"Wit" Wortwitz auf der Krebsstation

Die pathetisch dräuende Geschichte einer krebskranken Lyrikprofessorin entpuppt sich als atemraubender Toback mit Witz und Größe. Dagegen wirkt die verstandverwirrend schöne Monica Bellucci als "Malèna" leider nur wie ein abgeklatschter Playboy-Spot.

Von Nataly Bleuel


"Wit": Emma Thomopson in der Rolle der krebskranken Literaturwissenschaftlerin Vivian Bearing
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"Wit": Emma Thomopson in der Rolle der krebskranken Literaturwissenschaftlerin Vivian Bearing

Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen, hat der rational folgernde Philosoph Wittgenstein gesagt. Und auch Vivan Bearing fehlen ab einem bestimmten Moment die Worte, um zu beschreiben was sie fühlt oder denkt. Das ist ihre Kapitulation, sie verliert die Kontrolle. Denn Professor Bearing ist Literaturwissenschaftlerin, sie liebt die Lyrik des 17. Jahrhunderts, die handelt von Leben und Tod und schwer erträglichen Paradoxien. Die Gelehrte ehrt das exakte Wort. Und sie ist ein Mensch, der allen Bedeutungen bis zum Letzten auf den Grund gehen will. Vivian Bearing hält was aus, sie ist stark. Aber im Angesicht des Todes geht ihr die Sprache, ihre Sicherheit, verloren. Da sind nur noch Schmerz und Angst.

Bearing hat Krebs, einen besonders aggressiven. Sie kommt in die Klinik und hält die Chemotherapie durch, eine besonders aggressive. Für die Mediziner ist sie ein klinischer Fall und von höchstem Interesse für die Forschung. Der junge Arzt Jason schwärmt vom Wunder sich endlos vermehrender Krebszellen - und übersieht den sterbenden Menschen. Die Menschlichkeit wird von der Forschung zur Strecke gebracht. Und doch sind sich Vivian und Jason in ihrem Wissensdrang nicht unähnlich. "Wit" heißt Geist, bedeutet Witz. Und der kann, wenn es auf Leben und Tod geht, meist nur noch schweigen. "Ich bin in der Isolation, weil ich wegen Krebs behandelt werde, weil mein Immunsystem durch die Chemotherapie zusammengebrochen ist", sagt Bearing und korrigiert sich dann mit einem sarkatischem Ton: "Meine Behandlung gefährdet meine Gesundheit. Paradox!"

Mike Nichols hat das mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Theaterstück "Wit" von Margaret Edson verfilmt. Emma Thomopson hat am Drehbuch mitgeschrieben, und sie spielt Vivian Bearing. Ein Monolog mit Rückblenden in ihr Leben, unterbrochen vom Auftreten der Ärzte und Schwestern. Gebrochen, in seinen schwersten Momenten, durch den Witz der Worte. Ein Kunstwerk deshalb, weil Emma Thompson grandios die Balance hält zwischen dramatischem Pathos und nüchterner Distanzierung - und doch bis zum letzten Ende aushält. Mit ihrem "Witz" sieht man dem Sterben zu und blickt dem Tod ins Auge. "Wit" verschlägt die Sprache, raubt den Atem. Es ist ein nahezu unsäglich beeindruckender Film. Man kann ihn nicht ertragen, muss ihn erleiden, wenn man schwache Nerven hat. Ein Teil des Premierenpublikums verließ fluchtartig den Raum. Das ist nachvollziehbar. Und doch ist "Wit": Furcht. Erregend. Gut.

Monica Bellucci zieht auf der Berlinale die Blicke auf sich
DPA

Monica Bellucci zieht auf der Berlinale die Blicke auf sich

Ach ja, und dann lief am gleichen Tag im Wettbewerb auch "Malèna" von Guiseppe Tornatore und mit - tatatatamm: Monica Bellucci, die schon lange vor dem Filmstart als die neue Sexbombe Italiens gehyped wurde. Da drängeln sich die Fotografen und männlichen Begehrer bei ihrem Auftritt auf der Berlinale, als wären sie Viertklässler beim Run auf den Pausenkauf. Ein sehr heißes Brötchen. Und ein lauer Film. Altmodisch, nostalgisch, pubertär.

Bellucci spielt die Schönheit eines sizilianischen Dorfes zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Sie spricht kaum ein Wort - aber dafür ihr Körper. Und wird begehrt von allen Männern, vor allem von dem Jungen Renato. Der konzentriert seine gesamte Pubertätsphantasie auf die tollen Rundungen dieser Frau, den "Zauber von Malèna". Ja ja, so sind sie halt die Italiener: ein skurriles, mit den Armen ruderndes, genitalgesteuertes Völkchen, das die Frau zum Opfer macht, so dass ihr nach dem Heldentod ihres Angetrauten nichts anderes bleibt als zur Hure zu werden.

Bellucci sagt, sie habe sich an Sophia Lorén und Gina Lollobrigida orientiert. Die sind auch wunderschön, haben aber doch ein wenig mehr charakterliche Aura. Tornatore - der wahrlich zauberhafte Filme gemacht hat - salbadert von "Maria Magdalena, die für die Sünden aller zahlt". Und hat Pasolini-Fellini-Antonioni zu imitieren probiert. Es gibt dieses berühmte Bild von einer schönen Frau, die an einer gaffenden Schar italienischer Männer vorbei schreitet.

Daraus, so wirkt es, hat Tornatore 94 Minuten Défilée Bellucci gedreht. Ein Spieß-Ruten-Lauf; Rute im übertragenen Sinne. Am Abend, neben dem roten Teppich der Berlinale, steht ein Schar von Kameraleuten und reckt Mikros wie Spieße auf die Schönheit. Und einer meint dann doch, der Film sei ein anderthalbstündiger Plaboy-Spot. Guter Witz. Aber kein Wit.



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