Film über Rostock-Lichtenhagen Das hässliche Deutschland

Tausende pöbeln gegen Ausländer, eine Gewaltorgie wird zum Volksfest: Der Spielfilm "Wir sind jung. Wir sind stark." erzählt von den Anschlägen auf Asylbewerberheime in Rostock-Lichtenhagen im Sommer 1992. Gespenstisch aktuell.

Zorro Film/ ZDF

Der 24. August 1992 ist ein Montag. Die Straßen von Rostock-Lichtenhagen sind übersät von ausgebrannten Autowracks, Pflastersteinen, leeren Flaschen. Am Abend zuvor hatte sich ein Mob von 2000 Menschen vor einem Asylbewerberheim in der Plattenbausiedlung versammelt, "Deutschland den Deutschen, Ausländer raus" skandiert und Molotowcocktails gegen das Haus geschleudert.

Jetzt herrscht Ruhe. Ein paar Jugendliche treffen sich auf einem Parkplatz. Aus einem Autoradio plärrt Rechtsrock. Die Kids wirken aufgekratzt, ratlos, unglücklich, gelangweilt, angespannt. Allen ist klar: die Ruhe vor dem Sturm. Heute Abend geht's richtig los!

Die Bilder von den Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen gingen um die Welt, und sie haben die Erinnerung an die Nachwendezeit geprägt. Ein Betrunkener, der in eingenässter Jogginghose den Arm zum Hitlergruß hebt, wurde zur Symbolfigur eines neuen, hässlichen Deutschland, in dem man sich als Ausländer seines Lebens nicht mehr sicher sein konnte.

Der junge Nachwuchsregisseur Burhan Qurbani, Sohn afghanischer Einwanderer, will sich mit seinem Spielfilm über die damaligen Ereignisse von diesen Fernsehbildern deutlich absetzen. Weite Teile von "Wir sind jung. Wir sind stark." filmt er in stilisierendem Schwarz-Weiß; die eingangs beschriebene Szene in einer komplizierten, kreiselnden, ungeschnittenen Kamerabewegung. Qurbanis Film nimmt sich reale Ereignisse vor, aber die Erzählung darüber will überhöhen und so einen anderen Blick auf damals eröffnen. Das macht "Wir sind jung. Wir sind stark." so aufregend.

Arbeitslosigkeit und unerfüllte Träume

Deutschland 1992: Ein Land mit Katerstimmung. Nach überstürzter Wiedervereinigung und heftigem Konsumrausch herrschen Kopfschmerzen. Zweifel werden wach. Steigende Arbeitslosigkeit, unerfüllte Träume, das Gefühl vieler Ostdeutscher, fremd im eigenen Land zu sein. Allgemeine Ratlosigkeit hat auch den Lokalpolitiker Martin (Devid Striesow) ergriffen. Er versteckt sich in seinem Reihenhaus, um nicht Stellung zu den Ausschreitungen vor dem Asylbewerberheim beziehen zu müssen. Zu seinem Sohn Stefan (Jonas Nay) hat er keine Beziehung.

Der hängt mit seiner Clique ab und hat jeden Lebensmut verloren. Schockiert erfährt er, dass ein Freund, den er morgens noch getroffen hatte, vom Balkon in den Tod gesprungen ist. Im Schutz seiner Clique treibt er dem Abend entgegen. Die Vietnamesin Lien (Trang Le Hong) lebt mit ihrer Familie in einem Plattenbau gleich neben dem Asylbewerberheim. Trotz der aufgeheizten, ausländerfeindlichen Stimmung ihrer Nachbarn weigert sie sich, ihren Bruder zurück nach Vietnam zu begleiten. Lien sieht ihre Zukunft in Deutschland.

Die vielen Erzählstränge zeigen neben den virtuos eingesetzten filmischen Mitteln Qurbanis Anspruch. Er drehte keinen Problemfilm, sondern ein Gesellschaftspanorama. "Wir sind jung. Wir sind stark." wurde zwar produziert von der ZDF-Redaktion des Kleinen Fernsehspiels, aber herausgekommen ist großes Kino. Widersprüche, Brüche, offene Fragen inklusive.

Qurbani erzählt seinen Film nicht aus der Vogelperspektive des Heute mit seinem bequemen Überblick und seiner scheinbaren Klarheit. Er begibt sich in den Nahkampf des Privaten, wo Motive im Gefühlswirrwarr verschwimmen. Seine "Helden" sind die Täter von damals. Jugendliche, die keine Skinheads sind. Die aber abends trotzdem mitmischen, Steine werfen und Molotowcocktails.

Eine Gewaltorgie gegen Schutzlose wird zum Volksfest

"Wir sind jung. Wir sind stark." ist kein Film über Rechtsradikalismus, sondern über die Fremdenfeindlichkeit, die in der viel beschworenen "Mitte der Gesellschaft" entsteht. Er zeigt, wie Frauen, Männer, Kinder und Jugendliche sich zum Mob formieren und eine Gewaltorgie gegen Schutzlose zum Volksfest wird, bei dem man sich an eilig bereitgestellten Imbissbuden mit Bier versorgt.

Es sind diese Bilder, die die Rezeption von "Wir sind jung. Wir sind stark." prägen wird. Angesichts der beschämenden Pegida-Demonstrationen eröffnet der Film erschreckende Parallelen. Beunruhigend ist die Feststellung, dass das Damals offensichtlich kaum vergangen ist. Qurbanis Film ist gerade deshalb so gut, weil er sehr genau einer Stimmung nachspürt, die hinter den Bildern liegt und in einer ganz konkreten historischen Situation und Region entstand: 1992 in Ostdeutschland.

Er zeigt die Lähmung, die Leere, das Loch, in das große Teile der ostdeutschen Bevölkerung nach der Wiedervereinigung stürzten. Das letzte Bild seines Films nimmt in gespenstischer Klarheit vorweg, dass diese Stimmung nach Rostock-Lichtenhagen nicht einfach verpufft ist. Das hässliche Deutschland, es marschiert heute wieder.

"Wir sind jung. Wir sind stark."
Deutschland 2013

Regie: Burhan Qurbani

Buch: Martin Behnke, Burhan Qurbani

Darsteller: Jonas Nay, Trang Le Hong, Devid Striesow, Joel Basman, Saskia Rosendahl, Paul Gäbler, David Schütter, Jakob Bieber, Gro Swantje Kohlhof, Mai Duong Kieu, Aaron Le, Larissa Fuchs, Axel Pape

Produktion: TeamWorx Television & Film

Verleih: Zorro Film

Länge: 128 Minuten

FSK: ab 12 Jahren

Start: 22. Januar 2015

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