Neuer "X-Men"-Film Das doppelte Schuppchen

Willkommen zur Doppelausgabe des Mutantenstadls: Der siebte Film aus der X-Men-Reihe spielt auf zwei Zeitebenen, der Plot ist nur etwas für Marvel-Experten. Anfänger dürfen wenigstens eine geschuppte Jennifer Lawrence bestaunen.


Wer hat Angst vor der blauen Frau? Alle: Wie Mystique, die meistens nackte, mit blauen Schuppen besetzte Mutantin, eine Garde anzugtragender Politiker im Weißen Haus mit ihren Superkräften plattmacht, und das pikanterweise auch noch zur Zeit der Watergate-Affäre 1974, das ist schon wunderbar märchenhaft. Und gibt der Nixon-Präsidentschaft im Nachhinein eine ganz neue Note.

So etwas geht eben nur im Comic: Mystique (zum zweiten Mal gespielt von Jennifer Lawrence), die genau wie der Mutantenanführer Professor Xavier (Patrick Stewart) fest im Marvel-Comic-Universum verwurzelt ist, steckt in der mittlerweile siebten Verfilmung aus der X-Men-Welt "Zukunft ist Vergangenheit" in einem moralischen Zwiespalt. Das ist ein wichtiges Motiv für die Story. Denn am Ende geht es darum, ob noch genug Gutes in der blauen Frau steckt, damit sie nicht vollends die Seiten wechselt.

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"X-Men: Zukunft ist Vergangenheit": Fantastisches Spektakel
Um sie bangt ihre alter Freund Xavier (als junger Mann: James McAvoy), denn beide hatten sich als Außenseiterteens kennengelernt - Xavier hatte Probleme mit seinen telepathischen Fähigkeiten, Mystiques sonderbares Aussehen verhagelte ihr eine glückliche Jugend - und halfen sich fortan filmreif gegenseitig bei dem, was Mutanten in Kino-Adaptionen von Marvels "X-Men"-Reihe so tun: Allianzen bilden, vom rechten Weg abgekommene Mutanten wieder in die Gemeinschaft integrieren, und natürlich die Welt retten.

Die Story versucht, eine Brücke zwischen dem Prequel "X-Men: Erste Entscheidung" (2011) und dem letzten Sequel "Der letzte Widerstand" (2006) zu schlagen. Mit dem unter anderem in "Terminator" etablierten Kunstgriff, jemanden zurück in die Vergangenheit zu schicken, der dann designierte, aber weiland noch skeptische Freunde und Kollaborateure überzeugen muss. Die düstere Zukunft zu retten, macht sich der Metallklingenkämpfer Wolverine (Hugh Jackmann) auf die Reise in eine andere Zeit.

Der X-Men-Cast protzt mit schauspielerischer Brillanz

"Zukunft ist Vergangenheit" erzählt demnach in zwei Zeitebenen: In der Zukunft zerstören ultraböse, vom Wissenschaftler Bolivar Trask (Peter Dinklage) ersonnene Kampfmaschinen die Mutanten und als Kollateralschaden auch Menschen. In der Vergangenheit unterdrückt Professor Xavier seine telepathischen Fähigkeiten mit einer Droge, die seine Lähmung aufhebt, und schiebt ansonsten Frust: Seit Mystique ihn (in einem der vorhergegangenen Abenteuer) verlassen hat, wird er seines Lebens nicht mehr froh.

Wolverine soll den demoralisierten Xavier überzeugen, gemeinsame Sache mit Magneto (als jüngerer Mann gespielt von Michael Fassbender, später von Ian McKellen) zu machen, und einen Vorgang zu verhindern, dessen Folgen das Aus für die Mutanten bedeuten würde. Und der mit Mystiques Killer-DNA zu tun hat, aus der sich hervorragend Waffen herstellen lassen...

Allein die fantastische Storykonstruktion beweist: Wer bislang einen Bogen um CGI-reiche, ultrateure Actionspektakel mit mutierten Superhelden gemacht hat, der wird auch beim neuesten X-Men-Werk die Augen verdrehen. Denn "X-Men", die erste, ebenfalls von Bryan Singer inszenierte Verfilmung von 2000, war zwar noch als Parabel auf dem Umgang mit Außenseitern zu lesen und verströmte somit eine gewisse soziale Relevanz - schließlich ging es den Mutanten stets um ihre Akzeptanz in einer xenophoben Gesellschaft, die alles ablehnt, was anders, was "mutiert" ist. Die folgenden Filme verstrickten sich jedoch immer tiefer in die Fantasie-Comic-Welt der Vorlagen. Man nahm nur noch das Publikum mit, das sich ohnehin für Comic-Figuren und ihre durch lange Dramaturgien und viele, viele Abenteuer gefestigten Eigenschaften erwärmen konnte, und schuf zumeist typische Blockbuster mit erwartbarem finanziellen Erfolg.

Aber seit einiger Zeit protzt der X-Men-Cast geradezu mit schauspielerischer Brillanz. Jennifer Lawrence, die genau wie der Rest der hervorragenden Besetzung ihre eher flache Rolle wunderbar ausfüllt, wird bestimmt ein paar ansonsten eher zögerliche Zuschauer bewegen, der eigenartigen X-Men-Welt eine Chance zu geben. Schließlich überzeugt sie sowohl als ambivalente Bösewichtin, die sich gekonnt durch die ignorante Siebziegerjahre-Welt prügelt, als auch als einsame Zweiflerin.

Und wenn Michael Fassbender, ohnehin die coolste Sau aller metallbiegenden Mutanten, ein Footballstadion durch die Luft fliegen lässt, Peter Dinklage durch sein Spiel ähnlich viel Empathie wie in "Game of Thrones" evozieren kann oder der neue X-Man Quicksilver (Evan Peters) genervt von der subjektiven Langsamkeit seiner Umgebung ist - seine Mutation befähigt ihn dazu, ultraschnell zu sein - dann mag das alles wenig hintergründig sein: Die im wahrsten Wortsinn doppelte Story mit doppelten Darstellern ist dünner, als es eine einzige gewesen wäre.

Dennoch bleibt ein angenehm emotionales, ambitioniertes, liebevolles Spektakel übrig, das große Freude am Fantastischen vermittelt. Und in dem eine blaue nackte Frau sich absolut nichts gefallen lässt. Für pubertierende Mädchen eröffnen sich somit ganz neue Identifikationsmöglichkeiten.



insgesamt 39 Beiträge
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Seite 1
panthera_leo588 22.05.2014
1. Falscher Schauspieler
Der Schauspieler des jungen Charles Xavier heißt übrigens James McAvoy.
Moewi 22.05.2014
2.
Mal im aktuellen TV-Trailer beachten: Im Schnelldurchlauf der Darstellernamen (jeweils nur ein paar Sekundenbruchteile) deutlich sichtbar: "Patrick Stuart" Sollte damit Patrick Stewart gemeint sein (wovon ich schwer ausgehe, andernfalls bitte ich um Korrektur) ist das einfach nur peinlich...
benmartin70 22.05.2014
3.
Zitat von sysop20th Century FoxWillkommen zur Doppelausgabe des Mutantenstadls: Der siebte Film aus der X-Men-Reihe spielt auf zwei Zeitebenen, der Plot ist nur etwas für Marvel-Experten. Anfänger dürfen wenigstens eine geschuppte Jennifer Lawrence bestaunen. http://www.spiegel.de/kultur/kino/x-men-rezension-zur-neuen-verfilmung-von-bryan-singer-a-970190.html
Was will uns dieser Artikel sagen? Kann ich mit X-Men und Comicverfilmungen nix anfangen geh ich besser nicht in den Film rein. Mag ich beides ist es ein super Film? Das nenn ich mal Erkenntnis! Wenn ich Fussball langweilig finde schau ich bestimmt auch kein Spiel an, also hinterlässt einen dieser Artikel genauso schlau wie vor dem Lesen.
sven17 22.05.2014
4.
So kompliziert, das nur "Marvel-Experten" ihm folgen können, ist die Geschichte nun auch nicht. Vom Grundprinzip wie bei den Terminatorfilmen(und die kamen nach der Vorlagen für diesen X-men Film). Aber es soll ja auch Leute geben, die die Matrix Filme nicht verstanden haben^^
Phleon 22.05.2014
5. Tipp
Der Film ist für Fans als auch für normale Popcorn-Kino Begeisterte ein wirklich sehr guter Film. WICHTIG: Unbedingt den Abspann am Ende abwarten, es kommt noch eine Schlussszene die vor allem Fans der X-Men-Saga sehr begeistern wird.
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