Von Roland Huschke
Ein Actionfilm mit politischem Anspruch: Die Oscar-Preisträgerin Kathryn Bigelow hat ihren lange erwarteten Thriller über die Jagd auf Osama Bin Laden ins Kino gebracht. "Zero Dark Thirty" verstört und fesselt zugleich, was auch der grandiosen Hauptdarstellerin Jessica Chastain zu verdanken ist. Sie entführt das Publikum in die paranoide Welt der CIA-Agenten - die auch foltern, um an Informationen zu kommen. In Amerika entzündete sich eine hitzige Debatte über "Zero Dark Thirty". Nun ist der Film auch in Deutschland zu sehen und stieg zum Start auf Platz neun der Kinocharts ein.
Worum dreht sich der Film und der Streit?
"Zero Dark Thirty" geriet ins Visier der Kritik bevor die erste Einstellung überhaupt gedreht war. Weil sie eine Heldengeschichte über Barack Obama befürchteten, forderten republikanische Politiker, etwaige Kontakte zwischen Filmemachern und staatlichen Quellen zu durchleuchten. Ihr Verdacht: Geheimnisverrat. Der Staatsapparat habe - womöglich politisch gesteuert von ganz oben - den Drehbuchautor Mark Boal mit sensiblen Informationen gefüttert.
Inszeniert ist der Film als Rennen gegen die Zeit. Geschildert aus der Perspektive einer unnachgiebigen CIA-Analystin (Jessica Chastain), verdichtet "Zero Dark Thirty" rund zehn Jahre an der Geheimfront im sogenannten Krieg gegen den Terror. Ein Meisterwerk für viele, ein Ärgernis für manche - und letztlich eine Gewissensprüfung für uns alle: Welche Rolle spielt Folter als Mittel im Kampf gegen den Terror? Und: Darf Folter eine Rolle spielen?
Was sagen die Gegner des Films?
Der ehemalige republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain führt den politischen Feldzug gegen den Film an. Er hält "Zero Dark Thirty" für eine Räuberpistole: in Bezug auf die Frage, wie die Jagd auf Bin Laden genau verlief - und welche Details die CIA-Ermittler wirklich zu ihm führten. McCain bestreitet die Relevanz von durch Foltermethoden erpressten Informationen und positioniert sich als Kämpfer für die Sicherheit des Staates und seines Apparates. Indem er zusammen mit zwei Senatskollegen Aufklärung fordert, welche Informationen Geheimdienstler an die Filmemacher weitergegeben haben, lenkt er - ob absichtlich oder nicht - nebenbei auch von der Verantwortung der Republikaner für die Folter ab.
Linksliberale Kritiker sehen in "Zero Dark Thirty" eine "Legitimierung von Folter als Mittel amerikanischer Politik". So rief zum Beispiel der US-Schauspieler David Clennon als Mitglied der Oscar-Academy zum Boykott von "Zero Dark Thirty" auf. Auch einflussreiche Journalisten finden, dass Bigelows Film die Folter als legitimes Mittel zum Zweck darstellt. Das Urteil "grenzwertig faschistisch" des "New York Magazine" zitierten auch deutsche Medien. Diejenigen, die "Zero Dark Thirty" als hurrapatriotisches Rachemachwerk verdammen, das die CIA allzu freundlich porträtiert, gar glorifiziert, sind in der Minderheit.
Der Film schlägt den Bogen vom Terrorangriff auf New York zur Tötung Bin Ladens. "Zero Dark Thirty" beginnt am 11. September 2001 mit Ton-Originalaufnahmen aus dem Off von den Opfern des Anschlags. Wenn schließlich Bin Laden erschossen wird - hochspannend und ebenso nüchtern gedreht wie die Folterszenen zu Beginn - applaudieren manchmal Zuschauer. Nicht nur in amerikanischen Kinos.
Als "Zero Dark Thirty" zur Jahreswende mit Kritikerpreisen ausgezeichnet und für den Oscar nominiert wurde, war nicht absehbar, dass sich die Diskussion so sehr auf die Folterfrage konzentrieren würde. Kaum ein Kritiker hat bisher Bigelows Brillanz als Regisseurin angezweifelt. Wie ihr Film aber moralisch und politisch zu bewerten ist, wurde von der Kritik zunächst nicht hinreichend diskutiert. Allerdings hätte man über die realen Hintergründe des Stoffs Bescheid wissen können: Der frühere CIA-Chef und heutige US-Verteidigungsminister Leon Panetta hatte schon 2011 - in einem Brief an McCain - festgehalten, dass Gefangene, die nützliche Informationen über die Rolle des Kuriers von Bin Laden gegeben haben, auch "erweiterten Befragungstechniken" ausgesetzt waren. Der Kurier gilt als eine Schlüsselfigur bei der Jagd auf den Terror-Chef. Panetta schrieb auch: "Ob aber diese Techniken die dafür einzig effektiven Mittel waren, kann nicht definitiv festgestellt werden." Und weiter: An die entscheidenden Informationen über Namen und Aufenthaltsort des Kuriers sei man auf anderem Weg gekommen.
Was sagen die Macher?
Konfrontiert man die Macher von "Zero Dark Thirty" mit der Kritik am Film, erfährt man zumindest von Mark Boal wenig. Der Autor des Drehbuchs schweigt zu manchen Fragen einfach - unter Berufung auf den Quellenschutz. Doch zeigt er sich noch immer irritiert von dem offenen Brief der drei US-Senatoren, die dem Film grobe Fehler vorwerfen. Auch wollen sie jene Behördenmitarbeiter ausfindig machen, die Boal für sein Skript Informationen geliefert hatten. Das Drehbuch bezeichnet der Autor selbst als dramatisierte Summe von Augenzeugenberichten, aber natürlich sei "Zero Dark Thirty" Kino und keine Dokumentation. Viele Figuren seien aus mehreren realen Menschen kompilierte Charaktere. Doch Jessica Chastains Figur, die Analystin Maya gebe es wirklich. Also, keine Silbe zu ihr, sie sei noch aktiv im Feld.
Was die historischen Details betrifft, räumt Bigelow ein: "Es stehen so viele Dokumente unter Geheimhaltung, dass sicher noch über Jahre Informationen ans Licht kommen werden, um dieses Kapitel unserer Geschichte zu vervollständigen." Einig sind sich Bigelow und Boal darüber, dass mittels Folter gewonnene Erkenntnisse nur zum Teil dazu beigetragen hätten, Osama Bin Laden aufzuspüren; kein singulärer Hinweis sei entscheidend gewesen. Doch ihr Film legt den gegenteiligen Schluss nahe. Was zum Beispiel auch McCain ärgert.
Wie steht's um die Oscar-Chancen?
Als Kathryn Bigelow 2010 - in direkter Konkurrenz zum Sci-Fi-3D-Spektakel "Avatar" ihres Ex-Mannes James Cameron - für "The Hurt Locker" mit dem Oscar für die beste Regie und den besten Film ausgezeichnet wurde, lag ihr Hollywood zu Füßen. Einer Außenseiterin, die sich in diesem Männerberuf in den späten achtziger Jahren durchgesetzt und ihre kreative Individualität bewahrt hatte.
Auch für die Oscars 2013 galt "Zero Dark Thirty" neben "Lincoln" und "Argo" als Favorit. Doch als der Film zwar fünf Nominierungen erhielt, Bigelow als Regisseurin aber übergangen wurde, schien dies bereits der Backlash der Folterdebatte zu sein.
Bigelow und Boal haben nicht nur Freunde in der Branche. Dass sie lieber im Verborgenen und mit unabhängiger Finanzierung arbeiten, also ohne die großen Studios, erregt Misstrauen. So wunderte sich der "Hollywood Reporter" in einem Porträt, wie Boal seit "The Hurt Locker" so schnell so wichtig für Bigelow werden konnte - und beschreibt ihn als Hitzkopf, der beim Dreh in Jordanien die Crew anbrüllte.
Doch das Duo hat sich bisher von der Kritik nicht irritieren lassen. Zwar spürt man ein leichtes Erschrecken, wie heftig über "Zero Dark Thirty" debattiert wird, aber mehr noch den Stolz, mit einem Kinofilm Teil einer politischen Diskussion geworden zu sein. Zurückzucken gilt nicht. Auch wenn sie den Stoff noch geheim hält, verrät Bigelow dies: "Auch unser nächstes Projekt wird sicher wieder ein kontroverses, aktuelles Thema aufgreifen."
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