"xXx - Triple X" Bizeps gegen Brioni

Kräftig geschüttelt, nicht gerührt: Hollywoods Geheimwaffe gegen James Bond ist ein glatzköpfiger Extremsportler mit Hacker-Attitüde. In dem frechen Actionfilm "xXx - Triple X" soll Nachwuchs-Star Vin Diesel ganz cool ein britisches Markenzeichen in Rente schicken.

Von Oliver Hüttmann


Actionstar Diesel, Filmpartnerin Argento: Bizeps gegen Brioni, Pornostyle gegen Petting
AP

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Bond, James Bond ist auch schon in seinem 40. Filmjahr. Und in jedem Jahrzehnt gab es Personaldiskussionen um den arrivierten Agentenbeau. Mal war er müde oder zu langweilig, dann zu alt. Die Bewerber auf den Job als Superschurkenbezwinger und Frauenvernascher wiederum waren häufig zu jung, zu unanständig oder nicht britisch genug. Timothy Dalton und Pierce Brosnan etwa hatten das Ansinnen mehrmals abgelehnt, weil sie in die Rolle des Gentlemanspions hinein reifen wollten wie - nun ja - guter alter Wein.

Vin Diesel, ein Kraftprotz mit Glatzkopf, käme für die Nachfolge auf keinen Fall in Frage. Der ehemalige Türsteher ist jener Typ, der Bierdeckel mit dem Daumen vom Flaschenhals schnippen kann und Frauen am Hintern packen würde. Außerdem kommt er aus New York. Diesel könnte eher er die breite Lücke schließen, die Arnold Schwarzenegger und Sylvester Stallone hinterlassen haben. Denn obwohl Hollywood noch immer die Welt beherrscht, ist dort die Position eines überlebensgroßen Actionhelden ohne Ambitionen seither vakant. Und mit Rob Cohens "xXx ­ Triple X" hat Diesel aussichtsreiche Ansprüche angemeldet.

Xander Cage (V. Diesel) wird zum Agenten wider Willen: Hacker- und Hardcore-Attitüde
Columbia TriStar

Xander Cage (V. Diesel) wird zum Agenten wider Willen: Hacker- und Hardcore-Attitüde

Andererseits ist seine Rolle als Extremsportler Xander Cage, der unfreiwillig als US-Agent rekrutiert wird und die Welt rettet, eine unverhohlene Herausforderung an den Platzhalter im Geheimdienstgewerbe. Die Amerikaner hat es ständig gewurmt, dass ihr CIA nur als Zuträger und Steigbügelhalter für den Snob aus England diente. Hollywoods Filme und Kinoreihen mit ähnlich angelegten Sujets und Charakteren konnten 007 nie den Rang streitig machen. Doch Cohen, der mit Diesel bereits den PS-Trash "The Fast And The Furious" gedreht hat, überholt die Briten nun auf der Zeitgeistspur. Während auch der neue Bond "Stirb an einem anderen Tag" so geleckt aussehen wird, wie sich Markenhersteller und Werber das Umfeld für ihre Produkte wünschen, wendet "xXx" sich an die Vorstellungen der Kids.

James Bond repräsentiert nach wie vor das konservierte Selbstverständnis des britischen Empires, Xander Cage steht für das globale Generationsgefühl von Action, Fun und Thrill, New Economy, Ich-AG und eine Subkultur aus Hacker- und Hardcore-Attitüde, die Konzerne und Establishment stets zu assimilieren versuchen. "xXx" funktioniert als MP3-Datei, auf die Cohen sich Bond-Muster runtergeladen und nach dem Prinzipien des HipHop zum Exploitation-Film gesampelt hat. Bond dagegen ist mittlerweile wie Bill Gates: Die Besitzer der Rechte hatten sogar gegen den Titel von Mike Myers Bond-Parodie "Austin Powers In Goldmember" juristische Bedenken eingelegt.

Pierce Brosnan als James Bond: Arrivierter Agentenbeau
UIP

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Zum Auftakt von "xXx" klaut Cage vor einem Luxushotel frech die rote Corvette eines Politikers. Nach einer Verfolgungsjagd mit der Polizei brettert er den Wagen von einer Brücke und springt mit einem Gleitfallschirm ab. Die ganze Aktion wurde von einer kleinen Kamera live im Internet übertragen. Doch bei der anschließenden Party wird er von einer Spezialeinheit überwältigt und betäubt. Als Cage wieder erwacht, befindet er sich in einem Lokal, das gerade von einem Mann überfallen wird. Cage schlägt ihn nieder und erfährt hinterher von dem NSA-Agenten Augustus Gibbons (Samuel L. Jackson), dass die Situation als Test arrangiert wurde. Wie bei einem Videospiel muss Cage noch ein höheres Level durchlaufen, bis ihn Gibbons vor die Wahl stellt: Knast oder Mitarbeit an einer "Mission: Impossible" im Dienst der Nation.

Cage soll den russischen Anarchisten Yorgi (Marton Csokas) stoppen, der von Prag aus mit einem biologischen Kampfstoff die alte Weltordnung auslöschen und seine eigene etablieren will. Da sein Ruf als subversiver Star auch bis nach Osteuropa vorgedrungen ist, gewinnt Cage schnell das Vertrauen von Yorgi. Misstrauischer dagegen ist dessen Geliebte Yelena, gespielt von Asia Argento, der berückend blassen Tochter des italienischen Kult-Horrorrfilmers Dario Argento. Sie und Yorgi wirken wie Vampire. Ihr Hauptquartier ist auf einem Schloss in den Bergen, darunter liegt das Labor, in dem die Weltvernichtungswaffe konzipiert wird.

Action-Sequenz aus "xXx": So "billig" wie die frühen Bonds
Columbia / TriStar

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Diesels Fallhöhe als Schauspieler ist denkbar knapp. Aber er ist der Mann der Stunde, ein Mr. Testosteron mit tätowiertem Stiernacken. Er springt mit dem Motorrad über ein brennendes Haus, rast durch Maschinenpistolenfeuer und auf einem Snowboard vor einer Schneelawine her. Die Sets und Spezialeffekte wirken eine Spur zu billig ­ oder eben so, wie die heute billig wirkenden Sets und Spezialeffekte früherer Bond-Filme, die damals ja verdammt teuer waren. Immerhin ist "xXx" mit einem Budget von 50 Millionen Dollar fast noch eine Independent-Produktion. Und auch wenn sich Cohens Agentensause nicht ganz ernst nimmt, ist es keine Parodie. Hier treten Bizeps gegen Brioni, Pornostyle gegen Petting, Metal gegen Martini an, wird kräftig geschüttelt, nicht gerührt, und cool ein Markenzeichen an die Wand gefahren.

"xXx" ist nicht der beste Film der Welt, er wird keine neue Kinoordnung begründen, auch wenn die nächsten Teile bereits geplant sind. Doch er amüsiert als rebellischer Akt gegen Papa Bond. Nun werden die Briten wohl doch mit Robbie Williams antworten müssen.

"xXx ­ Triple X". USA 2002. Regie: Rob Cohen; Drehbuch: Rich Wilkes; Darsteller: Vin Diesel, Asia Argento, Samuel L. Jackson, Marton Csokas, Danny Trejo; Produktion: Original Film, Revolution Studios; Verleih: Columbia TriStar; Länge: 124 Minuten; Start: 17. Oktober 2002



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