Superman-Action "Man of Steel": Triebstau im Strampler

Von David Kleingers

Warner Bros.

Stripper auf Sinnsuche? Jesus nach dem Hanteltraining? An der US-Kasse sorgt die Superman-Neuverfilmung "Man of Steel" für spektakuläre Einspielergebnisse. Doch dem Film fehlt Herz - er ist eine kalte Demonstration von Stärke.

Ist es ein Vogel? Ein Flugzeug? Muss man das wirklich noch fragen? Es ist natürlich Kal-El, das Findelkind vom Planeten Krypton, aufgewachsen als Clark Kent in Smallville, Kansas, USA. Seit bald achtzig Jahren kennt ihn alle Welt einfach als Superman, doch jetzt wird der ewig junge Grandseigneur des "Golden Age of Comics" zum wiederholten Male neu erfunden.

"Man of Steel" heißt der über 200 Millionen Dollar teure Reboot, mit dem Warner die Ikone des mittlerweile konzerneigenen DC-Verlags in ein lukratives Film-Franchise überführen will. Der Titel lässt die Blaupause bereits erahnen: Ganz so wie bei Batman, der zuletzt im Kino erfolgreich als "Dark Knight" firmierte, möchte man nun Supermans Image umdeuten.

Mann aus Stahl, das klingt weniger nach phantastischer Eskapade, sondern suggeriert vielmehr grimmige Entschlossenheit. Dafür bürgen sollen Produzent Christopher Nolan und Drehbuchautor David S. Goyer, die in profunder Düsternis geschulten Batman-Interpreten, sowie Regisseur Zack Snyder, ebenfalls bekannt für Comic-Adaptionen ("300", "Watchmen") und seinen Hang zur martialischen Inszenierung.

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Superman-Adaption: Ohne Herz und Seele

Über fast zweieinhalb Stunden dürfen sie ihre Version der vertrauten Ursprungsgeschichte ausbreiten, und suchen dabei von Beginn an Distanz zu früheren Verfilmungen. Verschwunden sind etwa die fliegenden Credits und die euphorische Titelmusik von John Williams, ebenfalls mussten klassische Comic-Primärfarben einem monochromen, metallenen Look weichen.

Nun wäre dagegen nichts Grundsätzliches einzuwenden, gehört die zyklische Neuinterpretation doch zum Wesen eines jeden Comic-Helden. Auch Superman hat in den vergangenen Jahrzehnten etliche Inkarnationen durchlebt, war in einem Paralleluniversum gar Kommunist ("Red Son") oder galt zwischenzeitlich als tragisch verstorben ("The Death of Superman"). Weder Innovations- noch Stilwille sind hier also das Problem, sondern die Akzentsetzung und was bei der Abkehr vom Vorhergewesenen zurückgelassen wird. Dazu gehören diesmal leider Herz, Seele und Charme einer vermeintlich unzerstörbaren Figur.

Die Kette der dramaturgischen und ästhetischen Fehlentscheidungen beginnt, wie das Leben des Protagonisten, auf Krypton. Viel zu lange verweilt der Film auf dem dem Untergang geweihten Planeten, um den ideologischen Disput zwischen Supermans Vater Jor-El (Russell Crowe) und dem putschenden General Zod (Michael Shannon) zu schildern.

Wie hätten Sie es denn gerne mit der Fortpflanzung?

Man streitet über den richtigen Weg der Fortpflanzung für Kryptons Bewohner - Jor-El sieht seinen natürlich gezeugten Sohn als Heilsbringer, Zod hingegen favorisiert die hergebrachte, sterile Züchtung von Nachkommen. Bald geht der Laden vor lauter Triebstau in die Luft. Nächstes Ziel: Erde.

Dort angelangt, wird das Werden des gestrandeten Sternenkinds Kal-El in Form von Rückblenden geschildert, ein äußerst holpriger Erzählrhythmus. Verloren wirkt Hauptdarsteller Henry Cavill, der sich redlich müht, das Kostüm mit dem S-Emblem glaubwürdig auszufüllen, aber gerade in der ersten Hälfte des Films wie ein schlecht rasierter Chippendale-Stripper auf Sinnsuche wirkt.

Der Verzicht auf die lineare Schöpfungsgeschichte lässt zudem die wichtige emotionale Beziehung des erwachsenen Clark Kent zu seinen menschlichen Zieheltern nur erahnen. Dabei geben Kevin Costner und insbesondere Diane Lane trotz sträflicher Unterforderung ein wunderbar geerdetes Farmerehepaar. Wie überhaupt alle menschlichen Figuren und Schauplätze am offenkundigen Desinteresse der Regie leiden, allen voran Lois Lane. Die sonst oft herausragende Amy Adams kann der selbstbewussten Reporterin mangels Spielraum keine Statur verleihen.

Metropolis in Flammen - na und?

An Konturen mangelt es denn auch dem lieblos hingeworfenen Stadtbild von Metropolis, dessen aufwändig zelebrierte Zerstörung vom Zuschauer entsprechend teilnahmslos hingenommen wird. Für diese unvermeidliche Materialschlacht kommen der aus der Phantom Zone befreite Zod und sein Gefolge zur Erde, die alles Irdische aus unserem Planeten wringen wollen, um auf den Gebeinen der Menschheit ein neues Krypton zu errichten.

Der lange Showdown des 3-D-Spektakels illustriert noch mal dessen Ignoranz gegenüber der Herzensbildung des Helden. Sicher, es gibt etliche Lippenbekenntnisse zu Supermans schicksalhafter Identifikation mit den Erdenbewohnern, doch viel lieber lässt der Film den impotenten Krypton-Faschisten Zod seine Kriegsrhetorik abspulen.

Damit ist "Man of Steel" Lichtjahre entfernt von der optimistischen Immigrationsgeschichte, welche die Superman-Schöpfer Jerry Siegel und Joe Shuster einst für die großstädtische Moderne erdachten. Sie war Leitmotiv für Richard Donners "Superman" (1978), der nebenbei genau wusste, dass die tollste Verkleidung Clark Kents biedere Anzüge und sein Brillengestell sind. Und Bryan Singers unterbewerteter "Superman Returns" (2006) betrieb später nicht nur konsequente Denkmalpflege an Donners Film, sondern war eine Verbeugung vor einem Einwanderer aus dem All, der sich nichts so sehr wünscht, wie Teil dieser Welt zu sein. Singers Superman war offenherzig und verletzlich. Snyders stählerner Gegenentwurf aber bleibt eine kalte Demonstration der Stärke.

Er sorgt an den US-Kassen für spektakulären Umsatz, doch fehlt es ihm schlicht an Schmalz im besten Sinne. Nicht solchen, den es braucht, um Supermans Stirnlocke zu bändigen. Sondern jenen anderen, sentimentalen Wunderstoff, der hoffentlich noch Generationen nach diesem kleinmütigen Film an einer großartigen Figur hängen lässt.

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insgesamt 64 Beiträge
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1.
EvilGenius 17.06.2013
Superman: keine Schwächen (außer so ein blöder Stein) = langweilig
2. optional
averell 17.06.2013
Wie immer wenn David Kleingers einen Film niederschreibt bin ich mir sicher, dass er absolut super wird. Freue mich auf Dienstag Abend wenn ich ihn mir anschauen werde.
3.
meging 17.06.2013
Zitat von EvilGeniusSuperman: keine Schwächen (außer so ein blöder Stein) = langweilig
Sehe ich ähnlich. Daher freue ich mich auf den neuen Wolverine, der davon handelt, dass Unsterblichkeit ein Fluch ist und wie er versucht, sterblich zu werden.
4.
sverris 17.06.2013
Klingt mir wie ein Beweis für einen weit verbreiteten Minderwertigkeitskomplex.
5. Sie sprechen mir aus der Seele...
blue 17.06.2013
Ich habe mich auf den Film, gerade wegen dem Duo Snyder/Nolan wirklich gefreut und war hinterher sehr enttauscht- reine Zeitverschwendung der Film. Nicht ein Charakter ist glaubhaft aufgebaut...Russel Crow springt staendig durchs Bild- wahrscheinlich, um das hohe Budget fuer ihn zu rechtfertigen - und wenn Zod auf das Raumschiff mit Ms. Lane an Board schiesst, ist man ihm beinahe dankbar dafuer. Wirklich schade, sogar von Hans Zimmer ist man bessere musikalische Untermalung gewoehnt.
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Man of Steel

USA 2013

Regie: Zack Snyder

Buch: David S. Goyer

Mit: Henry Cavill, Amy Adams, Russell Crowe, Kevin Costner, Diane Lane, Michael Shannon, Laurence Fishburne

Produktion: Syncopy

Verleih: Warner Bros.

Länge: 143 Minuten

FSK: ab 12 Jahren

Start: 20. Juni 2013