Zombie-Film "28 Weeks Later": Infiziert vom Chaos

Von David Kleingers

Brutal malt "28 Weeks Later" eine von Zombies beherrschte Zukunft aus. Trotzdem hat der Horrorfilm mehr zu bieten als Schockeffekte: Er zeigt gespenstisch klarsichtig den Zerfall des Gemeinwesens.

Durch das Visier eines Scharfschützen gesehen, ist die Welt nur eine Anordnung potentieller Ziele. Eine zynische Logik ist das, deren Versagen eine Szene des exzellenten Apokalypse-Schockers "28 Weeks Later" von Juan Carlos Fresnadillo zeigt. Darin muss ein Soldat durchs Fadenkreuz erkennen, dass seine abstrakte Trennung zwischen Freund und Feind dem realen Chaos nicht standhält: Eine schreiende Menschenmasse, in der Opfer und Täter untrennbar miteinander verschmolzen sind, stürmt auf ihn zu und lässt jede Illusion von Kontrolle zerplatzen.

Denn Gewalt, ganz gleich von welcher Seite und egal ob gezielt oder willkürlich, trifft hier immer die Falschen: Der rasende Mob und der hilflose Militär töten zwar aus unterschiedlichen Motiven, doch sind sie letztlich eins, wenn es darum geht, die gegenseitige Auslöschung in Gang zu halten.

Das ist der profunde Horror, aus dem die Fortsetzung des maßgeblichen Zombierevivals "28 Days Later" (2002) von Danny Boyle und Alex Garland – beide diesmal als Produzenten tätig – seine düstere Anti-Utopie entwickelt. Wie schon der Vorgänger, so besticht auch das eigenständige Sequel durch eine vortreffliche Besetzung, den Mut zur politischen Metapher und reichlich sprödes "Anarchy in the UK"-Flair.

Dass die Reibung zwischen bekannten Horrorstandards und der englischen Tradition des sozialkritischen Dramas erneut Funken schlägt, liegt nicht zuletzt an der schlüssigen Prämisse: 28 Wochen nach dem Ausbruch des "Rage"-Virus ist Großbritannien faktisch eine Toteninsel. Da die blutdürstigen Träger der Erkrankung mittlerweile an Hunger verstorben sind, beginnt die Nato unter Führung der Amerikaner mit der Neubesiedlung des verödeten Londons.

Horror Humanitas

Die Rückkehr der Überlebenden bringt auch Don (Robert Carlyle) und seine beiden Kinder Tammy und Andy wieder zusammen. Doch das improvisierte Familienleben im bizarren Schick des von Scharfschützen bewachten Geschäftsbezirks wird überschattet vom Schicksal der Mutter Alice, die Don bei seiner Flucht vor den marodierenden Horden zurückließ.

Als die todgeglaubte Alice überraschend aufgegriffen wird, sieht die amerikanische Militärärztin Scarlett (Rose Byrne) in der augenscheinlich unversehrten Frau den möglichen Schlüssel zu einem Impfstoff. Doch der von Gewissensbissen geplagte Don kommt ihr zuvor: Er überwindet die Sicherheitsbarrieren, nicht ahnend dass sein verbotener Kuss auf der Quarantänestation das Schicksal der Enklave und vielleicht der ganzen Menschheit besiegelt.

Kreiste "28 Days Later" um eine kleine Ersatzfamilie, die sich gegen tollwütige Seuchenopfer und faschistische Milizionäre behaupten musste, so geht es hier noch pointierter um den Zusammenbruch privater und gesellschaftlicher Strukturen. Die Wiedereinbürgerung der emigrierten Überlebenden – die neuen Boat People aus dem Wohlstandswesten – gerät zur gespenstischen Inszenierung eines längst zerfallenen Gemeinwesens.

Dass dabei ausgerechnet die unwirtlichen Glaspaläste der Londoner Docklands als Zuflucht dienen sollen, ist der einzige Anflug von bitterer Ironie in diesem Fanal. Die markanten Bilder von ziellos durch die verwaiste Metropole streunenden Kindern und schwerbewaffneten Soldaten auf den Dächern der Stadt erinnern denn auch an Derek Jarmans experimentelle Untergangscollage "The Last of England", die der verstorbene Künstler 1988 als Reaktion auf die Thatcher-Jahre entwarf.

Das Monster sind wir

Aber im Horrorgenre wird Kritik geradliniger und drastischer formuliert. Der Weg zur Hölle ist mit guten Absichten gepflastert, wie die wohlmeinenden GIs bald erfahren müssen. Ohne in dumpfen Anti-Amerikanismus zu verfallen, zeigt der Film die radikale Auflösung der Ordnung und die brutale Reaktion des Militärs. Bagdad und Kabul könnten tagesaktuelle Partnerstädte sein, doch "28 Weeks Later" geht in seinem Pessimismus noch weiter.

Denn nicht nur der Kontrollapparat versagt, auch Liebe und Solidarität gewähren keinen Schutz. Blutsbande sind hier oft nur eine weitere Schlinge um den Hals, mit der sich die Menschheit selbst die Luft abschnürt. Aber ohne die – vielleicht tödliche – Nähe zum Nächsten geht das Individuum in jedem Fall zu Grunde. Wer also seine Humanität nicht aufgeben will, ist verdammt, dieselben Fehler immer wieder zu begehen.

Auch deshalb bleibt diese virtuose Schwarzmalerei mit ihren blutroten Akzenten spannend bis zum Ende, das kein Abschluss sein kann. Zwar mag die Flucht vor dem Virus 28 Monate oder gar Jahre weitergehen – doch wer glaubt, den Feind im Fadenkreuz zu haben, zielt nur auf sich selbst.

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