"Yves Saint Laurent" im Kino Der Unergründliche

Jalil Lesperts Filmbiografie "Yves Saint Laurent" erzählt das Leben des legendären Modeschöpfers als große Liebesgeschichte zwischen Saint Laurent und seinem Partner Pierre Bergé. Wobei man über den mehr erfährt als über den Designer selbst.

SquareOne/ Universum

Von Daniel Sander


Grob sortiert gibt es zwei Arten von Modeschöpfern. Einmal die konzentrierten Arbeitstiere, die relativ allüren- und skandalfrei ihrem Geschäft nachgehen und einfach viel Geld mit schönen Kleidern verdienen - Michael Kors zum Beispiel, Tom Ford oder Jil Sander. Und dann gibt es diejenigen, die ihr Schaffen als Kunst verstanden wissen wollen und sich deswegen selbst als Kunstwerke inszenieren, als geheimnisvolle Wesen mit der Aura des Unergründlichen - ohne Frage Coco Chanel, vielleicht Jean-Paul Gaultier und Vivienne Westwood, auf jeden Fall Yves Saint Laurent.

Während die erste Sorte ihr Geld zählt, werden Filme nur über die zweite gedreht. Und wenn es richtig unergründlich wird, auch mal zwei auf einmal. Coco Chanel wurde diese Ehre 2009 zuteil, mit dem klassischen Biopic "Coco Chanel - Beginn einer Leidenschaft" und dem eher als Liebesfilm angelegten "Coco Chanel & Igor Stravinsky". In diesem Jahr ist Yves Saint Laurent (1936-2008) dran. Keiner weiß, was von "Saint Laurent" zu erwarten ist, gedreht vom skandalorientierten Regisseur Betrand Bonello ("Der Pornograph"), denn diesen Film gibt es erst im Mai in Cannes zu sehen. Den Anfang macht stattdessen der eher als Schauspieler bekannte Filmemacher Jalil Lespert mit "Yves Saint Laurent", der es mit dem Liebesgeschichten-Ansatz probiert und deswegen erst mal mit einem irreführenden Titel auffällt. Eigentlich müsste dieser Film "Yves Saint Laurent & Pierre Bergé" heißen.

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Designer-Porträt: Der Mann seines Lebens
Denn Bergé, der langjährige Lebens- und Geschäftspartner von Saint Laurent, spielt hier mindestens eine genauso große Rolle wie der Meister selbst. "Yves Saint Laurent" beginnt, als genau der gerade gestorben ist und der trauernde Bergé (Guillaume Gallienne) die gemeinsame Kunstsammlung verkaufen will. Aus dem Off erklärt er kurz, warum er das tut (Menschenfreundlichkeit, keine Geldgier), um dann aus dem Leben des Verstorbenen zu berichten. So fallen die Episoden aus dessen Jugendjahren in Algerien und die ersten Schritte als Modemacher bei Christian Dior auch eher kurz aus, denn da war Bergé ja noch gar nicht dabei. Richtig los geht es, als sich die beiden auf einer Party begegnen, um dann ein Leben lang aneinander haften zu bleiben: der zerbrechliche enigmatische Künstler, der die Ausschweifungen und die Abgründe liebt, und der stoische Geschäftsmann, der den Erfolg und das gemeinsame Leben organisiert und immer wieder die Scherben zusammensetzt, wenn sein Mann gerade wieder an irgendeiner Sucht, Affäre oder Schaffenskrise zerbrochen ist.

Guru der anspruchsvollen Eleganz

Im ersten Drittel ist das auch alles noch interessant, allein schon weil epische Liebesgeschichten unter Männern im Kino immer noch selten und schon gar nicht mit einer solchen Selbstverständlichkeit erzählt werden. Und weil eine Menge passiert: der erste Nervenzusammenbruch, als Saint Laurent vom Militär eingezogen werden soll; die Panik und die Energie, als er Dior verlässt und mit Bergé seine eigene Marke gründet; die Euphorie, als er die ersten Erfolge feiert; und natürlich die glamourösen Montagen seiner Modenschauen, die ihn als unkopierbaren Guru anspruchsvoller Eleganz feiern.

Hauptdarsteller Pierre Niney verkörpert Yves Saint Laurent dabei mit genau der nervösen Rätselhaftigkeit, die vom Designer in Erinnerung geblieben ist. Es ist eine beeindruckende Vorstellung, die aber auch das Problem zusammenfasst: Saint Laurent bleibt ein Rätsel, und es wird kaum versucht, dem Unergründlichen näher zu kommen. Irgendwann werden nur noch Lebensstationen abgehakt (der Wechsel von Haute Couture zu Prêt-à-porter, ausgedehnte Reisen nach Marokko, Drogenabstürze in New York, die Affäre mit dem Geliebten von Karl Lagerfeld), und das immer aus Bergés Sicht, der zu dem Zeitpunkt selbst aufgegeben hat, seinen Partner zu verstehen. Stattdessen erzählt er lieber von sich selbst und seiner Großmütigkeit, seiner unendlichen Geduld und seinem Geschäftssinn. Nicht gerade die spannendsten aller Themen.

Ein Grund könnte sein, dass der echte Pierre Bergé den Film ausdrücklich autorisiert hat, obwohl er behauptet, inhaltlich nicht beteiligt gewesen zu sein. Mit Bertrand Bonellos Saint-Laurent-Film im Mai wird er dagegen tatsächlich nichts zu tun haben.

Das lässt hoffen.


Yves Saint Laurent. Start: 17.4. Regie: Jalil Jespert. Mit Pierre Niney, Guillaume Gallienne.



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