Zensur in Iran: Filme sind keine Verbrechen!

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In der Berlinale-Jury bleibt ein Platz leer: Der iranische Regisseur Jafar Panahi fehlt. Er ist, gemeinsam mit seinem Kollegen Mohammed Rasoulof, ins Visier des Regimes geraten - und zu Haft, Berufsverbot und Schweigen verurteilt worden. SPIEGEL ONLINE unterstützt eine Petition gegen diese Urteile.

Fotostrecke: Solidarität mit iranischen Regisseuren Fotos
REUTERS

Berlin - Tausende auf der Straße, die für ein besseres Leben demonstrieren, gegen die Unterdrückung und für die Freiheit - die Welt schaut in diesen Tagen nach Ägypten, wo die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz ausharren wollen, bis das verhasste Regime abgetreten ist. Die Bilder erinnern an jene aus Teheran im Sommer 2009: Vor anderthalb Jahren formierte sich in Iran eine breite Demokratiebewegung, auch hier forderten die Menschen Reformen und den Rücktritt eines Präsidenten, der sich nur durch Wahlbetrug an der Macht halten konnte. Was ist aus dem Protest in Iran geworden?

Demonstriert gegen den gestohlenen Wahlsieg des Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad hat auch der Regisseur Jafar Panahi, 50, einer der renommiertesten Filmemacher seines Landes. Sein Thema ist die soziale Situation in Iran, und die ist ganz anders, als sie das Mullah-Regime der Welt zeigen möchte: hohe Arbeitslosigkeit, Unterdrückung von Frauen, Alkohol- und Drogenprobleme sind weit verbreitet. Panahis Filme "Der weiße Ballon" (1995), "Der Spiegel" (1997), "Der Kreis" (2000), "Crimson Gold" (2003) und "Offside" (2006) sind auf den großen Filmfestivals der Welt ausgezeichnet worden - doch der iranischen Regierung ist der kritische Künstler unbequem.

Ein unfertiger Film soll ein Komplott gegen die nationale Sicherheit sein

Bei der Gedenkfeier für die ermordete Studentin Neda Agha-Soltan am 30. Juli 2009 ist er zum ersten Mal verhaftet worden, kam jedoch zunächst wieder auf freien Fuß. Im Frühjahr 2010 arbeitete Panahi gemeinsam mit seinem Freund und Kollegen Mohammed Rasoulof in Panahis Wohnung an einem neuen Film - insgeheim und ohne Genehmigung der Behörden. Doch das Regime erfuhr davon. Am 1. März wurden beide verhaftet. Man wirft ihnen vor, an einem Komplott gegen die nationale Sicherheit beteiligt gewesen zu sein und das Volk zu Protesten gegen die Regierung aufgestachelt zu haben.

Das Revolutionsgericht in Teheran verurteilte die beiden Filmemacher im vergangenen Dezember zu sechs Jahren Haft. Zudem wurde es ihnen für einen Zeitraum von 20 Jahren verboten, Filme zu drehen, Drehbücher zu schreiben, ausländischen Medien Interviews zu geben oder auszureisen. Panahi hat Berufung eingelegt. Noch ist das Urteil nicht rechtskräftig, noch darf sich Panahi in Teheran frei bewegen.

Die Berlinale zeigt die Filme des abwesenden Jury-Mitglieds

Die Empörung über die harte Strafe ist groß: Berlinale-Chef Dieter Kosslick äußerte sich erschüttert. Auch die Deutsche Filmakademie protestierte gegen die Verurteilung Panahis. Und der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Markus Löning (FDP), nannte die Bestrafung "empörend" und "schlicht inakzeptabel". Die Berlinale, deren Jury Panahi in diesem Jahr angehören sollte, wird seinen Platz frei halten. Die Jury-Vorsitzende Isabella Rosselini verlas bei der Eröffnungsgala einen offenen Brief Panahis. Er spricht darin über sein Berufsverbot - und dass ihn das Regime nicht davon abhalten könne "zu träumen, dass in 20 Jahren die Verfolgung und die Einschüchterung durch Freiheit und freies Denken ersetzt sein wird. (...) In meinen Träumen schreie ich nach einer Zeit, in der wir uns gegenseitig tolerieren und unsere jeweiligen Meinungen respektieren, in der wir füreinander leben können." Das Festival zeigt heute seinen populärsten Film "Offside" als Sondervorführung im Berlinale-Palast, auch weitere seiner Filme stehen auf dem Programm der Berlinale.

Der in Paris lebende iranische Regisseur Rafi Pitts ruft Filmschaffende in aller Welt dazu auf, aus Solidarität mit Panahi und Rassoulof für zwei Stunden die Arbeit ruhen zu lassen. SPIEGEL ONLINE unterstützt eine von der "taz" initiierte Petition zur Aufhebung der Urteile gegen Panahi und Rasoulof. Die gesammelten Unterschriften sollen dem iranischen Botschafter in Berlin übergeben werden.

Das Regime verstärkt den Druck auf seine Kritiker

Dabei steht die Ablehnung der Repression gegen die beiden Regisseure stellvertretend für den Protest gegen die fortgesetzte Unterdrückung der gesamten Demokratiebewegung in Iran. Der in Berlin lebende iranische Exil-Oppositionelle Mehran Barati berichtet SPIEGEL ONLINE von wieder zunehmender Härte des Regimes gegen dessen Kritiker. Nach einer Phase der relativen Ruhe seien in den letzten Wochen zahlreiche Teilnehmer der Demonstrationen einbestellt und verhört worden. Seinen Informationen zufolge soll in den vergangenen vier Wochen die Zahl der Exekutionen massiv zugenommen haben - viele davon, weil die Delinquenten gegen das Regime eingestellt waren.

Barati stellt fest, dass wieder zunehmend junge Menschen aus Angst vor Verfolgung ihre Heimat Iran verlassen. Er allein habe in den vergangenen Wochen Dutzende Anfragen von Neuankömmlingen erhalten.

Dieser Freitag ist der 32. Jahrestag der iranischen Revolution, und in Teheran werden auch diesmal wieder die mit Bussen herbei gekarrten Anhänger des Präsidenten zu Tausenden das Mullah-Regime hochleben lassen. Die Demokratiebewegung in Iran gibt sich indes nicht geschlagen: Für Montag haben der ehemalige oppositionelle Präsidentschaftskandidat Hossein Mussawi und der Reform-Geistliche Mahdi Karrubi in Teheran zu einer Solidaritätskundgebung für das ägyptische Volk aufgerufen. Obwohl die Regierung zwar öffentlich - und offenbar in der Hoffnung auf Errichtung eines ägyptischen Gottesstaats nach iranischem Vorbild - die Proteste in Kairo unterstützt, hat sie die Kundgebung untersagt. Wohl zu Recht befürchtet sie, dass sich die Veranstaltung in einen machtvollen Protest gegen Ahmadinedschad und sein Regime wandeln könnte. Karrubi ist bereits unter Hausarrest gestellt worden. Die Regierungskritiker wollen trotzdem auf die Straße gehen. Auch in Washington, Paris, Berlin, Ankara und weiteren Städten sind am Montag Proteste vor den iranischen Botschaften geplant.

"Die Machthaber reagieren empfindlich auf Protest"

Mehran Barati fordert auch von den europäischen Regierungen mehr Unterstützung für die Opposition. Nachdem kürzlich eine iranisch-holländische Staatsbürgerin hingerichtet worden war, hätten lediglich die Niederlande aus Protest ihren Botschafter heimgeholt. "Warum haben das nicht alle EU-Staaten getan?"

Nach außen möge sich die Regierung in Teheran zwar unbeeindruckt von Protesten zeigen, doch Barati ist sich sicher: "Die iranischen Machthaber reagieren darauf sehr empfindlich."

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insgesamt 10 Beiträge
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frubi 11.02.2011
Zitat von sysopIn der Berlinale-Jury bleibt ein Platz leer: Der iranische Regisseur Jafar Panahi fehlt. Er ist, gemeinsam mit seinem Kollegen Mohammed Rasoulof, ins Visier des Regimes geraten - und zu Haft, Berufsverbot und Schweigen verurteilt worden. SPIEGEL ONLINE unterstützt eine Petition gegen diese Urteile. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,744618,00.html
Ein Staat, der bei jeder Gelegenheit mit der jahrhunderten alten Kultur der Perser argumentiert, sollte seine Künstler in Ruhe lassen und nicht unterdrücken. Egal welche Meinung diese Leute durch ihre Kunst transportieren. Ich finde auch, dass die Berlinale ein sehr gutes Zeichen gesetzt hat.
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oberteil 11.02.2011
Zitat von sysopIn der Berlinale-Jury bleibt ein Platz leer: Der iranische Regisseur Jafar Panahi fehlt. Er ist, gemeinsam mit seinem Kollegen Mohammed Rasoulof, ins Visier des Regimes geraten - und zu Haft, Berufsverbot und Schweigen verurteilt worden. SPIEGEL ONLINE unterstützt eine Petition gegen diese Urteile. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,744618,00.html
Ich unterstuetze die auch!!!
3. Unterstützung der Petition - WO ?
gemamundi 11.02.2011
Je größer die Zahl derer,die eine solche Petition unterstützen,desto größer ist auch die positive Chance,das sie das gewünschte bewirkt ! WO BITTE kann man diese Petition unterstützen ? SPIEGEL-ONLINE möge den entscheidenden Finde-Hinweis geben. Oder bin ich nur pc-technisch überfordert...?
4. gegen titelzwang
Arne11 11.02.2011
Zitat von gemamundiJe größer die Zahl derer,die eine solche Petition unterstützen,desto größer ist auch die positive Chance,das sie das gewünschte bewirkt ! WO BITTE kann man diese Petition unterstützen ? SPIEGEL-ONLINE möge den entscheidenden Finde-Hinweis geben. Oder bin ich nur pc-technisch überfordert...?
Ein Link zur Petitionsseite würde m. E. auch in Ordnung sein. Aber wir können ja googlen.
5. Link zur Petition
kuzmany 11.02.2011
Sie gelangen zur Petition, wenn Sie innerhalb des Textes auf das Wort "Petition" klicken. Oder links unten in der Rubrik "Mehr im Internet".
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Fläche: 1.648.195 km²

Bevölkerung: 74,962 Mio.

Hauptstadt: Teheran

Staatsoberhaupt und Religionsführer:
Ajatollah Ali Chamenei

Staats- und Regierungschef:
Hassan Rohani

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Republik Iran
Land
REUTERS
Die Islamische Republik Iran ist mit einer Fläche von rund 1,7 Millionen Quadratkilometern fünfmal so groß wie Deutschland. Das Land besitzt nach Russland die zweitgrößten Erdgasreserven der Welt, beim Erdöl steht Iran auf Platz drei und ist derzeit nach Saudi-Arabien der größte Produzent innerhalb der Opec.
Politik
dpa
Seit der Islamischen Revolution von 1979 haben der Revolutionsführer, aktuell Ajatollah Ali Chamenei (Bild), und der Wächterrat die größte Macht im Staat. Der Wächterrat kontrolliert die Kandidaten für Wahlen. Der Regierungschef ist der gewählte Präsident - seit August 2013 Hassan Rohani.
Leute
Corbis
Iran hat rund 75 Millionen Einwohner. Auf dem Uno-Index menschlicher Entwicklung (HDI) für 179 Staaten belegt Iran Platz 76 (Deutschland ist auf Platz 5). Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 73 Jahren (zum Vergleich: Die Lebenserwartung in Deutschland liegt bei 80 Jahren).
Wirtschaft
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Die Wirtschaftsleistung pro Kopf betrug 2008 laut einer Schätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) rund 5200 Dollar. Begünstigt vom hohen Ölpreis wuchs die Wirtschaft zuletzt um etwa sechs Prozent. Neben der Arbeitslosenquote, die laut inoffiziellen Schätzungen bei etwa 30 Prozent liegt, ist die Inflation eines der größten wirtschaftlichen Probleme. 2008 soll sie bei fast 30 Prozent gelegen haben, für 2009 rechnet der IWF mit 25 Prozent. Im Jahr 2005 machten Teherans Ausgaben für das Militär laut Uno-Statistiken 5,8 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung aus (Deutschland: 1,4 Prozent).
Menschenrechte
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Nach China ist Iran das Land, in dem die meisten Todesurteile vollstreckt werden. Laut Amnesty International wurden 2009 mindestens 388 Menschen hingerichtet, das waren 42 Hinrichtungen mehr als im Vorjahr. Der Uno zufolge saßen 2007 pro 100.000 Einwohner 214 Menschen im Gefängnis (in Deutschland sind es 95). Korruption ist in Iran weit verbreitet. Auf dem weltweiten Index von Transparency International nimmt Iran 2009 bei 180 beobachteten Staaten den 168. Rang ein (Deutschland: 14).
Chronik
Aufstieg von Mohammed Resa
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Im Zweiten Weltkrieg gilt der monarchische Staat Iran als Freund der Achsenmächte. Britische und sowjetische Truppen besetzen daher 1941 das Land. Resa Schah muss abdanken. Die Alliierten inthronisieren seinen Sohn Mohammed Resa . Wegen seiner proamerikanischen Reformpolitik gerät der Schah erstmals 1963 in die Kritik von Ajatollah Ruhollah Chomeini, einem damals hochrangigen religiösen Führer, den die Regierung ein Jahr später in die Türkei abschiebt. Chomeini geht schließlich in den Irak. Dort bleibt er 13 Jahre und entwickelt er das Staatsmodell des islamischen Staates. Mit seiner repressiven Politik und seinem dekadenten Herrschaftsstil bringt der Schah eine wachsende Opposition aus sehr unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Schichten gegen sich auf.
Ajatollah Chomeini und die islamische Revolution
Getty Images
1978 mobilisieren Liberale und Konservative, Säkulare und Religiöse, Linke und Rechte Massenproteste gegen den Schah. Zur Leitfigur des Protests wird Ajatollah Chomeini. Den landesweiten Streiks und Massendemonstrationen in Teheran schließen sich Hunderttausende an. Armee und Polizei gehen teilweise brutal gegen die Demonstranten vor. Dennoch enden die Proteste mit dem Sturz des Schahs am 16. Januar 1979. Nach Chomeinis Rückkehr aus dem Exil in Frankreich, wohin er 1978 gedrängt worden war, spricht sich die Bevölkerung in einem Referendum für die Islamische Republik aus, deren oberster Führer der Großajatollah selbst wird.

Die Außenpolitik Chomeinis wendet sich vor allem gegen die USA und Israel. Am 4. November 1979 besetzen islamische Kräfte die amerikanische Botschaft und nehmen mehr als 50 Geiseln, die erst nach 444 Tagen wieder freikommen. Chomeini billigt die Aktion. Die Beziehungen zu den USA erreichen ihren Tiefpunkt. Unterstützt von den USA überfällt der Nachbarstaat Irak am 22. September 1980 Iran. In dem folgenden acht Jahre langen Krieg zwischen den beiden Ländern sterben etwa eine Million Menschen.
Phase der Islamisierung
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Im Laufe des Kriegs treibt die Regierung die Islamisierung des Landes voran. Für Frauen gilt eine strenge Kleiderordnung, in öffentlichen Verkehrsmitteln die Geschlechtertrennung. Chomeini lässt linksgerichtete politische Häftlinge ermorden, vor allem Anhänger der Volksmudschahidin, die noch während der Revolution auf Seiten Chomeinis standen.

1989 stirbt der religiöse Führer. Der Expertenrat, ein Gremium aus höchsten religiösen Sachverständigen, ernennt Ajatollah Ali Chamenei zum Nachfolger. In den Folgejahren hat Iran stark unter zunehmender Korruption zu leiden. Die Liberalisierung der Wirtschaft bleibt weitgehend wirkungslos. Bereits 1995 verhängen die USA erste wirtschaftliche Sanktionen, weil Iran nach US-Auffassung den internationalen Terrorismus unterstützt.
Vom Reformer Chatami zum Hardliner Ahmadinedschad
AFP
Der als liberaler Geistlicher geltende Mohammed Chatami gewinnt 1997 die Präsidentschaftswahl. Seine innenpolitischen Reformbemühungen geraten allerdings ins Stocken, da er versucht, zu viele politische Lager zusammenzubringen, und die nach wie vor einflussreichen konservativen Hardliner erheblichen Widerstand leisten. Im Juni 2005 erobert der frühere Bürgermeister Teherans und konservative Hardliner Mahmud Ahmadinedschad das Amt des Präsidenten. Außenpolitisch sorgt er vor allem durch Vorantreiben eines Atomprogramms und harsche verbale Angriffe gegen Israel für Ärger. Infolge seiner Wiederwahl als Präsident im Sommer 2009 kam es wegen Unregelmäßigkeiten zu wochenlangen Massenprotesten, die teils brutal niedergeschlagen wurden. Zahlreiche Demonstranten wurden getötet, Hunderte Menschen verhaftet.
Entspannung gegenüber dem Westen
Bei der neuerlichen Präsidentenwahl im Sommer 2013 durfte Ahmadinedschad nach zwei Amtszeiten nicht erneut antreten. Es siegte der als gemäßigt geltende Kandidat Hassan Rohani, der seitdem mildere Töne nach außen anstimmt. Der Westen und Iran einigen sich im November auf einen "Gemeinsamen Aktionsplan" im Streit um das iranische Atomprogramm.