Kino-Multitalent Zach Braff "Ich bin süchtig nach Crowdfunding"

Mit "Wish I Was Here" hat Zach Braff wieder einen autobiografisch angehauchten Film über zaghafte Männer gemacht. Im Interview erklärt er, warum er nicht anders kann, als persönlich zu erzählen - und weshalb er kein Alphamännchen ist.

Wild Bunch

SPIEGEL ONLINE: Herr Braff, der Held Ihres neuen Films "Wish I Was Here" benimmt sich nicht gerade heldenhaft: Er ist egoistisch, lässt seine Frau die ganze Arbeit machen, kriegt sein Leben nicht hin. Hatten Sie nicht Angst, dass es ein unsympathischer Protagonist bei den Zuschauern schwer haben könnte?

Braff: Ich wollte eine Figur, die echt ist, die tatsächlich ein bisschen unsympathisch rüberkommt. Das Publikum sollte am Anfang auf ihn herabblicken, weil er faul und ein Narziss ist und keine Verantwortung übernimmt. Dadurch wird der Spannungsbogen interessanter: Man kann zusehen, wie er sich entwickelt. Natürlich habe ich versucht, die Balance zu wahren. Aber ich habe das Gefühl, er hat genug liebenswerte Eigenschaften mitbekommen. Als Independent-Filmemacher genieße ich außerdem den Luxus, überhaupt einen so unsympathischen Protagonisten in meinem Film zeigen zu dürfen.

SPIEGEL ONLINE: Kann man sich mit den Problemen der Figur identifizieren?

Braff: Ja, denn ich glaube, im Leben der meisten Menschen gibt es genau solche Situationen, wie Aidan sie erlebt; in denen man sich verloren fühlt, merkt, dass man auf dem falschen Weg ist und sich verändern will.

SPIEGEL ONLINE: Wieso braucht er so lange, um zu bemerken, dass sich etwas ändern muss?

Braff: Zunächst ist er einfach schlecht in seinem Beruf, hat das aber nicht richtig realisiert. Für diese Selbsterkenntnis müssen erst die richtigen Katalysatoren dazukommen, wie die Krankheit seines Vaters. Es gibt wirklich sehr viele Schauspieler in Hollywood, die - genau wie er - eigentlich nie richtig Erfolg hatten, sich von Shampoo-Werbespot zu Nebenrolle hangeln und ihr Scheitern dennoch lange nicht erkennen wollen oder können.

SPIEGEL ONLINE: "Wish I Was Here" thematisiert auch Aidans schwieriges Verhältnis zu seinem Bruder - Sie haben diesen Film zusammen mit Ihrem Bruder geschrieben. Es scheinen also - genau wie bei ihrem vorherigen Film "Garden State" - persönliche Erfahrungen drin zu stecken...

Braff: Auf jeden Fall. Das Drehbuch basiert auf unser beider Leben. In "Garden State" habe ich davon erzählt, wie ich früher war, im neuen Film habe ich in einer fiktionalisierten Form meinen Bruder dazugenommen. Ich glaube, dass man nur gut von Dingen erzählen kann, die man erlebt hat, darum bleibe ich bei mir.

SPIEGEL ONLINE: Und mit der Preisgabe von so viel Persönlichem haben Sie kein Problem?

Braff: Doch, es macht einen ziemlich verwundbar, aber genau das sollte Kunst ja auch sein: Man sollte als Künstler tiefe Einblicke zulassen. Ich will das aber ganz bestimmt nicht immer so weitermachen, mein dritter Film wird definitiv anders.

SPIEGEL ONLINE: Die Frau ihres Protagonisten ist sein Gegenstück, bodenständig, patent, pragmatisch.

Braff: Ich glaube tatsächlich, dass sich die Geschlechterrollen stark verändert haben, meine beiden Brüder haben zum Beispiel Ehefrauen, die mehr verdienen als sie selbst. Diese ganzen Fragen, was Männlichkeit ist, welche Aufgaben der Mann in einer Familie hat - das wollte ich zumindest ein bisschen mitklingen lassen.

SPIEGEL ONLINE: Denken Sie in Ihrem täglichen Leben ebenfalls über Genderrollen nach?

Braff: Ja, das tue ich. Und ich merke, dass ich kaum Alphamännchen-Eigenschaften hab. Immerhin mag ich Motorräder und deutsche Sportwagen.

SPIEGEL ONLINE: Der Humor in ihrem Film basiert oft nicht auf sprachlichen Pointen, sondern auf absurden Situationen, wie das Kontaktlinsen-Aquarium...

Braff: Immer wenn ich meine Tageslinsen in der Toilette herunterspülte, musste ich daran denken, dass ich schließlich mein ganzes Leben durch sie gesehen habe, und dass ich sie - gemeinsam mit den Erinnerungen - eigentlich gern in einem Aquarium aufbewahren würde.

SPIEGEL ONLINE: Aidans Verhältnis zum Judentum ist ambivalent: Die jüdische Privatschule nimmt er nur in Kauf, weil die öffentlichen Schulen ihm zu gefährlich sind. Ist das Ihre Art, kirchliche Schulbildung zu kritisieren?

Braff: So weit würde ich nicht gehen. In Filmen von Staatsreligionen zu reden, ist definitiv schwierig. Ich wollte aber unbedingt eine ehrliche Diskussion darüber, ich wollte von Menschen wie uns erzählen. Die strikt religiös, in diesem Fall jüdisch erzogen worden sind, aber keine besondere Beziehung dazu entwickelt haben. Ich habe das Gefühl, dass diese Menschen zwar säkular sind, aber dennoch nach Spiritualität suchen. Für unsere Eltern war das alles noch viel einfacher: Die haben einfach geglaubt und nicht hinterfragt.

SPIEGEL ONLINE: Sie hatten die Produktionskosten für Ihren Film durch Crowdfunding innerhalb von 48 Stunden in der Tasche. Was glauben sie, was die Leute überzeugt hat?

Braff: Keine Ahnung! Vielleicht die T-Shirts? Mir hatten alle gesagt, dass es garantiert nicht klappt. Ich glaube aber an Crowdfunding, ich selber finanziere auch jede Menge Sachen. Ich habe schon ein neues Fahrradlicht gesponsert, sehr schicke Laser-Cut-Visitenkarten aus Holz, eine Dokumentation über Videospiele. Ich bin wahrscheinlich ein bisschen süchtig. Es ist wie ein Glücksspiel mit gutem Karma: Ich mag dich, hier sind zehn Dollar. Und ein Jahr später liegen hölzerne Visitenkarten oder ein T-Shirt mit einem Filmtitel drauf im Briefkasten, und man hat jemandem geholfen, seinen Traum wahr werden zu lassen. Das ist doch wundervoll.

SPIEGEL ONLINE: Ausgerechnet wegen T-Shirts und anderen Gimmicks haben sich die Unterstützer Ihres Films aber lauthals im Netz beschwert - die Prämien seien nicht pünktlich geliefert worden.

Braff: Wir haben uns wirklich Mühe gegeben! Es war eine Riesenmenge Arbeit, das haben wir bestimmt anfangs unterschätzt, wir reden hier immer noch von einem Independent-Film. Der Unterschied zu einer normal finanzierten Produktion ist vielleicht nicht allen sofort klar. Auch wenn ich mit tollen, bekannten Leuten gearbeitet habe: Die übliche Hollywood-Maschinerie greift hier nicht.

Das Interview führte Jenni Zylka

Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Noctim 08.10.2014
1. -
So sehr ich Zach Braff in Scrubs mochte, ich habe noch keinen Zugang zu seinen privaten Werken. Garden State war mir deutlich zu "konstruiert", wirkte irgendwie nicht recht authentisch, bzw. hat zu krampfhaft versucht, nach Art-House auszusehen. ZB hatte schon in früheren Interviews durchblicken lassen, dass er Comedy eigentlich nie angestrebt hatte und nur durch Umstände zu seiner Lebensrolle (John Dorian) kam. Ich freue mich, wenn er auf seine treue Fanbase setzen kann. Ein derartiges Projekt ist für jeden Kreativen ein Traum.
lufkin 08.10.2014
2. Risikominimierung
Ich finde, es ist nicht Sinn der Sache wenn Leute Crowdfundig nur nutzten nur um das eigene Risiko zu minimieren. Zack Braff könnte seine Independent Projekte völlig problemlos aus eigener Tasche finanzieren. Allein mit Scrubs hat der zig Millionen verdient (ab Staffel 7 350.000 USD pro Folge) und hätte dann auch alle künstlerischen Freiheiten. Durch Crowdfundig wird lediglich das finanzielle Risiko auf die Unterstützer umgelegt, die aber hinterher am Erfolg natürlich nicht beteiligt werden... gibt nur n billiges Shirt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.