CIA-Thriller "Zero Dark Thirty": Im Kopf der Bin-Laden-Jägerin

Von David Kleingers

Action mit Anspruch: Mit ihrem Thriller über die Jagd auf Osama Bin Laden legt Oscar-Preisträgerin Kathryn Bigelow ein Meisterwerk vor. "Zero Dark Thirty" fesselt und verstört zugleich - auch dank der Hauptdarstellerin Jessica Chastain, die uns in die paranoide Welt einer CIA-Agentin entführt.

AP/Columbia Pictures

Der Krieg gegen den Terror hält für einen Moment inne, als der Mann und die Frau vor dem unscheinbaren Flachbau stehen. Die beiden sind CIA-Agenten, sie pausieren kurz in der Sonne. Bevor sie zurück in das Gebäude gehen, in dem ein gefesselter und von Schlägen gezeichneter Gefangener wartet, fragt der Mann seine Kollegin, ob sie zur Fortsetzung des Verhörs nicht wieder die schwarze Sturmmaske aufsetzen wolle. Mit ruhiger Stimme fragt sie zurück, ob der Gefangene jemals wieder frei sein werde. Nein, antwortet ihr Partner. Sie gehen ohne Masken hinein.

Der Dialog zwischen den Geheimdienstleuten ist Teil einer langen und äußerst beklemmenden Sequenz am Anfang von "Zero Dark Thirty". Darin sieht man auch, wie die junge Agentin Maya (Jessica Chastain) und ihr Kollege Dan (Jason Clarke) den mutmaßlichen Terroristen Ammar (Reda Kateb) mittels Waterboarding foltern.

Regisseurin Kathryn Bigelow und Autor Mark Boal haben diesem schockierenden Auftakt jedoch eine ebenso erschütternde Ouvertüre vorangestellt: Während der ersten Minuten des Films bleibt die Leinwand schwarz - und man hört aufgezeichnete Notrufe aus dem World Trade Center vom 11. September 2001.

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"Zero Dark Thirty": Die Frau und der Top-Terrorist
Hier die gesichtslose Verzweiflung der Menschen in den brennenden Twin Towers, dort das geschundene Antlitz des hilf- und rechtlosen CIA-Gefangenen. So fulminant wie ambivalent umreißen Bigelow und Boal gleich zu Beginn das moralische und ethische Spannungsfeld, in dem ihre virtuose Dramatisierung der Jagd auf Osama Bin Laden spielt.

Keine moralische Autoritäten

Schon vor seiner Uraufführung am Montag in Los Angeles (deutscher Filmstart ist am 11. Januar) erregte die kühne Verschränkung von Fakten und Fiktion großes Aufsehen. Vertreter der Republikaner warfen im Präsidentschaftswahlkampf der Obama-Administration vor, den Filmemachern unzulässigen Zugriff auf Geheimdienstinformationen ermöglicht zu haben und warnten in schriller Tonlage vor einer Gefährdung amerikanischer Sicherheitsinteressen. Befürworter wie Gegner des Filmprojekts bemühten Experten aus Militär und Secret Service, um ihren jeweiligen Standpunkt zu bekräftigen.

Eher als den angeblichen Geheimnisverrat fürchteten die Republikaner wohl eine wirkungsmächtige Spielfilmkampagne: Ein Hollywood-Epos, das Barack Obama zum Präsidenten der Tat stilisiert, der das unter George W. Bush postulierte "Capture Or Kill" im Falle Bin Ladens umsetzt, während der Name Bush weiterhin nur in einem Atemzug mit Guantanamo Bay, dem Folterskandal in Abu Ghuraib und dem verlustreichen Irak-Krieg samt der fehlenden Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins genannt wird.

"Zero Dark Thirty" komprimiert fast ein Jahrzehnt Fahndungsarbeit bis zur Tötung Bin Ladens im pakistanischen Abbottabad am 2. Mai 2011 in atemberaubende 156 Minuten. Natürlich ist der Film politisch, vielleicht sogar ein Politikum. Ein parteipolitisches Programm transportiert er jedoch nicht. Weder haben Bigelow und Boal eine martialische Hymne auf den einen oder anderen Commander in Chief komponiert, noch lassen sie Schlüsselpersonen aus der Politik auftreten. Das Weiße Haus sorgt hier nur für ein ideologisches Hintergrundrauschen aus dem Homeland, das von den US-Agenten in Islamabad oder in den berüchtigten Blacksites - die als exterritoriale Verhöreinrichtungen der CIA dienen - nur registriert wird, wenn die Politik ihre Handlungsspielräume einschränkt.

Damit gibt es für den Zuschauer im Film auch kein bequemes Außen, keine Identifikationsfiguren und keine moralische Autoritäten, die stellvertretend Handlungen geißeln oder gutheißen könnten. Der Betrachter teilt stattdessen die Binnenperspektive der CIA-Agentin Maya. Verschlossen, akribisch und rücksichtslos gegen sich und andere treibt sie die Sisyphus-Suche nach Bin Laden voran.

Mechanismen der Folter

In ihrem Oscar-prämierten Drama "The Hurt Locker" (2008) porträtierten Bigelow und Boal eindringlich den Alltag eines US-Bombenräumkommandos im Irak. Hier vermitteln sie nun eindrucksvoll ein Gefühl für vergehende Zeit. Präzise veranschaulichen sie die langwierigen Ermittlungsprozeduren und verdeutlichen Funktionieren und Versagen des in sich geschlossenen - und per Definition paranoiden - Geheimdienstsystems.

Und sie finden potente Bilder für die zwiespältige Rolle des Individuums in so einem Apparat. Im Gedächtnis bleibt etwa der Moment, in dem Mayas Kollege Dan zärtlich mit ein paar im Käfig gehaltenen Affen spielt. Denn nur wenige Meter davon entfernt sperrt er in einer anderen Szene den vor Angst weinenden Häftling Ammar in einen winzigen, abgedunkelten Holzschrank.

Bigelow und Boal zeigen schonungslos die Mechanismen der Folter und die Dissoziation der Agenten von ihrem eigenen Handeln. Gleichwohl fällt der Film kein Urteil, sondern belässt es bei den nüchternen, verstörenden Darstellungen. Ob diese Distanz einer Rechtfertigung der psychischen und physischen Gewalt gleichkommt, bleibt der Einschätzung des Publikums überlassen.

Der hohe Preis des Sieges

Das CIA-Team bleibt nicht unversehrt: Maya verliert bei einem Bombenattentat die einzige Kollegin, zu der sie eine Art Freundschaft unterhielt, und wird selbst zum Anschlagsziel der al-Qaida. Die Agentin beharrt dennoch auf der Richtigkeit ihrer Schlussfolgerungen und setzt ihre Vorgesetzten wenig sanft unter Druck, was ihr der Film als heroische Qualität in einer von Schatten überlagerten Existenz attestiert. Dass daraus kein konventionelles Heldenbildnis wird, ist Jessica Chastain zu verdanken, die Maya ebenso intensiv wie spröde verkörpert. Eine respektgebietende Darstellerleistung, die jede der vielen kommenden Preisnominierungen verdient. Ob ihr Porträt der Agentin auch nur annähernd einem realen Vorbild entspricht, wird ein Thema in der öffentlichen Diskussion bleiben. Für die Filmerzählung ist diese Frage komplett irrelevant.

Als Maya und ihr Team endlich das Anwesen in Abbottabad lokalisieren und nach zermürbenden Entscheidungsprozessen ein Angriff beschlossen wird, erschließt sich der kryptische Titel: Zero Dark Thirty benennt im Armeecode jene halbe Stunde nach Mitternacht, in der die Navy Seals mit der Erstürmung des Wohnkomplexes von Bin Laden begannen. Das letzte Drittel des Films widmet sich dieser Operation, und Kathryn Bigelow zeigt den Militärschlag in seiner tödlichen Konsequenz und ohne Pathos.

Agentin Maya hätte lieber eine Bombe über dem Haus abgeworfen. Bei einer Vorbesprechung lässt sie die Elitekämpfer wissen, wie gerne sie auf sie verzichtet hätte - "with all your velcro and your gear". Schließlich war es die ganze Zeit zuvor ihr Krieg, geführt an Computern, Schreibtischen und in Verhörzimmern rund um den Globus.

In ihrer Welt markiert der Tod von Osama Bin Laden eine Zäsur, aber kein Ende. Und weil Kathryn Bigelow in "Zero Dark Thirty" nicht den kurzzeitigen Triumph ins Zentrum rückt, sondern den hohen Preis des Sieges, ist der Film nicht nur immens spannend, sondern großartig.

Eine Großaufnahme zeigt noch einmal das Gesicht von Jessica Chastain als Maya. Diesmal trägt die Agentin wirklich keine Maske. Und, das scheint gewiss, sie wird nie wieder wirklich frei sein.

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insgesamt 30 Beiträge
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1.
symolan 12.12.2012
Zitat von sysopAction mit Anspruch: Mit ihrem Thriller über die Jagd auf Osama Bin Laden legt Oscar-Preisträgerin Kathryn Bigelow ein Meisterwerk vor. "Zero Dark Thirty" fesselt und verstört zugleich - auch dank der Hauptdarstellerin Jessica Chastain, die uns in die paranoide Welt einer CIA-Agentin entführt. Zero Dark Thirty: Thriller über Jagd auf Bin Laden ist großartig - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/kino/zero-dark-thirty-thriller-ueber-jagd-auf-bin-laden-ist-grossartig-a-872450.html)
ich bin sehr gespannt. The Hurt Locker war schlicht grossartig.
2. ach so
roland.vanhelven 12.12.2012
Zitat von sysopAction mit Anspruch: Mit ihrem Thriller über die Jagd auf Osama Bin Laden legt Oscar-Preisträgerin Kathryn Bigelow ein Meisterwerk vor. "Zero Dark Thirty" fesselt und verstört zugleich - auch dank der Hauptdarstellerin Jessica Chastain, die uns in die paranoide Welt einer CIA-Agentin entführt. Zero Dark Thirty: Thriller über Jagd auf Bin Laden ist großartig - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/kino/zero-dark-thirty-thriller-ueber-jagd-auf-bin-laden-ist-grossartig-a-872450.html)
cinematographie hin und her, aber wie kann es ein meisterwerk sein, wenn die kernaussage unwahr ist ?
3. klasse
citropeel 12.12.2012
Bigelow ist die Richtige dafuer. Das hat sie in Hurt Locker schon gezeigt. Freue mich auf diesen Film
4.
oschaaars 12.12.2012
@symolan: stimme voll und ganz zu, The Hurt Locker war phänomenal. Unglaublich dicht erzählte Geschichte, die einen auch so schnell nicht wieder los liess. Ich bin ebenfalls sehr gespannt auf das neue Werk
5. freue mich
kalauvo123 12.12.2012
auch in freue mich auf den Film. "The Hutz Locker" fand ich derart gelungen, dass ich erst mal jeden Film von Kathryn Bigelow gucken würde. Das geht jedenfalls in die richtige Richtung, ist mein Eindruck.
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