Wim Wenders' "Palermo Shooting" Passionsspiel mit Punkrockerfratze

Campino und der Sensenmann: Wim Wenders erzählt in seinem neuen Film, wie ein Fotograf mit dem Tod plaudert - und ihm nochmal von der Schippe springt. "Palermo Shooting" vereint tolle Musik mit bezaubernden Bildern - und einem Hang zum grobgezimmerten Mysterienspiel.


Machen wir uns nichts vor: Andere, zartere Künstlermenschen besitzen Gesichter – der Punkmusiker Campino hat eine Fresse. Das ist die Hypothek des Films "Palermo Shooting", in dem Campino die Hauptrolle spielt, aber auch das Pfund, mit dem der Regisseur Wim Wenders wuchert. Denn zeigt sich nicht auch und gerade darin die Kunst eines Filmemachers, dass er ein starres, tausend mal mit dem immer gleichen Blaff-Ausdruck hergezeigtes Antlitz wie das des Tote-Hosen-Sängers Campino wieder interessant und geheimnisvoll und lebendig erscheinen lässt, als sähe man’s praktisch zum ersten Mal?

Erstaunlich lässig gelingt es Wenders am Anfang seines Films, seinen Hauptdarsteller in der Rolle des Fotografen Finn zu etablieren. Wir sehen einen durchtrainierten, bis auf die Unterhose nackten Kerl, der durch eine riesige Glasscheibe hinausstarrt auf die Welt. Jene Welt, die er so meisterhaft stoisch in seinen Fotografien abbildet, dass man seine Arbeiten in großen Museen ausstellt.

Dann erleben wir Finn als coolen Cabriofahrer auf einer Düsseldorfer Rheinbrücke, als selbstsicher im Glanz seiner Eigenliebe strahlenden Benutzer von schönen Räumen und schönen Frauen und in seinem hektischen, blendend bezahlten Nebenjob als Modefotograf. Und immer wummert Musik in Finns Ohrstöpseln und im Kinosaal.

Feuer, Rauch und Explosionen

Es ist ein kaltes, aus viel Glas und Beton erbautes und an die Bilder des Fotografen Andreas Gursky erinnerndes Land, in dem Wenders den Auftakt seines Filmes spielen lässt. Und ganz wepsig will man werden in seinem Kinosessel bei der Frage, was zwischen den rätselhaften Menschen, die dieses unterkühlte Land bewohnen, wohl Aufregendes passieren könnte.

Werden sie ihre Eispanzer aufsprengen und einander um den Hals fallen?

Wird es Feuer und Rauch und Explosionen geben, wenn sie ihre Autos aufeinanderkrachen lassen, wie es dem Fotograf Finn beinahe passiert, als ihm eine Karosse mitten in der Nacht auf einer schmalen Auffahrtrampe im regennassen Deutschland entgegenrast?

Nichts dergleichen. Finn fotografiert den sagenhaft dicken Bauch der schwangeren Milla Jovovich, Künstler und Model finden die Bilder nicht warm genug, deshalb brechen sie im Privatflieger auf nach Palermo. Angesichts von alter Häuserpracht und südlichem Lebensfeuer beschließt Finn, ein paar Tage allein in der Stadt zu bleiben, verguckt sich in ein berühmtes altes Gemälde ("Der Triumph des Todes") und dessen betont glutäugige Restauratorin (Giovanna Mezzogiorno).

Müde, immer der Böse zu sein

Immer mal wieder aber wird der Held von Todesvisionen geplagt und mit Pfeilen beschossen, die es womöglich nur in seiner Einbildung gibt. Abgefeuert werden diese Pfeile, wie sich bald herausstellt, vom Gevatter Tod höchstselbst, kahlköpfig und weiß gepudert, mehr hingestellt als gespielt von Dennis Hopper.

Geben wir’s zu: Dieser Film über den nach Sizilien aufgebrochenen Künstlermenschen und seine Begegnung mit Liebe, Tod und Freskenmalerei ist ein kitschig allegorisches Himmelfahrtskommando, das sich leicht veräppeln lässt. Nicht nur, weil die Story mehr und mehr im Todestrüben versickert. Sondern auch wegen der schwer bedeutungsprallen Sätze, die Finn schier pausenlos daherschwadroniert, meist im inneren Monolog, dann (was schlimmer ist) im Dialog mit Gevatter Hein. Was übrigens sagt der alte Erzschurke? Er sei "müde, immer der Böse zu sein."

Nach der Premiere von "Palermo Shooting" in Cannes schrieb eine Kritikerin, viele Sätze im Film seien derart pathetisch verschwurbelt, "dass man selbst im dunklen Kino die Augen senken möchte".

Das ist auch deshalb leicht ungerecht, weil schon Goethe auf seiner italienischen Reise ziemlich aus dem Häuschen geriet, als er durch Palermo strollte. "Es ist ein wahres Unglück, wenn man von vielerlei Geistern verfolgt und versucht wird!" notierte er zum Beispiel am 17. April 1787. "Heute früh ging ich mit dem festen, ruhigen Vorsatz, meine dichterischen Träume fortzusetzen, nach dem öffentlichen Garten, allein eh’ ich mich’s versah, erhaschte mich ein anderes Gespenst, das mir schon diese Tage nachgeschlichen."

Mit Goethe auf Gespensterjagd

Wenders hat unter dem Titel "Falsche Bewegung" schon mal Goethes "Wilhelm Meister" verfilmt, das war 1975, jetzt geht er mit Goethe auf Gespensterjagd.

Und so sollte man an diesem Wenders-Film gerade die Schamlosigkeit und den Mut lieben, mit denen sich der Regisseur in seine Fragen nach Lebenssinn und Sterbenmüssen verbohrt. Man sollte die tolle Musik bewundern, mit der dieser Film geradezu zugeknallt ist, eine exquisite Schnitzeljagd nach immer neuen Rock- und Pop-Schmuckstücken von Song zu Song, bis Beth Gibbons am Ende ihre ätherischen "Mysteries" glitzern lässt. Und natürlich sollte man die oft prachtvollen Bilder dieser sizilianischen Exkursion zu den allerletzten Dingen bestaunen, die in ihrer selbstverständlichen Schönheit einen starken Kontrast bieten zum manchmal angestrengten Gerede der Filmhelden.

Wenders selber sagt, er habe einen Film drehen wollen, der wie ein guter Rocksong funktioniert. Tatsächlich verweist "Palermo Shooting" viel stärker auf eine andere Kunst, aufs Theater. In allzeit betonter Holzschnitthaftigkeit wird hier eines jener grobgezimmerten und mehr oder weniger frommen Läuterungsstücke und Mysterienspiele erzählt, wie man sie seit dem Mittelalter aufführt, ein Passionsspiel vom Leben und Noch-nicht-sterben-Wollen des satten Mannes wie Hofmannsthals "Jedermann" und der "Brander Kaspar" von Franz von Kobell und Kurt Wilhelm.

Und wie im klassischen Mysterienspiel kann am Ende nur einer siegen: Weil man auf Dauer dem Tod nichts vormachen kann, reicht alle Flunkerenergie und Zauberkraft nicht aus. Und so sieht man in den letzten Bildern von "Palermo Shooting" im Gesicht des Fotografen Finn auch kein Geheimnis mehr. Sondern bloß die gute alte Punkrockerfratze des landauf, landab bekannten Tote-Hosen-Artisten Campino.



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