"Wo die wilden Kerle wohnen"-Verfilmung: Gut gebrüllt, Kind!

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Mit der Geschichte vom ungehorsamen Max, der unter die wilden Kerle ging, schuf Maurice Sendak einen Kinderbuchklassiker. Jetzt hat ihn Hipster-Regisseur Spike Jonze kongenial verfilmt. Aber Vorsicht: Zuschauer könnten nach Ende des Films zu Wolfsgeheul neigen.

Spikes wilde Kerle: Monster mit Macken Fotos
Warner Bros.

Wer jemals das Bedürfnis verspürt hat, wild schreiend durch die Gegend zu laufen und sich kopfüber Sanddünen herunterzurollen, Freunde zu schubsen und sie mit Dreckklumpen zu bewerfen - der wird nach "Wo die wilden Kerle wohnen" das Gefühl haben, es endlich getan zu haben. Und wer das alles noch nie wollte, wird es am Ende wollen. Was kann ein Film, in dem der Hauptdarsteller die meiste Zeit über wild schreiend durch die Gegend läuft, sich kopfüber Sanddünen herunterrollt, Freunde schubst und sie mit Dreckklumpen bewirft, mehr erreichen?

Nicht einmal 20 Sätze lang ist Maurice Sendaks Kinderbuchklassiker "Wo die wilden Kerle wohnen". Doch seit ihrem Erscheinen 1963 fasziniert die kurze Geschichte immer neue Generationen von Kindern und Eltern, vor allem in der englischsprachigen Welt. Wie kein Zweiter hat sich Sendak an die rohen, bedrohlichen Gefühle von Kindern getraut - an ihre Gewalttätigkeit, ihre Rücksichtslosigkeit und ihre Angst vorm Alleinsein.

Sendaks achtjähriger Held Max lebt all diese Gefühle hemmungslos aus, er brüllt und tobt in seinem Wolfskostüm herum, bis ihn seine Mutter ohne Abendessen ins Bett schickt. Trotzig platziert sich Max in seinem Zimmer, da kommt ein Boot angesegelt und nimmt ihn mit zu dem Ort, wo die wilden Kerle wohnen. Unter Monstern kann Max endlich so viel Lärm machen und Chaos stiften, wie er will. Doch bald merkt er, dass die reine Triebabfuhr ins Leere läuft und seine Einsamkeit bei allem Getose nicht verschwinden wird. Reumütig segelt er nach Hause zurück, wo sein Abendessen auf ihn wartet. Es ist noch warm.

Seit den Achtzigern hat sich Sendak um die Verfilmung seines Buches bemüht, doch erst bei Regisseur Spike Jonze ("Being John Malkovich", "Adaption") ist sie in den richtigen Händen gelandet. Jonze hat mit dem zwölfjährigen Max Records einen tollen Hauptdarsteller gefunden, mit Produktionsdesigner K.K. Barrett ein stimmungsvolles Wilde-Kerle-Land geschaffen und zum Glück darauf bestanden, dass die Monster nicht animiert, sondern als bezaubernde, überlebensgroße Puppen nachgebaut werden.

Wie sicher sich Jonze seines Handwerks und seiner Vision vom Buch ist, zeigt schon die Anfangszene: Kein Auto, Roboter oder Todesstern geht zu Bruch, trotzdem sind es die wohl actiongeladensten 30 Sekunden, mit denen ein Film je begonnen hat. Was man sieht? Einen kleinen Jungen, der seinem Hund hinterherjagt.

"Fast normal, wird der Arm ausgerissen"

Unmittelbarkeit und raue Sinnlichkeit tragen auch den restlichen Film. Wer mit den ruppigen Monstern, dem Dreck in ihrem Fell und ihrer Vorliebe dafür, sich aufeinanderzuwerfen, nichts anfangen kann, wird in "Wo die wilden Kerle wohnen" nicht viel finden. Auch wenn Jonze zusammen mit dem Schriftsteller Dave Eggers ("Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität") die Geschichte behutsam ausgebaut und den wilden Kerlen - zu denen im Film auch zwei wilde Kerlinnen gehören - komplexe Persönlichkeiten verliehen hat, bleibt Max' Erkenntnis eine einfache: Gefühle mögen wilde Dinge sein; um mit anderen Menschen leben zu können, muss man sie aber zähmen.

Noch ein bisschen Wolfsgeheul dazu, und vorbei sind die 101 Filmminuten.

Wegen seiner dürren Geschichte hat "Wo die wilden Kerle wohnen" die Kritiker und Zuschauer in den USA auch viel stärker gespalten ,als es Jonzes frühere, deutlich verrücktere Filme getan haben. Zudem stießen sich viele an den Neurosen der Monster, die doch sehr deprimierend daherkommen. So hat Max' Lieblingskerl Carol - im US-Original von James Gandolfini ("The Sopranos") gesprochen - eindeutig Probleme beim anger management. Monster Judith hingegen ist eine passiv-aggressive Besserwisserin, die ihren Partner Ira unterdrückt. Bull und Alexander haben auch nichts zu melden, und die vernünftige KW hat sich bereits von der Gruppe abgesetzt. Einzig Riesenvogel Douglas scheint guter Dinge zu sein. Ihm wird allerdings ein Arm ausgerissen.

Zur Erinnerung: Hierbei handelt es sich nicht um ein Woody-Allen-Ensemble, sondern um Figuren aus einem Film, der ab sechs Jahren freigegeben ist.

Erwachsene werden an diesen Charakterzeichnungen große Freude haben. Sie werden in den Macken und unbeholfenen Beziehungen der Monster Max' eigenes Gefühlschaos wiedererkennen. So spiegelt die gescheiterte Liebe zwischen Carol und KW etwa die Trennung von Max' Eltern wider. Beides hat Max nicht wirklich verstanden. Er erobert sich die Welt und seine Freunde intuitiv. Was ihn mit seinem Lieblingsmonster Carol verbindet? Mit ihm kann man am besten Dinge kaputtmachen und wie ein Wolf heulen.

Für kleinere Kinder bis sieben Jahre wird der Film wahrscheinlich zu wild und rau, für größere ab zehn, elf Jahren zu ereignisarm sein, um über die gesamte Dauer zu fesseln.

Am besten schaut man sich "Wo die wilden Kerle wohnen" als Erwachsener mit dem besten Freund an. Wenn der danach keine Lust hat, gemeinsam wie ein Wolf zu heulen, sind Zweifel an der Freundschaft angebracht. Ein wenig schubsen kann man ihn in jedem Fall. Und wenn ein Dreckklumpen zur Hand ist...

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Zähmen wilder Gefühle
dsiemon 16.12.2009
Seine Gefühle bekommt dann gezähmt, wenn es einem gelingt körperliche Aggression in u.a. verbale umzuwandeln, und sei es auch nur in einem zur Schau gestelltem Überlegenheitsgefühl. Anstatt beim Gegenüber das unangenehme Gefühl des Schmerzes durch körperliche Gewalt auszulösen, löst man beim Gegenüber anderweitige unangenehme Gefühle aus, z.B. durch Tabus verletztende Zeichnungen, oder durch Zeichnungen welche die Wertvorstellungen der "erwachsenen" Leser anderweitig verletzen. Dies ist legitim, dies ist der zivilisatorische Fortschritt. Gekniffen ist man nur, wenn man nicht solche Fähigkeiten besitzt. Und ob Kinder ohne eine derart stützende Haltung der Eltern solch einen Film positiv verarbeiten können? Ich weiß nicht.
2. Magie de Bilder
Sheherazade 16.12.2009
Ich hatte als kleines Kind das Bilderbuch und habe es geliebt. Ich habe nicht das Gefühl gehabt, dass die einzelnen Szenen besonders brutal waren (vielleicht wirkt das in einem Film aber anders), allerdings könnte ich mir vorstellen, dass ich die Geschichte als solche heute womöglich langweilig finden würde, das Buch besteht auch mehr aus Bildern, als aus Text.
3. Der actionreichste Filmstart aller Zeiten?
Milder Kerl 16.12.2009
Besonders viele Filme kann die Rezensentin in ihrem Leben noch nicht gesehen haben, wenn sie vom actionreichsten Filmanfang aller Zeiten spricht. Geht's noch? Das bisschen Kameragewackel, als wolle Spike Jonze den John-Cassavetes-Gedächtnispreis gewinnen? Ohne der Emphase der Kritikerin entgegentreten zu wollen, aber wir wollen doch auf dem Boden der Tatsachen bleiben. Auch hatte ich nach dem Film nicht im geringsten das Bedürfnis, wie ein Wolf zum Heulen oder mit Dreckklumpen zu werfen... Oder Moment, vielleicht doch. Mir war zum Heulen zumute, und die Klumpen hätte ich gerne in Richtung Leinwand geschleudert. Natürlich ist es zu begrüßen, dass Jonze und Eggers das Buch für sich deuten - künstlerische Freiheit und all das. Aber von Sendaks Vorlage bleibt doch nicht so viel übrig: Das geniale an dem Buch ist doch, dass Max eine allgemeingültige Figur ist, er ist ein Otto Normaljunge, der - so würde ich das deuten - eben gerade mal über die Stränge schlägt und mit seiner unbändigen Energie alleingelassen wird: Kraft seiner Fantasie lässt er in seinem Zimmer einen Dschungel wachsen. In Jonzes Film ist Max viel zu klar definiert und psychologisch verankert: Ein ratloser, aggressiver, allein gelassener Junge, der sich missverstanden fühlt und deshalb zu gewaltsamen Ausbrüchen neigt. Als Identifikationsfigur taugt dieser Bengel nur bedingt. In dem Kino, in dem ich den Film mit vielen Kindern sehen durfte, herrschte alsbald geschlagene Langeweile. Hin und wieder mussten die lieben Kleinen lachen, wenn mal wieder eine Kerbe in einen Baum geschlagen wurde, ansonsten war Ratlosigkeit: Wer sind diese neurotischen Wombels und warum glauben sie, ihre Therapiesession ausgerechnet in einem Kinderfilm abhalten zu müssen. Der Film war bestenfalls langweilig und eintönig, schlimmstenfalls ein Ärgernis. Den Trailer fand ich übrigens brillant. Schade, dass Jonze diese überschäumende Lebensfreude nicht auf den Film übertragen konnte.
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