"X-Men"-Prequel "First Class" Nicht genieren fürs Mutieren

Sei umarmt, Bruder Mutant! Der fünfte Teil der Superhelden-Saga kommt politisch ambitionierter daher als alle Vorgänger zusammen. Die Handlung spielt in den sechziger Jahren und greift Motive der Black-Power-Bewegung auf - in stilvollendetem Dekor: "X-Men" meets "Mad Men".

Von

20th Century Fox

Da stehen sie und schämen sich nicht ihrer Tränen: In einem Moment innigster Verbundenheit weinen Erik Lehnsherr (Michael Fassbender) und Charles Xavier (James McAvoy) gemeinsam. Für diesen Augenblick sind die beiden mächtigen Figuren aus Marvels fast vierzig Jahre währender Comic-Saga "X-Men" buchstäblich Brüder im Geiste, übermannt vom Gefühl, sowohl Leid als auch Freude miteinander teilen zu können. Und spätestens in dieser entscheidenden Szene wird deutlich, dass "X-Men: First Class" - man sollte den klobigen deutschen Beistelltitel "Erste Entscheidung" schnell vergessen - ein würdiges Kino-Comeback für die einst von Stan Lee und Jack Kirby ersonnene Mutantengemeinde bedeutet.

Das war keineswegs sicher, denn nachdem Regisseur Bryan Singer mit "X-Men" (2000) und "X2" (2003) stimmige Adaptionen präsentierte, fuhr sein Nachfolger Brett Ratner "X-Men: The Last Stand" (2006) gehörig gegen die Wand. Das laute, indifferente Spektakel vergeudete das Potential der an Geschichten überreichen Vorlage, ließ wichtiges Personal - darunter so prominente X-Favoriten wie Rogue, Cyclops und Xavier selbst - lieblos auf- und und abtreten, und wusste auch mit neueingeführten Helden wie Kitty "Shadowcat" Pryde nichts anzufangen.

Es folgte das Prequel "X-Men Origins: Wolverine" (2009), eine weitgehend leidlich spannende Soloeinlage des stahlbekrallten Titelhelden, die auf Action statt auf kollektiven Charme setzte. Letzteren bringt jetzt der von Singer mitproduzierte und -erdachte Neustart unter der Regie von Matthew Vaughn ("Kick-Ass") zurück, ebenso wie den engagierten Gesellschaftskommentar, der stets Merkmal der Comics war. So ist der Werdegang von Lehnsherr und Xavier, die später als Magneto und Professor X um die Definitionshoheit in der Mutanten-Community ringen sollen, eng mit Verwerfungen der Zeitgeschichte verzahnt.

Kalter Krieg ganz heiß

Ein dramatischer Auftakt illustriert schlaglichtartig die unterschiedliche Herkunft der Protagonisten: In den Todescamps der Nazis wird der junge Erik Lehnsherr seiner Familie und der Hoffnung auf eine gerechte Welt beraubt. Grausam zwingt ihn dort der perfide Dr. Schmidt (ein brillant-devianter Kevin Bacon) zur Demonstration seiner Fähigkeit, jedwedes Metal zu manipulieren. Währendessen lebt der telepathisch begabte Charles Xavier in einem wohlhabenden, aber distanzierten Elternhaus. Bereits als Kind nimmt er sich der obdachlosen Formwandlerin Raven Darkholme an, die fortan als seine Schwester aufwächst.

Mittlerweile ein erfolgreicher Wissenschaftler, reüssiert Xavier in Oxford Anfang der Sechziger Jahre mit maßgeblichen Arbeiten zu Mutationen. Derweil jagt der Holocaust-Überlebende Lehnsherr nach abgetauchten NS-Verbrechern, um irgendwann Vergeltung an Schmidt üben zu können. Der Gesuchte firmiert jetzt unter dem Namen Sebastian Shaw und plant mit dem Hellfire Club, einer Bande rücksichtsloser Mutanten, den Weltuntergang. Hierzu will Shaw den Kalten Krieg heiß machen und die Supermächte durch doppeltes Spiel in einen nuklearen Schlagabtausch drängen.

Im Schlüsseljahr 1962 kreuzen sich so schließlich die Wege von Lehnsherr und Xavier. Nach anfänglichen Widerständen entspinnt sich eine Freundschaft zwischen beiden, und mit Unterstützung der CIA-Agentin Moira MacTaggert (Rose Byrne) rekrutieren sie junge Mutanten, die bislang aus Angst vor Vorurteilen und Repressionen im Verborgenen lebten. Zur "First Class", dem ersten Jahrgang dieser Mutantenschule, gehören unter anderem auch Xaviers Ziehschwester Raven (Jennifer Lawrence) - bald besser als Mystique bekannt -, Alex "Havok" Summers (Lucas Till), Sean "Banshee" Cassidy (Caleb Landry Jones) und Hank "Beast" McCoy (Nicholas Hoult).

Aufklärung versus Selbstbehauptung

Die Eleven müssen sich schon bald gegen Shaws Hellfire Club behaupten, der die enigmatische Telepathin Emma Frost (January Jones) in seinen Reihen hat. Vor dem historischen Hintergrund der Kubakrise, die hier en passant komplett umgedeutet wird, kommt es zur Auseinandersetzung an vielerlei Fronten. Ob die Menschheit der atomaren Katastrophe entgehen kann, hängt dabei nicht zuletzt vom Selbstverständnis der neuen Mutanten-Community ab, die um ihren eigenen Platz in der Welt kämpft.

Denn während der Optimist Xavier auf Assimilation und humanistische Aufklärung setzt, misstraut Lehnsherr der herrschenden Ordnung und plädiert angesichts der allgegenwärtigen Anfeindungen für radikale Selbstbehauptung. Oft und gerne wird dieser grundlegende Bruderstreit der X-Men mit der Opposition zwischen Martin Luther King und Malcolm X verglichen. Das ist zwar nur bedingt schlüssig - schließlich ist Xavier beileibe kein Pazifist -, aber verständlich bei einer Comicreihe, die ohne erhobenen Zeigefinger die Emanzipationsbewegungen der sechziger und siebziger Jahre reflektierte.

Und bis heute stehen die X-Men für die wohl radikalste Umsetzung der Marvel-Tradition, die mehr zweifelnde als strahlende Helden kennt. Hineingeworfen in eine vermeintlich widernatürliche Existenz ist ihnen der eigene Körper oft Waffe und Gefängnis zugleich. Als chronische Außenseiter der Gesellschaft stehen Marvels Stars damit im Gegensatz zu den meist unbeirrbaren Rechtschaffern des DC-Verlags, was sie fraglos zu reizvolleren Charakteren macht.

James Bond lässt grüßen

Regisseur Matthew Vaughn besinnt sich glücklicherweise auf die ideologischen und metaphorischen Stärken, wenn er weniger von imposanten Superkräften und dafür mehr vom empowerment einer drangsalierten Minderheit erzählt. "Mutant And Proud" lautet folgerichtig die Parole, und die durchweg hervorragende Besetzung des Films trägt diesen Anspruch auch über vorhandene Längen der Handlung hinweg. Allen voran Michael Fassbender, der den traumatisierten Rächer Magneto mitreißend und voller Empathie spielt. Dank ihm rückt die profunde Tragik der Beziehung zwischen Xavier und Magneto wieder in den Vordergrund: Ohne den Anderen geht es nicht, und in den bis heute immer neuen Erzählsträngen der Comics eint die Freunde und Widersacher trotz aller Konflikte ein schicksalhaftes, zutiefst rührendes Band der Zuneigung.

Ebenso wie die Heftvorlagen nimmt sich "X-Men: First Class" die notwendigen Freiheiten bei der Neuinterpretation des Gründungsmythos, ändert etwa im Fall von Mystique und Shaw die Biografien der Figuren und stellt eine eigene Chronologie der Ereignisse auf. Die Geschichte darf und muss stets neu erfunden werden, so will es schließlich die zyklische Dramaturgie der Comicreihen.

Was jedoch alle bisherigen Print-Inkarnationen der "X-Men" verbindet, ist die Ernsthaftigkeit ihres Anliegens. Diese Qualität ist erfreulicherweise jetzt auch wieder im Kino sichtbar; in einem detailverliebten Sixties-Szenario, das in Ausstattung und Design die frühen Bond-Abenteuer sowie den gegenwärtigen "Mad-Men"-Retrochic zitiert. Und so darf man hoffen, dass das Versprechen des Films in den durchaus absehbaren Fortsetzungen gehalten wird.

Denn eines ist gewiss: Es gibt noch lange nicht genug Geschichten von Helden, deren größte Stärke es ist, ihre Schwächen zu zeigen.



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Seite 1
.Zerberus. 07.06.2011
1. ...
Der Vergleich zwischen Martin Luther King/Malcom X mit Magneto und Dr. X ist einfach nur falsch, der viel richtigere Vergleich ist in der jüdischen Geschichte zu finden und den unterschiedlichen Lehren aus dem Holocaust, während die einen sich in bestehende Gesellschaften einfügen wollen, wollen die anderen nie wieder in die Opfer-Situation gebracht werden, wo sie von dem Wohlwollen anderer abhängen. Eine Botschaft die kaum abstrahiert werden muss und daher vielen anscheinend zu offensichtlich ist.
Cassandra105 07.06.2011
2. ************************
Problem bei X-Men ist irgendwie nur, dass die Mutanten allzugern rumjammern, wie böse die Menschen sie behandeln, aber nunmal durchaus viele davon eben diesen Menschen auch gute Gründe dafür liefern. Das lächerlichste war da ja im letzten Film, als Magneto, nachdem... Mystique(?) ihn von einem Treffer mit dem Antiserum bewahrt hat, meinte, er hätte ja prophezeit, dass sie zuerst angreifen würden: An Ort und Stelle eines Überfalls von IHNEN auf Menschen, die sie alle umgebracht haben. Da wird letztlich gar nichts vermittelt, außer Verbrecher, die irgend eine Besonderheit an sich als Ausrede hernehmen. Wie wenn ein jüdischer Krimineller jedem Polizisten Antisemitismus vorwirft, selbst wenn dieser ihn allein aufgrund seiner Verbrechen verfolgt. Den Neuen kenne ich jetzt noch nicht, werde aber sicherlich wieder mit reingeschleift. Wäre zu hoffen, wenn das dort mal besser ist und nicht so... schwachsinnig wie in den anderen Filmen.
r-le 07.06.2011
3. ...k.T....
Zitat von .Zerberus.Der Vergleich zwischen Martin Luther King/Malcom X mit Magneto und Dr. X ist einfach nur falsch, der viel richtigere Vergleich ist in der jüdischen Geschichte zu finden und den unterschiedlichen Lehren aus dem Holocaust, während die einen sich in bestehende Gesellschaften einfügen wollen, wollen die anderen nie wieder in die Opfer-Situation gebracht werden, wo sie von dem Wohlwollen anderer abhängen. Eine Botschaft die kaum abstrahiert werden muss und daher vielen anscheinend zu offensichtlich ist.
Sehe ich auch so. Der Vergleich existiert nicht. Mehr aber stört mich, dass es sich um eine erneute Prequel (nach Wolverine) handelt, also in der Zeit zurückgedreht wird und Themen wie NS und Holocaust aufgegriffen werden, die z.Zt. der Comics gesellschaftlich verarbeitet wurden. Obwohl ich deutlich später geboren bin, kann ich das Thema ehrlich gesagt nicht mehr hören und sehen. Obwohl ich die X-Men Geschichte mag, würde ich aus diesem Grund wohl nicht ins Kino gehen.
peterbruells 07.06.2011
4. Mumien, Monstren, Mutationen
Zitat von .Zerberus.Der Vergleich zwischen Martin Luther King/Malcom X mit Magneto und Dr. X ist einfach nur falsch, der viel richtigere Vergleich ist in der jüdischen Geschichte zu finden und den unterschiedlichen Lehren aus dem Holocaust, während die einen sich in bestehende Gesellschaften einfügen wollen, wollen die anderen nie wieder in die Opfer-Situation gebracht werden, wo sie von dem Wohlwollen anderer abhängen. Eine Botschaft die kaum abstrahiert werden muss und daher vielen anscheinend zu offensichtlich ist.
Das sehe ich ebenso, aber… Sehe ich nicht so. Xavier vertritt keine Opferrolle, hofft auch nicht darauf, dass Pazifismus honoriert wird. Das wurde am Ende von X-2 auch gut auf den Punkt gebracht: „I feel a great swell of pity for the poor fool who comes to that school... looking for trouble.“ Auch Xaviers Mutanten - nicht nur Wolverine - haben kein sonderliches Problem damit, Gewalt auch gegen staatliche Macht einzusetzen, wenn sie bedroht werden. Magneto hingegen hat nur gelernt, dass man entweder Opfer oder Täter ist – ein Modell, das konträr zur Zivilisation ist und auch nicht zielführend ist, denn er wird im Kontext des Marvel-Universums niemals funktionieren, da irgendwo immer jemand ist, der unfassbare mächtiger ist - seien es Omega-Mutanten, gigantische Sternenreiche, Galactus oder sonstwer.
faustjucken_tk 07.06.2011
5. ...
Leute, das ist nur Comic/Film! Von Menschen erdachte Personen. Über sowas streitet man nicht.
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