese eh zerbirst.

Weltekel wie bei Christian Kracht

Weltekel, wie man ihn aus den Büchern von Christian Kracht kennt, deutet sich hier an. Doch den Schritt zum ekstatischen Zivilisationsuntergang samt Erlösung im Totalitären vollzieht Krebitz nicht, dafür ist sie eine viel zu skrupulöse Filmemacherin. Überhaupt durchwirkt das Wissen um die vielen Fallstricke ihrer Geschichte Krebitz' Film. Eine Frau ihr vollkommenes Glück in der Wildnis finden zu lassen, hieße etwa, das wirkmächtige Klischee von der besonderen Verbindung von Frau und Natur zu bedienen.

Also sorgt Krebitz dafür, dass Ania auch mit den Menschen besser zurecht kommt, je enger die Bindung an den Wolf wird. Zum ersten Mal hat sie sinnhafte Begegnungen mit ihren Kollegen. Mehr noch, ein erotischer Traum, in dem sie der Wolf oral befriedigt, scheint geradezu die Voraussetzung dafür zu sein, dass sich Ania auf die Avancen ihres Chefs einlassen kann.

Mann/Frau, Mensch/Tier, Natur/Kultur - so vielen Binaritäten scheint Krebitz ausweichen zu wollen, dass sich das thematische Terrain von "Wild" nachgerade wie ein Hindernisparcours ausnimmt. Inszenatorisch setzt Krebitz diesem Umstand einen Wechsel der Tonalitäten entgegen - manche Szenen geraten fantastisch, etwa wenn der Wolf plötzlich eine Wand durchbricht; manche satirisch, etwa wenn Ania dem Wolf Rühreier und Cola zum Frühstück serviert. Einmal bricht sogar die Kamera aus ihrer Starre aus und nutzt wie Ania das Treppengeländer des Hochhauses, um sich in einer Fahrt von den oberen Stockwerken bis zum Parterre selbst zu stimulieren.

Krebitz' souveräne Regie und ihre spärlichen, dafür aber grandiosen Dialoge verleihen jeder dieser Szenen Reiz. Und die brillante Lilith Stangenberg kann in jeder dieser Szenen eine andere Facette ihres schauspielerischen Könnens auffahren. Als Ganzes mag der Film jedoch nicht zusammenfinden, dafür hat er sich zu sehr der Uneindeutigkeit verschrieben. Das Ende, auf das "Wild" irgendwann doch Kurs nimmt, kann deshalb auch nicht überzeugen.

Letztlich ist alles, was "Wild" ausmacht, schon in der Szene enthalten, in der Ania zum ersten Mal dem Wolf begegnet und die Leinwand vor Möglichkeiten, was aus dieser Begegnung erwachsen könnte, nahezu vibriert. Den Rest des Films buchstabiert Krebitz gewissermaßen nur aus, welche Möglichkeiten dies sein könnten. Womöglich kann man deshalb nach der Szene mit dem ersten Treffen aus dem Film rausgehen, ohne nennenswertes zu verpassen. Die schätzungsweise beste Szene des Kinojahres hat man in jedem Fall schon gesehen.

Im Video: Der Trailer zu "Wild"

"Wild"

    D 2016

    Buch und Regie:Nicolette Krebitz

    Darsteller: Lilith Stangenberg, Georg Friedrich, Silke Bodenbender

    Produktion: Heimatfilm

    Verleih: NFP

    Länge: 97 Minuten

    FSK: ab 16 Jahren

    Start: 14. April 2016

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