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WM-Filmpremiere in Berlin: Und es war Sommer...

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Franz Beckenbauer war gekommen, die Bundeskanzlerin auch, die Nationalmannschaft und Klaus Wowereit sowieso. Sie alle wollten die Premiere der WM-Dokumentation "Deutschland. Ein Sommermärchen" in Berlin sehen. Nur der Hauptdarsteller des Films fehlte: Alt-Bundestrainer Klinsmann.

Gäbe es einen Preis für den eindrucksvollsten Auftritt zu vergeben, Franz Beckenbauer hätte ihn ganz sicher verdient. Gestern, am frühen Abend, die Nationalmannschaft war noch gar nicht eingetroffen im Lichtspielhaus am Potsdamer Platz, brandete unter den recht zahlreich erschienenen Menschen kurz Jubel auf. Der Kaiser schritt vorbei auf dem Roten Teppich, doch es war eher ein Vorbeirauschen, als sei er der ganzen Jubelarien des Sommers überdrüssig geworden.

Alle da, außer Klinsmann: Regisseur Sönke Wortmann, Bundestrainer Jogi Löw, Bundeskanzlerin Angela Merkel
DPA

Alle da, außer Klinsmann: Regisseur Sönke Wortmann, Bundestrainer Jogi Löw, Bundeskanzlerin Angela Merkel

Und auch hinterher, nachdem Sönke Wortmanns wenig zauberhaftes "Deutschland. Ein Sommermärchen" am bedeutungsreichen Tag der deutschen Einheit gespielt worden war, nachdem alle Society-Profis gemäß des Protokolls begrüßt waren, war er nirgendwo zu sehen, ja er wurde nicht einmal von der Moderatorin Anne Will erwähnt, die jedem dankte, der nicht das Glück hatte, in den hinteren Reihen zu sitzen. Sie sprach von einem ganz großen Dokumentarepos, das Wortmann den Deutschen mit Hilfe der Nationalelf geschenkt habe, von einem Film, der die Begeisterung des Sommers zum Beginn des Herbstes reanimiere. Selbst der Bundeskanzlerin, sesshaft in Reihe eins und während des Films mehrfach im Bild, sprach der Stolz aus dem Blick, Teil der wortmannschen Bildkonserve zu sein.

Das ist auch Joachim Löw, genannt Jogi, gekleidet schwarz in schwarz. Ein Johnny Cash des deutschen Fußballs, der erste Bundestrainer, der jeden Dresscode lässig knackt. Als Will, ganz in Weiß, ihn fragte, wie es denn damals gewesen sei mit der Taktik gegen Argentinien, antwortet Löw ganz verschmitzt, dass er die besten Dinge garantiert nicht verraten habe in diesem Film. Ja, so war es unter dem Jogi bei der WM.

Doch was war eigentlich mit dem anderen? Wo war der überhaupt, dieser blonde Sonderling aus Kalifornien, der Mann, den sie Klinsi nannten. Im Film taucht er dauernd auf, für die Dauer eines Sommers war er Wunderheiler und Einpeitscher in Personalunion, doch frappierend war, dass die Abwesenheit des Alt-Bundestrainers gestern Abend niemanden sonderlich zu kratzen schien. Sönke Wortmann antwortete auf die Frage, ob er den mutmaßlichen Premierengast Klinsmann denn nicht vermisse, mit einem bärbeißigen "Nö". Auch von den Spielern der Nationalelf, einträchtig aufgereiht im Berlinale-Palast am Potsdamer Platz, scheint niemand die Absenz aufrichtig zu bedauern. Der Name des vermeintlichen Revolutionärs fällt nicht ein einziges Mal. Und er selbst beschränkte sich in einer kurzen Videobotschaft aus seinem US-Domizil in Huntington Beach auf Floskeln: "Die WM war eine ganz, ganz tolle Zeit".

Wortmanns Film gibt Auskunft genug, warum Regisseur und Mannschaft Klinsmanns Fehlen in Berlin als lässliche Sünde betrachten. Die Dokumentation benennt unfreiwillig den wahren Grund für die Demission des Bundestrainers. Der Zuschauer erlebt die Show eines Egomanen, dessen Ehrgeiz sich in der Lautstärke der Kabinenansprachen manifestiert. Die Polen, doziert er vor dem Spiel zum Einzug ins Achtelfinale, stünden "mit dem Rücken zur Wand." Und er verrät, was zu tun ist: "Wir knallen sie durch die Wand durch." Vor dem Match gegen Schweden "brennt der Baum." Nicht nur der Baum steht in Flammen. Auch der Bundestrainer lodert. Und man gewinnt rasch den Eindruck, dass ihn die Vorstellung, Weltmeister zu werden, aufzehrt. Er brannte nur einen Sommer.

Klinsmann, auch das zeigt Wortmanns Film, ist sich seiner Wirkung bewusst. Sein Blick sucht die Kamera - ein Narziss im Augenblick der Spiegelung. Kein Wunder, dass ihn Zweifel beschlichen, ob er diese auf Einmaligkeit angelegten Predigten jemals erfolgreich wieder anwenden kann.

Der Abend ist ein Kurztrip in eine warme, schon jetzt nostalgisch leuchtende Vergangenheit. Und wenn alle nun ab Donnerstag, wenn der Film offiziell anläuft, die Euphorie, das wundersame Stimmungshoch dieses WM-Sommers noch einmal beschwören, irritiert es schon ein wenig, dass der Filmverleih die illustre Gäste-Schar zur Premieren-Party ausgerechnet in ein Gewölbe lud, das die deprimierende Höhle namens Schlosshotel Grunewald, das WM-Lager der deutschen Mannschaft, möglichst originalgetreu zu imitieren versuchte.

Dennoch gelang die Party in Ansätzen ganz gut und wurde vom neudeutschen Liedgut der Sportfreunde Stiller ("54, 74, 90, 2010") akustisch untermalt. Zu fortgeschrittener Stunde, nach Mitternacht, trank die Menge artig Bier und Wein, Gianna Nannini grölte, zwei Mädchen tanzten auf dem Parkett miteinander. Mit so viel nachhallender Begeisterung hätte man gar nicht mehr gerechnet. Nur Franz Beckenbauer, der während der Weltmeisterschaft immer und überall gewesen war, wurde nicht mehr gesehen.

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