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Cannes-Gewinner "Winterschlaf": Einsam ist es in der Festung des Wortes

Von Birgit Glombitza

Aus Liebe ist ökonomisches Kalkül, aus intellektueller Moderne heimtückische Altherrenrache geworden: Das Filmepos "Winterschlaf", das in Cannes die Goldene Palme gewonnen hat, gibt Einblicke in die türkische Seelenlandschaft.

Massiv und weltverleugnend nach Innen gestülpt thront das Hotel über den Bergen Kappadokiens. Eine Mischung aus Naturgewalt und Skulptur, aus frühkindlichem Knetvergnügen und provisorischem Gaudí-Bau. Ein Höhlenbau und der Mensch darin ein wandelndes Platon-Gleichnis. So sieht und deutelt er am Uneigentlichen herum, während das Eigentliche doch außerhalb seiner Behausung existiert.

Der Mensch, um den es in Nuri Bilge Ceylans "Winterschlaf" geht, der in Cannes 2014 mit der Goldenen Palme und dem FIPRESCI-Preis ausgezeichnet wurde, heißt Aydin (Haluk Bilginer). Ein Name, der "Intellektueller" auf Türkisch bedeutet und dem Protagonisten des filmischen Epos damit von Beginn an ein klares Typenprofil zuweist.

Aydin, ein ausgedienter Shakespeare-Darsteller, betreibt zusammen mit seiner Schwester Necla (Demet Akbag) und seiner klugen, schönen und etwa eine Generation jüngeren Frau Nihal (Melisa Sözen) die abgelegene Herberge. Das ein paar Kilometer entfernt liegende Dorf schätzt den Alten vor allem als potenziellen Arbeitgeber und reichen Paten, dem man sich demütig nähert, um einen Gefallen zu erbitten. Das kann ein Schuldenerlass sein oder auch Vergebung, so etwa für den Steinwurf eines Jungen auf Aydins Auto. Der Hotelier schätzt diese Bittgänge als herzlich willkommene Selbstwertsteigerung. Hier kann er gottgleich großzügig sein, seine Hand auflegen, die Geschicke anderer lenken, verzeihen und - am liebsten - weise Worte zum Geleit geben.

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Filmepos "Winterschlaf": Der Patriarch und seine Pension
Auch die eigene Frau erträgt Aydins Sermon schon lange nicht mehr. Wegen einer Versammlung widerständiger Pädagogen, die die gelernte Lehrerin Nihal im Hotel organisiert, kommt es zum Zerwürfnis. Aydin soll die Versammlung verlassen, doch er weigert sich nicht nur, sondern spendet gegen den Willen seiner Frau mit großer Geste Geld für den Aufstand der Lehrer. Ein letzter patronaler Akt, denn aus Liebe ist in "Winterschlaf" reine Ökonomie geworden, aus intellektueller Moderne heimtückische Altherrenrache. Und natürlich ist es die Seele eines ganzen Landes, in die "Winterschlaf" blickt, wenn der Film das Autonomiebestreben der Jüngeren am Ermächtigungswahn eines bärtigen Grantlers zerschellen lässt.

Das Gift der Worte wird langsam versprüht

Ceylans Inszenierungskunst liegt dabei im Zusammenspiel aus Andeutung und Verzögerung. In einer Gesprächsdramaturgie, die das Gift der Worte kunstvoll und langsam versprüht. Die vier langen Dialogen, die Ceylan und seine Co-Autorin und Ehefrau Ebru ins Drehbuch geschrieben haben, dienen nicht zur Kommunikation bereits getroffener Entscheidungen und bezogener Positionen. Konflikte entwickeln sich im Gespräch, und in deren Verlauf finden die Figuren erst zu einer Haltung. Manchmal wird auch erst im Nachgeschmack eine Bemerkung im Kern verätzt.

Doch je zyklischer und redundanter Aydins Volten gegen seine Nächsten ausfallen und je deutlicher die von Ceylan forcierten Parallelen zu Tschechow und Woody Allen in diesem Kammerspiel zutage treten, desto stärker wächst allerdings auch der Eindruck, dass Regie und Antiheld sich zumindest in ihrer ungebremsten Fabulierlust das Wasser reichen können - was sich auch an der Länglichkeit der 196 Filmminuten ablesen ließe. Das Drehbuch scheint ebenfalls gelegentlich hingerissen von den eigenen rhetorischen Einfällen, mit denen es seine Figuren sich aneinander aufreiben lässt.

Im Visuellen hat sich der Film dagegen strikte Schnörkellosigkeit verordnet. Nur selten atmet das Bild zusammen mit seinen Höhlenwesen im Freien durch und zeigt uns Ansichten eines außerirdisch anmutenden Kappadokiens. Eine Landschaft, weit und fern, die die Enge der vorangegangenen Raumeinstellungen samt ihrer Theaterrequisite von ganz allein ins Absurde herunterbricht. Der Winter besorgt den Rest und legt am Ende erbarmungsloses Schneeweiß in Fenstern und Außenansichten aus.

Eigentlich ist die Hotelsaison schon bei einsetzender Handlung vorbei. Die Kälte lässt sich kaum wegheizen. Schichten aus Wolle und Filz umgeben bald die Gebliebenen, polstern Wahrnehmungen und Perspektiven zu. Da wirbt man in Prospekten und Internet etwas zu vollmundig mit Wildpferdherden und Naturschauspielen für einen Aufenthalt. Doch für die touristischen Lockmittel muss der enttäuschte Gast schon selbst hinausziehen und die Augen offenhalten. Auch der Letzte reist bald weiter. Nur der unverbesserliche Hausherr Aydin wird aus Istanbul zurückkehren, bleiben und im Zweifel das Drinnen dem Draußen vorziehen.


Filmtrailer "Winterschlaf":

"Winterschlaf"

Originaltitel: Kis uykusu

Türkei, Frankreich, Deutschland 2014

Regie: Nuri Bilge Ceylan

Drehbuch: Ebru Ceylan, Nuri Bilge Ceylan

Darsteller: Haluk Bilginer, Melisa Sözen, Demet Akbag

Produktion: Zeynofilm, Bredok Filmprocuktion, Memento Films

Verleih: Weltkino Filmverleih

Länge: 196 Minuten

Start: 11. Dezember 2014

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