Zombie-Film "Land of the Dead" Die Revolution frisst ihre Schinder

Zombies gelten als das Lumpenproletariat des Horrorfilms; dank George A. Romero sind sie nicht totzukriegen. Mit "Land of the Dead" knüpft der Regisseur an seine Untoten-Saga an - und präsentiert eine bissige Parabel auf Kapitalismus und soziale Ungerechtigkeit.


Szene aus "Land of the Dead": Revoluzzer beißen sich durch
UIP

Szene aus "Land of the Dead": Revoluzzer beißen sich durch

Wenn phantastische Kreaturen wie Dracula, der Wolfsmann, die Mumie und Frankensteins Monster die alte Aristokratie des Horrorfilms darstellen, dann sind Zombies das oft verfemte Lumpenproletariat: 1968 trieb der junge Regisseur George A. Romero mit "Night of the Living Dead" dem Genre jegliche Schauerromantik aus, in dem er das Publikum mit der Vision einer sich buchstäblich selbst verschlingenden Gesellschaft schockierte. Der Schrecken kam hier nicht mehr aus der neomythischen Mottenkiste, sondern aus der eigenen Mitte - in Gestalt von untoten Familienmitgliedern, Nachbarn und Mitbürgern, deren unstillbare Gier nach Menschenfleisch brachial das Versagen sozialer Systeme illustrierte.

Und wie seine halbverwesten Namensgeber, so ist auch der Zombie-Film ein hartnäckiger Wiedergänger. Denn nachdem auf bloße Schockwerte reduzierte Nachahmer Romeros jahrlang in den Niederungen der Videoverwertung vermoderten, ist das Sub-Genre im Zuge der jüngsten kommerziellen Renaissance des Leinwandgrauens eindrucksvoll reanimiert worden. Folglich durfte Romero als geistiger Übervater aller Untoten beobachten, wie seine klassische "Dead"-Trilogie so unterschiedliche Filme wie "28 Days Later" oder "Shaun of the Dead" inspirierte, ganz zu schweigen von einem rasanten, aber jeglicher politischer Dimension beraubtem Remake seiner fulminanten Weltendämmerung "Dawn of the Dead".

Kapitalismus und Kannibalismus

Vor allem dank des finanziellen Erfolgs dieser Epigonen kann der 65-jährige Romero nun mit "Land of the Dead" selbst den Beweis führen, dass sein einst revolutionärer Ansatz - Splatterfilme mit linksliberaler Agenda - noch immer über subversive Sprengkraft verfügt. Ohne die Last einer langatmigen Exposition ist die Apokalypse zu Beginn des Films bereits Geschichte: Umringt von Millionen scheinbar ziellos dahinvegetierender Zombies haben sich die Überlebenden der Katastrophe in einer amerikanischen Großstadt verschanzt.

"Land of the Dead"-Darsteller: Heer der zornigen Leichen
UIP

"Land of the Dead"-Darsteller: Heer der zornigen Leichen

Doch statt ruheloser Verstorbener verschlingt dort ein ausufernder Kapitalismus die Unterprivilegierten, welche in den Elendsvierteln zu Füßen der festungsgleichen Luxuswohnanlage "Fiddler's Green" hausen. Letztere wird vom Geschäftemacher Kaufman (Dennis Hopper) unterhalten, der über Wohl und Wehe der gesamten Enklave entscheidet. Um seinen zahlungskräftigen Kunden den gewünschten Lebenswandel zu ermöglichen, beschäftigt Kaufman einen Expeditionstrupp, der unter Führung des Rest-Idealisten Riley (Simon Baker) auf Raubzug durch die ungeschützte Außenwelt geht. Zu diesem Team gehört auch der ehrgeizige Cholo (John Leguizamo), der vom Umzug in das verglaste Warenparadies der postapokalyptischen Schickeria träumt.

Bei einer ihrer martialischen Einkaufstouren im Panzerwagen bemerkt Riley, dass die vermeintlich geistlosen Zielscheiben-Zombies allmählich kognitive Fähigkeiten erwerben. Tatsächlich stellt sich der Untote Big Daddy (Eugene Clark) an die Spitze einer schleichenden Armee, die gegen die Lebenden marschiert. Der von Kaufman abgewiesene Cholo kapert unterdessen den Panzerwagen und erpresst die Stadt mit einem Raketenangriff. Somit bleibt es Riley, seinem Mitstreiter Charlie (Robert Joy) und der lakonischen Straßenkämpferin Slack (Asia Argento) überlassen, zwischen den Fronten einen Ausweg für die letzten Reste der Menschheit zu finden.

Horror mit Hirn und Herz

Romero scheut auch in seiner vierten "Dead"-Parabel nicht vor klischeestrotzenden B-Filmszenarien und deklamatorischen Dialogzeilen zurück, aber alles andere wäre auch eine Enttäuschung gewesen: Es geht schließlich um ein offensives Kino, dass eindeutige politische Kommentare in ebenso rabiate wie assoziationsreiche Bilder übersetzt. Die Anklage von Rassismus und Krieg ("Night of the Living Dead"), die ätzende Konsumkritik ("Dawn of the Dead") und das Versagen des militärisch-industriellen Komplexes ("Day of the Dead") wird hier um einen drastischen Klassenkampf erweitert, in dessen Verlauf die Zombies zu einem neuen Bewusstsein gelangen.

"Land of the Dead"-Star Asia Argento: Drastischer Klassenkampf
UIP

"Land of the Dead"-Star Asia Argento: Drastischer Klassenkampf

Wie in jener wunderschönen Szene, in der die Stadtbewohner das Heer der zornigen Leichen durch ein Feuerwerk ablenken wollen. Starrten die verwesten Jammergestalten zu Beginn des Films noch verblüfft gen Himmel, so lassen sich die Massen am Ende nicht mehr foppen: Unbeirrt schlurfen sie voran und verspeisen ein paar Dutzend ignorante Realitätsflüchtlinge im Einkaufszentrum. Wer darin eine böse Anspielung auf die traditionellen Böller-Orgien am US-amerikanischen Unabhängigkeitstag entdeckt, liegt vermutlich nicht falsch. Und Romero zufolge beginnt die Revolution der Entrechteten in jenem Moment, da das patriotische Blendwerk nicht mehr zündet.

Damit ist "Land of the Dead" letztlich der lebensbejahendste von Romeros amerikanischen Alpträumen, denn neben optimistischen Momenten der Solidarität unter den verbliebenen Menschen gibt es am Ende gar die zarte Hoffnung auf Verständigung zwischen Lebenden und Untoten. Sich selbst im dämonisierten Anderen wiederzuerkennen ist die größte Leistung der Helden eines Horrorfilms alter Schule, der die Mechanismen der Ausbeutung mit den Mitteln der Splatterkinos anprangert. Und der ohne Zweifel das Herz am richtigen Fleck trägt - zumindest solange es niemand zum Mittagessen haben will.


"Land of the Dead"

USA/Frankreich/Kanada 2005. Regie und Buch: George A. Romero. Darsteller: Simon Baker, John Leguizamo, Dennis Hopper, Asia Argento, Robert Joy, Eugene Clark. Produktion: Dead Land North, Atmosphere Ent., Romero-Grunwald Prod., Wild Bunch. Verleih: UIP. Länge: 93 Minuten. Start: 1. September 2005.



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