Kino-Meisterwerk "Zama" Verloren im eigenen Reich

In "Zama" zerpflückt die Argentinierin Lucrecia Martel den europäischen Kolonialismus mit verblüffendem Witz und brillanter Unnachgiebigkeit. Ein Film der Woche, der seinesgleichen sucht.

Grandfilm

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Die Perücke will einfach nicht sitzen. Immer wieder zupft Don Diego de Zama, Offizier der spanischen Krone, postiert am Rande der Kolonie Argentinien, an dem prächtigen silbernen Schopf herum. Doch es gibt einfach keine Position, in der sein eigenes schütteres braunes Haar nicht unter der Perücke hervorguckt. Schlimmer noch: Mit der Zeit dünnt sich Zamas Scheitel aus und legt einen breiten Streifen in der Mitte des Schädels frei, wodurch er auch noch den Indigenen und ihren rituellen Frisuren zu ähneln beginnt. Statt sie sich untertan zu machen, gleicht er sich ihnen unfreiwillig an.

Es gibt sicherlich tragischere Aspekte am europäischen Kolonialismus in Südamerika als die schlecht sitzende Perücke eines kleineren Angestellten. Gleichzeitig ist der Witz, den sich Regisseurin Lucrecia Martel mit Zamas Perücke erlaubt, kein läppischer. Denn dass die Argentinierin Martel in ihrem vierten Spielfilm "Zama" ein so lächerliches Detail fokussiert und überhaupt: eine Hauptfigur wählt, der jede heroische Fallhöhe abgeht, ist eminent politisch.

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"Zama": Beschmutzt und beschämt

Statt sich an den legendären "Eroberern" und ihren genozidalen Verbrechen abzuarbeiten, verwehrt ihnen Martel vielmehr den Zutritt zu ihrem Film. Radikaler, erfinderischer und vor allem lustiger hat sich das Kino selten gegenüber der Geschichte behauptet.

Auftritt: Lama

Denn die Perücke ist nicht das einzige Detail, das Martel so beiläufig ausdrucksstark in Szene setzt. Der Auftritt eines Lamas, das sich just in dem Moment zu Zama gesellt, als der bei seinem Vorgesetzten, dem Gouverneur, vorstellig wird, ist noch so eins. Oder die mechanische Fächermaschine, mit der sich der Gouverneur von einem Einheimischen Luft zufächern lässt. Bei jeder Bewegung gibt diese ein deutlich vernehmbares Quietschen von sich laut, sodass koloniale Ausbeutungsverhältnisse zu einem Störgeräusch werden, das einfach nicht weggeht.

So etwas wie eine Geschichte hat "Zama", basierend auf dem gleichnamigen Roman von Antonio Di Benedetto, auch: Da er kürzlich Vater geworden ist, möchte sich Zama (Daniel Giménez Cacho) in die nächstgrößere Stadt versetzen lassen. Dazu braucht er einen Unterstützungsbrief des Gouverneurs (Daniel Veronese), den er dem König vorlegen kann.


"Zama"
Argentinien/Brasilien/Spanien et al. 2017
Regie:
Lucrecia Martel
Buch: Lucrecia Martel nach dem Roman von Antonio Di Benedetto
Darsteller: Daniel Giménez Cacho, Lola Dueñas, Daniel Veronese, Matheus Nachtergaele
Produktion: Bananeira Filmes, CNC, Canana Films et al.
Verleih: Grandfilm
FSK: ab 12 Jahren
Länge: 115 Minuten
Kinostart: 12. Juli 2018


Doch der Gouverneur hat es alles andere als eilig mit dem Brief, womöglich arbeitet er sogar aktiv gegen Zama an. Denn was auch immer der für seine Versetzung zu tun versucht: Stets ist ihm jemand anderes zuvor gekommen, hat eine Weiche verstellt oder eine falsche Fährte ausgelegt. Der Zama dann treu-dumm folgt.

Kafkaesk müsste man das, was Zama passiert, wohl nennen - wenn es ihm denn äußerlich anzusehen wäre. Doch Zama ist Teil des Systems, das ihn gerade mit Haut und schütterem braunen Haar zu verschlingen droht. Sein herrschaftliches Gebaren, seine begehrlichen Blicke auf die einheimischen Frauen: Don Diego ist in den Widersprüchen des Kolonialismus verfangen und zwar so heillos, wie es zuletzt vielleicht Grace in Lars von Triers Rassismus-Farce "Manderlay" war.

Womöglich den Verstand verlieren

Dazu hat Martel mit ihrem Kameramann Rui Poças und ihrer Ausstatterin Renata Pinheiro eine trügerische Bilderwelt geschaffen, in der man wie Zama erst die Orientierung, dann womöglich den Verstand verlieren kann. Totalen von weiten Sumpflandschaften, die flach wie bemalte Leinwände wirken, wechseln sich mit extremen Close-Ups von rot bemalten Leibern und Gesichtern ab. Vollziehen hier Indigene ein Ritual oder ist es der Film selbst, der mysteriöse Handreichungen zu einem nur ihm bekannten Zweck vornimmt?

Was auch immer es ist: Hauptdarsteller Daniel Giménez Cacho steht dafür bereit. "Furchtlos" ist ein Wort, das meist bei Schauspielerinnen verwendet wird und deren Umgang mit Nacktheit und/oder körperlichen Imperfektionen belobigen soll. Giménez Cachos Furchtlosigkeit geht weiter, er gibt seinen Zama mit einer Bedingungslosigkeit der Demontage preis, die bei Schauspielern - zumal unter weiblicher Regie - einmalig ist.

Zama, das ist am Ende nicht der Name eines Titelhelden, sondern nur noch ein Wort, klanglos, bedeutungslos, ganz für sich allein stehend. Fast könnte man mit ihm Mitleid bekommen.

Im Video: Der Trailer zu "Zama"

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