Trashfilme Der sündige Zwerg und die Damen vom Porno Hill

So mies, dass es schon wieder gut ist? Ach, das ist doch öde Hipster-Ironie. Dabei gibt es einen guten Grund, den Trashfilm zu lieben: Er ist von radikaler Leidenschaft getrieben.

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Wir schreiben das Jahr 2015. Der Atomkrieg hat Städte voller marodierender Banden hinterlassen. Der italienische Actionkracher "The Riffs III - Die Ratten von Manhattan" aus dem Endzeitjahr 1984 ist aus Versatzstücken zeitgenössischer Kassenknüller wie "The Warriors", "Mad Max" und "Die Klapperschlange" zusammengerührt. Das Ergebnis ist bestürzend: die Schauspieler sind Knallchargen, der Plot ist nicht nachvollziehbar, die Special Effects treiben einem die Schamesröte ins Gesicht.

Glaubt man dem Filmhistoriker Christian Keßler, handelt es sich bei "The Riffs III" jedoch um ein verkanntes Glanzstück. Dass der Film "rattenschlecht" ist, steht für ihn außer Frage ("Man weiß zu keiner Zeit des Filmes, was die Flitzpiepen da eigentlich treiben"), aber nichtsdestotrotz: "Vergesst Stanley Kubrick - das hier ist der wahre Jakob. Hier wohnt Moses."

Für sein Buch "Wurmparade auf dem Zombiehof. Vierzig Gründe, den Trashfilm zu lieben" hat Keßler an den äußersten Rändern der Filmgeschichte gegraben und Erstaunliches zutage gefördert.

Die vierzig Kapitel erhellen schlaglichtartig die weithin verborgene Geschichte eines Kinos, das geläufige Qualitätsvorstellungen mit Nachdruck unterläuft. Es wimmelt in "Wurmparade auf dem Zombiehof" von verunglückten Monsterattrappen, irrwitzigen Plotvolten, sinnloser Gewalt, nackten Frauen und hanebüchenen Dialogzeilen. Das Buch ist ein unterhaltsames Kompendium filmischer Absonderlichkeiten, die sich durch Ignoranz gegenüber allem auszeichnen, was als ästhetisch und ethisch angemessen gilt.

Ehrlicher als der Mainstream

Neben üblichen Verdächtigen wie den Filmen Ed Woods, dem sehr animierenden Dreißigerjahre-Drogenaufklärungsfilm "Reefer Madness" oder dem Werk von John Waters kann man zahlreiche komplett vergessene Machwerke entdecken. Die karnevaleske deutsche Synchronfassung eines amerikanischen Softsexfilms, der hierzulande unter dem Titel "Django Nudo und die lüsternen Mädchen von Porno Hill" erschienen ist - wird als selbstreflexives Gesamtkunstwerk vorgestellt.

Dem politisch brachial unkorrekten Vietnam-Film "Die grünen Teufel" attestiert Keßler, dass er, einfach weil ihm der Filter fehlt, ein hässlicheres, ehrlicheres Bild zeigen könne als seine Mainstream-Äquivalente. Kalkulierter Trash wie die "Sharknado"-Reihe und "Zombiber" hingegen bleibt außen vor.

Man merkt dem wertungsfrohen Text den Spaß an den Bildern an, und diese Begeisterung überträgt sich. Selbst über einen obskuren dänischen Pornofilm mit dem Titel "The Sinful Dwarf", den man, bei aller Liebe, dann lieber doch nicht sehen möchte, lässt man sich gerne etwas erzählen. Das mag daran liegen, dass hier ein Autor einen Sprachduktus gefunden hat, der zwar sehr komisch ist, sich aber dennoch nie über seinen Gegenstand erhebt.

Mit dem Film lachen, nicht über ihn

"Man lachte nicht über den Film, man lachte mit ihm", ist über eine Vorführung von "The Mad Foxes - Feuer auf Räder" zu lesen (es steht tatsächlich "Räder" auf dem Filmposter, ohne N). "Diese Unterscheidung ist mir sehr wichtig." Die Haltung, mit der sich Keßler dem Trashfilm nähert, ist frei von Häme. Es geht in "Wurmparade auf dem Zombiehof" nicht darum, etwas zu feiern, das so schlecht sei, dass es schon wieder gut ist. Dem Nicht-Perfekten und Unverhältnismäßigen wird hier aufrichtige Zuneigung zuteil.

Der Text ist frei von Überheblichkeit, auch wenn es um Ed Wood geht, den angeblich schlechtesten Regisseur aller Zeiten: Der erscheine "in seinen Filmen als jemand, der von großer Ehrlichkeit und großem Enthusiasmus beseelt war, und von solchen Menschen kann man wesentlich mehr lernen als von den unzähligen begabteren Filmemachern, die ihr Leben damit verbringen, die technisch kompetente Hochglanzgülle zu produzieren, die die Kinoleinwände bis zum heutigen Tage zum Austragungsort der Jagd nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner macht." Das ist programmatisch gemeint.

"Trash" versteht Keßler in diesem Sinne als Spielwiese für unbedingten Eigensinn. Die große Qualität der Filme liege in einer radikal subjektiven Perspektive auf die Welt - eine "Weltsicht, die einzigartig ist und nicht selten zauberhaft". Leser, die sich auf diesen oftmals jecken Unterstrom der Kinogeschichte einlassen, können sich die eigenen Maßstäbe ordentlich durcheinanderwürfeln lassen.

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eldoloroso 10.03.2015
1. Mein Lieblingstrash...
Tach, ...ist natürlich Ted van Mikels Leichenmühle ("The Corpse grinders"). Nur schon die Idee, Katzenfutter aus menschlichen Leichen herzustellen um dann die Stubentiger in tödliche Heimmonster mutieren zu lassen ist so trashy dass es Kult ist.
Bundeskanzler20XX 10.03.2015
2. Ein Hoch auf Trash
Wann ist denn ein Film gut und wann schlecht? Auch viele Blockbusterfilme sind oft trash weil sie einfach dem gängigen Muster folgen und man stehts weiß was in etwa als nächstes passiert. Überrascht wird man nur selten. Ideen in der Filmindustrie sind heute Mangelware. Da wird lieber Spiderman zum Xten mal verfilmt mit immer der gleichen Storry. Auch Batman wird bis zum geht-nichtmehr ausgeschlachtet ohne dabei aber die gewohnten Parameter zu verlassen... Von den neuen Disney-Märchenmischerei will man da garnicht erst anfangen. Da lob ich mir doch eher irgend so einen Trashfilm der vielleicht völlig schwachsinnig, dafür aber neuer Schwachsinn ist.
müllers 10.03.2015
3. Pure Dekadenz der Übersättigten
Ja, ja, wenn man sich im Gourmet-Kino satt gegessen hat, dann findet man auf einmal Imbißbuden geil. Und als schöne Zutat winkt der narzisstische Ich-Gewinn,als ein Entdecker dastehen zu können. Zudem braucht sich im Spiegel der Nichtskönner so klein vorkommen, wie im Spiegel eines Meisterwerks. Und dennoch würde ich jeden einzelnen Kubrick-Film hunderter solcher Trashfilme vorziehen vorziehen, weil ein Kubrick-Film mehr über unser Menschsein aussagt, als ein Film, der doch nur ein Konglomerat aus Dilettantentum und unsublimierten Scheissdreck ist.
twister-at 10.03.2015
4.
Zitat von müllersJa, ja, wenn man sich im Gourmet-Kino satt gegessen hat, dann findet man auf einmal Imbißbuden geil. Und als schöne Zutat winkt der narzisstische Ich-Gewinn,als ein Entdecker dastehen zu können. Zudem braucht sich im Spiegel der Nichtskönner so klein vorkommen, wie im Spiegel eines Meisterwerks. Und dennoch würde ich jeden einzelnen Kubrick-Film hunderter solcher Trashfilme vorziehen vorziehen, weil ein Kubrick-Film mehr über unser Menschsein aussagt, als ein Film, der doch nur ein Konglomerat aus Dilettantentum und unsublimierten Scheissdreck ist.
na ja, manche Trashfilme sind schon von einer Leidenschaft durchzogen, finde ich. Z.B. "Slither" von dem jetzt erfolgreichen James Gunn, schon damals mit Nathan Fillian und Greg Henry - imho ein wirklich schöner Trashfilm.
Dengar 10.03.2015
5. Moment mal
Ed Wood? - Hießen die Regisseure nicht immer John Smithee, wenn sie sich von ihrem Machwerk distanzieren wollten? - Und das war echt Trash:-)
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