Zehn Jahre "Lola rennt" "Auf das Triebhafte bin ich sehr stolz"

Kampf gegen Kinomuff: Vor genau zehn Jahren hat Tom Tykwer mit "Lola rennt" den deutschen Film umgekrempelt. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht der Regisseur über die Geisterstadt Berlin, universale Themen im deutschen Provinzkino - und die Raucherlunge von Franka Potente.


SPIEGEL ONLINE: Am 20. August 1998 kam "Lola rennt" als die experimentelle Low-Budget-Produktion eines hoffnungsvollen Nachwuchsregisseurs mit weitgehend unbekannter Hauptdarstellerin ins Kino. Was machte den Film zum internationalen Hit?

Tykwer: Das ist immer schwer zu sagen. Doch sein Geheimnis besteht, glaube ich, darin, dass er trotz all seiner ganzen Konzeptlastigkeit eine menschlich unglaublich überzeugende Figur in seiner Mitte hat. Ich wusste, dass ich dem Film Energie und Dynamik geben könnte, dass er aber in seinem Kern leer bleiben würde ohne die Aura der Hauptdarstellerin. Franka Potente zu finden, war ein großer Glücksfall für mich und den Film. Sie war wirklich keine naheliegende Besetzung, denn sie war überhaupt keine Sportskanone, rauchte ziemlich viel, wirkte aber vielleicht gerade deshalb so entschlossen und willensstark.

SPIEGEL ONLINE: "Lola rennt" war auch für Sie selbst der schnellste Film Ihrer Karriere: Sie haben ihn in nur einem Jahr geschrieben und gedreht. War er das aus dem Ärmel geschüttelte Meisterwerk?

Tykwer: Das Arbeitstempo und die Energieleistung, mit der wir "Lola rennt" in Angriff genommen und umgesetzt haben, hat sich gewiss auf den Film übertragen. Von der ersten Idee bis zum ersten Drehtag sind nur neun Monate vergangen. Doch diesem Projekt wäre es ganz sicher nicht gut bekommen, wenn man das Drehbuch immer wieder überarbeitet hätte. Denn schließlich ist "Lola rennt" ein auf Film gebannter Geistesblitz. Natürlich gab es Zweifel: Ist das nicht eher eine Kurzfilm-Idee? Ist das wirklich ein Film und nicht bloß ein großer Spaß? Doch weil wir alle auf diesem rasanten Ritt waren, haben wir die Zweifel nicht an uns herangelassen. Wir wollten einen Experimentalfilm für ein Massenpublikum drehen.

SPIEGEL ONLINE: Wurden Sie von dem enormen Erfolg dann nicht doch fast überrollt? Sie wären wohl schon mit 200.000 Zuschauern glücklich gewesen, am Ende waren es allein in Deutschland mehr als zehnmal so viel.

Tykwer: Ja, aber wir spürten schon bei der Fertigstellung, dass der Film möglicherweise genau zur rechten Zeit kommt: Er gab einer Energie Ausdruck, nach der es offenbar ein großes Bedürfnis gab. So etwas hat man nicht in der Hand. Das Publikum wählt einen Film als Kulturereignis aus. Und plötzlich reitet man auf einer Welle und weiß gar nicht, wie einem geschieht. Bei "Lola rennt" gelang uns irgendwann alles. Ein Clip mit Ausschnitten aus dem Film lief zigmal am Tag auf MTV. Das war die stärkste Medienkampagne, die wir haben konnten. Schon bevor der Film ins Kino kam, war "Lola rennt" ein Begriff. Aber mit dem weltweiten Erfolg haben wir nicht im Traum gerechnet. Doch unserer Firma X-Filme kam er sehr gelegen, denn wir hatten einige unbezahlte Rechnungen.

SPIEGEL ONLINE: War der Film auch für Sie selbst ein Befreiungsschlag?

Tykwer: Für mich bedeutete "Lola rennt" einen großen Schritt. Ich habe gelernt, dass ein Film eine Ungebremstheit des Ausdrucks braucht, um eine Spur zu hinterlassen. Dass er nachdenklich und triebhaft zugleich sein sollte. Ich war damals von Chaos-Theorien fasziniert, habe sie aber nicht wirklich reflektiert, sondern irgendwie in den Film reingeprügelt. Auf dieses Triebhafte bin ich sehr stolz. Das hat nichts mit Schnelligkeit oder mit Exzess zu tun. Eher damit, auf die eigenen Instinkte zu vertrauen – auch gegen alle Regeln und wider besseres Wissen.

SPIEGEL ONLINE: War das Berlin der späten neunziger Jahre mit seinem fieberhaften Bauboom der ideale Schauplatz für den ungemein dynamischen Kraftakt der rennenden Lola?

Tykwer: Im Rückblick auf jeden Fall, aber damals konnten wir nicht ahnen, welche Symbiose die Stadt, die Hauptfigur und die Handlung in dem Film eingehen würden. Berlin war in starkem Aufruhr und gleichzeitig eine Geisterstadt. Es gab zahllose Baustellen, die kurz davor waren, fertiggestellt zu werden, aber noch gar nicht belebt waren. Lola läuft in dem Film ja letztlich gegen den Tod an, und sie tut es in einer Stadt, die an vielen Stellen gerade ins Leben tritt. "Lola rennt" handelt von permanenter Reanimation: der einer Figur und der einer Stadt.

SPIEGEL ONLINE: "Lola rennt" hat einen starken lokalen Bezug, aber ein universales Thema: den Zufall und seinen Einfluss auf unser Leben. Hat gerade diese Mischung den Film auch außerhalb Deutschlands zu einem Erfolg werden lassen?

Tykwer: Auf jeden Fall. Wir mögen ja vor allem Filme, die uns den ganz spezifischen Geschmack der Kultur vermitteln, aus der sie stammen, und zugleich eine universale Magie besitzen. Man muss nur an Pedro Almódovar denken. Seine Filme könnten kaum spanischer sein, und doch geben sie uns das Gefühl, von uns zur erzählen. Bei "Lola rennt" war es wohl ähnlich.

SPIEGEL ONLINE: Gab "Lola rennt" dem deutschen Kino die Richtung vor? Seither sind einheimische Produktionen wie "Good Bye, Lenin", "Der Untergang" oder "Das Leben der Anderen" international überaus erfolgreich.

Tykwer: Und sie erzählen deutsche Geschichten! Doch "Das Leben der Anderen" hat den Zuschauern nicht nur gezeigt, wie es im Ost-Berlin der achtziger Jahre zuging, sondern auch viel über Liebe, Vertrauen, Verrat und das Verhältnis des Einzelnen zum Staat erzählt. Wir machen in Deutschland inzwischen universales Provinzkino oder provinzielles Universalkino, und das ist genau richtig!

SPIEGEL ONLINE: Nach dem Erfolg von "Lola rennt" bekamen Sie viele Angebote aus Hollywood, lehnten aber alle ab und drehten Ihren nächsten Film "Der Krieger und die Kaiserin" in Wuppertal. Warum haben Sie dem Werben widerstanden?

Tykwer: Ich habe nicht absichtlich Widerstand geleistet. Doch ich kann nur Projekte in Angriff nehmen, für die ich brenne. Jeder Film kostet mich schließlich zwei bis vier Jahre meines Lebens. Deshalb muss er für mich existenziell relevant sein – zumindest muss ich das Gefühl haben, dass er es ist. Die Angebote aus Hollywood waren verlockend, aber nicht hundertprozentig überzeugend.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben damals gesagt: "Ich drehe meinen Hollywood-Film schon noch, aber zu meinen Konditionen." Nun ist Hollywood zu Ihnen gekommen: Den amerikanischen Thriller "The International", in dem Clive Owen und Naomi Watts die Hauptrollen spielen, haben Sie weitgehend in Berlin gedreht.

Tykwer: Ja, und darauf bin ich sehr stolz. Ich musste keine Kompromisse machen, konnte meinen Kameramann Frank Griebe, meinen Produktionsdesigner Uli Hanisch, meine Cutterin Mathilde Bonnefoy und andere meiner langjährigen Mitarbeiter verpflichten. Ich muss in meiner kreativen Familie bleiben, sonst bin ich unbrauchbar. Ja, es ist ein Hollywood-Film, aber in erster Linie kommt das Geld aus Hollywood. Für mich schließt sich ein Kreis. "Lola rennt" zeigt Berlin als ein offenes System, ein faszinierendes Versprechen. Das Berlin in "The International" dagegen ist eine bedrohliche Landschaft von geometrischer Enge. Aus den Baustellen, die wir für "Lola rennt" gefilmt haben, ist eine neue Stadt geworden.

Das Interview führte Lars-Olav Beier



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