Kinodoku über Woody Allen: Pin-up-Boy der Bildungsbürger

Von Jörg Schöning

Wie er sich auf dem Bett vor seiner alten Schreibmaschine räkelt! Da geht auch dem Letzten auf, dass Woody Allen nicht nur ein großer Komiker, sondern auch ein großer Autor ist. Ein toller Moment in einer neuen Kino-Dokumentation über ihn. Ansonsten hält der Film leider keine Neuigkeiten parat.

Die Schreibmaschine ist der Star in dieser filmischen Rückschau. Einen "Panzer" nennt ihr stolzer Besitzer sie, denn sie ist ein deutsches Fabrikat - eine Reiseschreibmaschine des Typs "Olympia de Luxe". Woody Allen hat sie mit 16 Jahren erstanden. 40 Dollar hat sie gekostet, und sie werde ihn überleben, hat der Verkäufer ihm prophezeit. Alles sieht danach aus, als würde er recht behalten. Zwar ging schon vor rund 30 Jahren die Abdeckung verloren, doch das macht diesen typewriter nur transparenter: Die "Olympia", das ist die feste Konstante in Woody Allens Karriere.

"Das Schreiben ist großartig", erklärt er gleich zu Beginn des Films, um es von der Arbeit des Regisseurs, mit ihren vielen "Katastrophen" ebenso positiv wie kokett abzugrenzen. Damit ist die Perspektive für "Woody Allen: A Documentary" vorgegeben. Sie stellt den Filmemacher als Autor vor - und das ist etwas, was das Publikum im US-Kino im Grunde bis heute nicht kennt.

Deshalb wird's ihm vorgemacht: Der schon etwas ältere Herr muss seinen schmalen Körper aufs voluminöse Ehebett strecken, um zu demonstrieren, wie er dort in der entspannten Horizontalen Worte zu Papier bringt. Es ist die Pose des "Auteurs", und sie macht schlaglichtartig deutlich: Woody Allen - das war im 20. Jahrhundert der etwas frivole Pin-up-Boy für den intelligenten Großstadtbewohner und Bildungsbürger.

Pudel und Känguru sind auch dabei

Der aber war ein europäischer Typus, und ob Woody Allen westlich der West Straße, also jenseits New Yorks, überhaupt noch ein Publikum hatte, war schon damals die Frage. Dieser Film wirft sie erneut auf, tut er doch so, als wäre der Kinozuschauer über seinen Gegenstand gänzlich uninformiert. Dabei ist "Woody Allen: A Documentary" in einer so erzamerikanischen "Das war ihr Leben"-Manier fabriziert, das die fortwährende Lobhudelei reservierteren Gemütern ganz schön auf die Nerven geht.

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"Woody Allen - A Documentary": Eine Huldigung in Bildern und Worten
Verantwortlich dafür ist der Regisseur Robert B. Weide, ein Oldtimer des Dokumentarfilms. In den Achtzigern hat er Porträts der Marx Brothers und von W.C. Fields produziert, dann ein Dutzend Jahre lang an einem Film über den Bühnen-Entertainer Lenny Bruce gebastelt. Er hat als Produzent und Regisseur viele Jahre bei der der TV-Serie "Curb Your Enthusiasm" gearbeitet. 2008 hat er einen Spielfilm abgeliefert, der für sein jüngstes Werk gewiss zweckdienlich war. "New York für Anfänger" hieß der.

"Woody für Anfänger" könnte auch dieser Film heißen. Er ist gründlich, reichhaltig, umfassend, profund - und leider völlig uninspiriert. In einer schlichten "Dann und dann"-Dramaturgie spult er 50 Jahre Lebensgeschichte im Entertainment-Business herunter. Da sieht man also Woody Allen mit einem Känguru boxen und lauscht ihm beim Duett mit einem Pudel - um ihm zum guten Ende, mit den Box-Office-Zahlen von "Midnight in Paris" endlich den "wirklich guten, bedeutenden Film" zuzugestehen, der den zuweilen krummen Lebensweg krönt und mit Sinn erfüllt.

Nach einer kurzen Eloge von Martin Scorsese zum Auftakt treten ausschließlich Freunde, Mitarbeiter und Verwandte auf. 32 Namen verzeichnet die Liste der Mitwirkenden. Sie reicht von Woody Allens 2002 verstorbener Mutter (zu deren Lebzeiten noch vom Sohn selbst gefilmt) bis zu Scarlett Johansson, der zur Zeit der Dreharbeiten jüngsten seiner jungen Schauspielerinnen (just abgelöst durch Ellen Page in "To Rome with Love"). Mia Farrow ist natürlich nicht dabei. Der Skandal, den Woody Allens Liebesbeziehung zu ihrer Adoptivtochter auslöste, wird durch den Verursacher kurz und zerknirscht kommentiert.

Auf den Spuren von Henry James

Als "Stimme der Kritik" ist Leonard Maltin zugegen, so etwas wie der Nuntius der amerikanischen Kritikerkardinäle. Er ruft noch einmal all die altvertrauten Namen auf: Tschechow, Bergman, Fellini. Zuständig für die Einordnung Woody Allens in die moderne Geistesgeschichte ist denn auch gleich ein gewisser Reverend Robert E. Lauder, ausgewiesen als "Priester und Professor für Philosophie". Er sieht in Woody Allen einen Geistesverwandten von Albert Camus!

Ganz so frisch ist das alles also nicht. Diese "Documentary" ist ein Repetitorium. Sie ruft Dinge ins Gedächtnis, die als Party-Parlando gewiss einmal nützlich gewesen sind. Sie in diesem Schnipselwerk und Schnelldurchlauf wiederverwertet zu sehen, beschleunigt nur die Einsicht in ihre Banalität. Alles wirkt wie abgefragt. Aus den festen Einstellungen der Interviews treten immer nur schon lange verfestigte Einstellungen hervor.

Frühere Werke - wie "Annie Hall", "Manhattan" oder "Broadway Danny Rose" - kann der Film auf bewährte Weise autobiografisch ableiten, die mittlere Periode in die Filmgeschichte einbetten. Doch ratlos steht er vor den jüngsten, in Europa entstandenen Arbeiten Allens, die er zusammenhanglos bloß aneinanderreiht. Dabei übersieht er, dass Woody Allen auf seine alten Tage die europäischen Filmförderungen dazu benutzt, der Henry James des frühen 21. Jahrhundert zu werden, indem er konsequent dessen "Americans abroad"-Perspektive fortspinnt.

Kurz gesagt: Für die kopernikanische Wende in Woody Allens einstmals europäisch geprägtem Werk, die sich aus dieser "Amerikanisierung" ergibt, ist Robert B. Weide schlichtweg blind.

Einmal lässt sich der Regisseur von seinem Protagonisten zum Midwood Theater in Brooklyn führen, dem Kino, in dem Woody Allen während seiner Jugend angesichts der großen, tollen Filme immerzu die Augen übergingen. Natürlich ist das Kino längst geschlossen. Im Midwood residiert inzwischen das Brooklyn Eye Surgery Center, ein Unternehmen, das den Leuten mit chirurgischen Mitteln die Augen öffnet. Über ein vergleichbares Instrumentarium verfügt dieser Film leider nicht. "Woody Allen: A Documentary" beschränkt sich auf Gesten der Huldigung.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Woody
Peter.Lublewski 03.07.2012
Wer braucht denn so eine Doku ? Wenn ich eine neue Facette an Woody Allen entdecken will, dann sehe ich mir (zum 500. Mal) seine Filme an.
2. Jeder kennt ja seine Filme
dunnhaupt 05.07.2012
Zitat von Peter.LublewskiWer braucht denn so eine Doku ? Wenn ich eine neue Facette an Woody Allen entdecken will, dann sehe ich mir (zum 500. Mal) seine Filme an.
Die Behauptung, "Midnight in Paris" sei sein erster guter Film ist absurd. Abgesehen davon, dass es Geschmackssache ist, war m.E. "Manhattan" sein bester Film, und der war ja nun wahrhaftig nicht "europäisch", denn es gibt doch nichts amerikanischeres als die New Yorker Welt der Café-Intellektuellen, der Buchhandlungen und Kunstgalerien, die freilich meilenweit von dem entfernt ist, was Klein-Fritzchen sich unter Amerika vorstellen mag. Offenbar liebt Allen neuerdings wieder Städtefilme, New York, Paris, neuerdings Rom, und auch München soll angeblich folgen.
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"Woody Allen - A Documentary"

USA 2012

Buch und Regie: Robert B. Weide

Mit: Woody Allen, Letty Aronson, Josh Brolin, Penélope Cruz, John Cusack, Martin Scorsese

Produktion: Whyaduck Productions, Rat Entertainment, Mike's Movies

Verleih: NFP

Länge: 113 Minuten

FSK: Keine Altersbeschränkung

Start: 5. Juli 2012