"Wonder Woman" im Kino Yes, she can

Das Warten auf "Wonder Woman" hat sich gelohnt: Mit der Comic-Adaption von Patty Jenkins erhält das DC-Universum eine umwerfende Heldin und ein Action-Abenteuer, das vieles anders und vor allem besser macht.

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"Was ist das denn?", fragt Diana das gerade splitternackt aus dem Bad gestiegene Mannsbild Steve Trevor. Der blickt genierlich an sich herunter, sicher, dass nur sein bestes Stück gemeint sein kann, schwingt sich schnell ein Handtuch um die Hüfte.

Der abseits von Zivilisation und Patriarchat aufgewachsenen Amazone aber geht es um ein ganz anderes Teil, Trevors Armbanduhr, die sie staunend ins Reich des Irrsinns verurteilt: Man lasse sich doch nicht von so einem Gerät diktieren, wann man was zu tun habe. Weibliche Selbstbestimmung ohne Penisneid in nur einer Szene - und die ist auch noch auf so beiläufig plaudernde Art lustig, als stamme sie aus einer klassischen Screwball-Komödie.

Schwänze, in Form phallisch geformter Objekte, kommen dann aber doch noch eine ganze Menge vor im Superheldinnen-Spektakel "Wonder Woman". Bald nach der schönen Badeszene muss sich Diana, gespielt von der sehr selbstverständlich schönen israelischen Schauspielerin Gal Gadot, ein mythisch aufgeladenes Schwert namens "Godkiller" aus der Spitze eines hohen Turms besorgen. In anderen Kino-Märchen werden gerne mal Prinzessinnen in solche Türme eingesperrt, damit ein tapferer Prinz sie daraus befreie.

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"Wonder Woman": Super, diese Heldin

Diana, eine Prinzessin des mythischen Inselreichs Themyscira und als Tochter des griechischen Göttervaters Zeus mit übermenschlichen Kräften ausgestattet, springt beherzt ans hoch aufragende Mauerwerk, droht abzustürzen und entdeckt dann mit einem kurzen, belustigten Aufblitzen im grimmigen Gesicht, dass sie einfach nur ihre bloßen Fäuste ins Mauerwerk zu rammen braucht, um nach oben zu klettern. Symbolhafter wurde Männerpotenz in Hollywoods Mainstream-Kino selten zerlegt.

DC gelingt das Unerwartete

Das Schöne an "Wonder Woman", dem ersten von einer Frau inszenierten und von einer weiblichen Heroine angeführten Superhelden-Film, der in den USA bereits Kassenrekorde bricht und Kritiker wie Publikum gleichermaßen begeistert: Es ist ein packender, zuweilen angenehm altmodischer Actionfilm, der dem Genre mit leichter Hand eine feministische Dimension eröffnet.

Nach schwerfälligen Helden-Vehikeln wie "Batman v Superman" und "Suicide Squad" gelingt DC Comics und dem produzierenden Studio Warner Bros. das Unerwartete: eine Comic-Verfilmung, die es der Konkurrenz nicht nur in Sachen Esprit gleichtut, sondern mit der Etablierung einer weiblichen Heldin sogar noch einen mutigen Schritt weitergeht. Der Wow-Effekt des Films begründet sich nicht, wie im Genre der visuellen Überwältigung üblich, in seinen Action- und Kampfsequenzen. Sie sind, mit Slow-Motion-Effekten sowie ordentlichem, aber nicht umwerfendem CGI-Einsatz, wenig innovativ. Seinen Drive bezieht "Wonder Woman" aus der lustvollen Umdeutung männlicher besetzter Kino-Topoi und der klugen Auswahl seiner Hauptdarsteller.

Mit Witz und Verve vermeiden Regisseurin Patty Jenkins ("Monster") und Drehbuchautor Allan Heinberg (u.a. "Grey's Anatomy") viele der dramaturgischen Bremsklötze, die eine Origin-Story in sich birgt. Zumal bei einer Heldin, die als moralisch unverdorbene Halbgöttin ähnlich viel Langeweile-Potenzial birgt wie ihr irdischen Dingen ebenso entrückter DC-Kollege Superman.

Der Alien-Faktor als Bonus

Für "Wonder Woman", Ende der Dreißigerjahre vom Früh-Feministen William Moulton Marston erdacht und 1941 erstmals als Comic veröffentlicht, wird der Alien-Faktor jedoch zum Bonus: Ihre Unkenntnis der Weltläufe ermöglicht ihr eine klare Sicht auf Absurditäten - zum Beispiel die Unterwerfung der Frau durch ein perfides kulturelles Dogma, das zwischen vermeintlich starken und schwachen Geschlechtern unterscheidet.

Aus Perspektive einer Amazone, die von ihrer Mutter (Connie Nielson) einst nach göttlicher Eingebung aus Lehm geformt wurde und sich von Kind an auf Kämpferin trimmen ließ (von ihrer toughen Tante, gespielt von Robin Wright), ist das natürlich ein Witz. Als Steve Trevor (Chris Pine) mit seinem von deutschen Soldaten geklauten Kampfflugzeug die magischen Nebel durchbricht, die das Frauenreich Themyscira vor der Außenwelt verbirgt, macht die heranwachsende Diana nicht nur erstmals Bekanntschaft mit Männern, sondern auch mit deren Lust an Zerstörung.

In den Wirren des Ersten Weltkriegs spioniert Trevor für die Briten und Amerikaner - und ist dabei auf den Horrorplan des deutschen Befehlshabers General Ludendorff (Danny Huston) gestoßen, der zusammen mit einer irren und grausam entstellten Chemikerin Dr. Maru (Elena Anaya) ein tödliches Gas entwickelt. Es soll auf den Schlachtfeldern Europas für Millionen Tote sorgen und dem Deutschen Reich den Sieg bescheren.


"Wonder Woman"
USA 2017
Regie: Patty Jenkins
Drehbuch: Allan Heinberg, Jason Fuchs, Zack Snyder
Darsteller: Gal Gadot, Chris Pine, Robin Wright, Connie Nielsen, Danny Huston, David Thewlis, Lucy Davis, Elena Anaya, Ewen Bremner
Produktion: DC Entertainment, Warner Bros.
Verleih: Warner
Länge: 141 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Kinostart: 15. Juni 2017


Diana, die gerade erst entdeckt hat, dass sie Gewehrkugeln und Gegner mittels magischer Armreifen aus Metall abschmettern kann, erkennt in Trevors Schilderungen ihre angeborene Bestimmung: In Ludendorff glaubt sie den Kriegsgott Ares zu erkennen, der laut Prophezeiung nur von einer Amazone besiegt werden kann. Gegen den isolationistischen Widerstand ihrer Mutter, macht sich die Prinzessin zusammen mit Trevor erst auf nach London und dann in die Schützengräben Flanderns, um die Menschheit ein für alle Mal von Übel, Hass und Niedertracht zu befreien. Eine sympathische, aber naive Vorstellung, wie Diana bald erkennen muss.

Sexyness durch Charakter

Auf dem Weg zu dieser tragischen und leidvollen Ernüchterung gibt es hinreißende Szenen, die Hollywoods angestammte Geschlechterverhältnisse aushebeln. Etwa als Diana dem verdutzten Steve auf einem schmalen Segelboot ihre Haltung zu Sex zwischen Mann und Frau unterbreitet (zur Fortpflanzung unabdingbar, aber für den Spaß? Unnötig) - und sein umständliches Kavaliersgebaren nassforsch lahmlegt, indem sie ihn auffordert, sich gegen die Kälte kameradschaftlich an sie zu kuscheln. Oder später, im prüden edwardianischen London, als Steve und seine Assistentin, die kecke Suffragette Etta (Lucy Davis), der leicht bekleideten Amazone mit dem großen Schwert zu unauffälligerer Anmutung verhelfen wollen ("Darin kann ich nicht kämpfen").

Gal Gadot, die bei ihrem ersten Auftritt als Wonder Woman in "Batman v Superman" noch steif wirkte, erweist sich gerade in diesen komödiantischen Momenten als Glücksfall. Ihr gelingt die schwierige Balance zwischen staunendem Mädchen vom Lande und würdevoll-weiser Gottkriegerin, ohne ihre Figur in Klischees abgleiten zu lassen - oder sie als sexy Pin-up dem male gaze auszuliefern wie ihre Vorgängerin Lynda Carter in der "Wonder Woman"-TV-Serie der Siebzigerjahre.

Anders als Marvels Black Widow oder DCs Harley Quinn muss sie ihre Weiblichkeit nicht durch eine Überbetonung männlicher Attribute, Kaltblütigkeit, Aggression, Brutalität, kompensieren: Ihre Sexyness entsteht nicht aus durchaus im Überfluss vorhandenen Körpermerkmalen, sondern aus ihrer charakterlichen Weiblichkeit. Die Sanft- und Besonnenheit, die Empathie, mit der sie die ihr gestellten Konflikte löst, ist das Zentrum und das schlagende Herz des Films.

"Wonder Woman" - Trailer ansehen:

Dieser fürs Action-Genre verblüffende Ägide ordnen sich alle Männerfiguren unter, allen voran Chris Pine, der in einer anderen Filmreihe gerade den Über-Macho Captain Kirk spielt. Die entwaffnete Verletzlichkeit, mit der er den seiner männlichen Machtinstrumente beraubten Steve Trevor darstellt, erinnert an Hollywoodgrößen wie Cary Grant oder Rock Hudson.

Es ist das richtige Kaliber, um einer neuen Kino-Ikone wie Gal Gadots Wonder Woman zur Seite zu stehen. Auf Augenhöhe, versteht sich, denn es geht nicht um eine Umkehr der Helden-Verhältnisse, sondern um Gleichberechtigung. Patty Jenkins' bemerkenswerter Film zeigt, wie es gehen kann.

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insgesamt 91 Beiträge
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Seite 1
sven17 13.06.2017
1.
Nette Kritik und ich freue mich auf den Film, aber mich beschleicht der Verdacht, das wenn Diana ihren Kaffee mit Milch und Zucker trinkt, selbst das als Beispiel zur "zerlegten Männerpotenz" herhalten muss^^
brehn 13.06.2017
2. stimmt
Ausnahmsweise mal eine Filmkritik im SPON, welcher ich zustimmen kann. Ich hätte einen ähnlich krampfhaft düstere Variante erwartet wie schon bei Batman v Superman oder dem nur als Unfall zu bezeichnenden Suicide-squad, war aber sehr positiv überrascht. Das lässt auf mehr hoffen.
flaviussilva 13.06.2017
3. Wird es nicht....
....langsam langweilig, nach über hundert Jahren müssen die bösen Hunnen, Teutonen etc. in Hollywood noch immer für die Rolle der Bösewichter herhalten ? Es gibt mit dem IS, Kim Jong Un, Al Kaida, Boko Haram und noch vielen anderen, doch viel aktuellere und unverbrauchte Bösewichte. Schlimm genug das mit der Mumie jetzt schon nur noch ein paar Jahre vergehen bevor derselbe Stoff noch mal neu aufgewärmt als Remake kommt.
Raisti 13.06.2017
4.
Übrigens wer hoffnung hat das WB/DC nun mal was gelernt hat liegt leider falsch. WB war drauf und dran die beste Szene des Films zu streichen. Gemeint ist die Szene im WW1 graben in der Wonder Woman entscheidet die Zivilisten in Veld zu retten. Jeder der den Film gesehen hat kann bezeugen das das eine der besten Szenen überhaupt war wenn nicht sogar die beste (ich persönlich hatte leichte Gänsehaut :D). Nur Patty Jenkins ist es zu verdanken das die Szene drin blieb. Quelle: http://io9.gizmodo.com/wonder-womans-most-fantastic-scene-nearly-didnt-get-mad-1795811939 Man kann nur hoffen das WB Patty Jenkins für weitere Filme unter Vertrag nimmt. Leider haben Sie es immernoch nicht getan.
sven17 13.06.2017
5.
Erstens trägt sie eher selten Kopftuch und zweitens stammt sie aus Pakistan. Wenn man schon hetzt, sollten wenigstens die Fakten stimmen. Tolles Vorbild für ihre Töchter.
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