Zombie-Thriller "The Girl With All the Gifts" Die wollen nur essen

Wenige Zombie-Filme widmen sich so zärtlich ihren hungrigen Protagonisten wie "The Girl With All the Gifts". Doch diese Vertraulichkeit hat katastrophale Folgen.


Einmal spaziert Melanie durch die Vorgärten des verlassenen London. Sie klopft an Türen, die niemand öffnet, sie durchstreift Wohnungen, nimmt in ihrer Fantasie Teil an dem ganz normalen Leben, das sie niemals leben durfte und das es nun nicht mehr gibt. Durch die Fenster der Kinderzimmer fällt das Licht beinahe golden, der Staub tanzt in den Strahlen, und Melanie spielt ein Spiel - das einzige, das je mit ihr gespielt wurde, ein Spiel, in dem die Soldaten sie eine "friggin' abomination" nannten, eine Missgeburt, ein Monster. Die arme Melanie. Gerade noch hat sie eine Katze bei lebendigem Leibe gefressen, das Blut durchtränkt ihr T-Shirt. Und irgendwo in der Ferne bellt ein Hund.

Das Kino ist schon ein verfluchter Verführer. Es gibt Filmemacher, die sich gefallen im letzten, schockierenden Twist, die mit einem Paukenschlag ihre Geschichte plötzlich auf den Kopf stellen. Es gibt solche, die ihre Figuren und Motive in Ambivalenzen flirren lassen und Platz für widerstrebende Extreme in ihren Filmen schaffen. Nun kommt ein Zombie-Thriller daher, inszeniert von dem Schotten Colm McCarthy nach einem Roman und Drehbuch von Mike Carey, der sich beider Methoden bedient und doch ein ganz eigenes Biest zur Welt bringt.

Oder besser: zwanzig und noch mehr davon. Die junge Melanie, so zart und so offen neugierig gespielt von der Newcomerin Sennia Nanua, ist nämlich nicht allein. Gemeinsam mit zwei Dutzend anderen Kindern hat sie ihr ganzes Leben in einem Bunker verbracht, gezwängt in orangefarbene Gefängnisschlabberkleidung. Ihre Zelle verlässt sie nur zum Unterricht, mit paranoider Akribie fixieren die Militärs sie und ihre Mitschüler in Sicherheitsstühlen. Melanie grüßt die Abholenden jeden Morgen freundlich, eine Antwort bekommt sie nicht.

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"The Girl With All the Gifts": Die Lebenden und die Hungrigen

Als die junge Lehrerin Helen Justineau (Gemma Arterton) sich erdreistet, ihr übers Haar zu streichen, weil eine selbst geschriebene Geschichte von Melanie sie so tief im Inneren berührt hat, zeigt Sergeant Parks (Paddy Considine) ihr, wer diese Kinder angeblich wirklich sind. Er hält seinen Arm ganz nah vor den Mund eines Knaben, und der wird nervös, wehrt sich gegen seinen Trieb und beginnt bald wie rasend mit den Zähnen zu klappern und ins Leere zu beißen. Die anderen machen es ihm nach in einem erschreckenden, beinahe unwirklichen und inszenatorisch sehr sorgfältig vorbereiteten Moment der kollektiven Entmenschlichung. Monster, Missgeburten sind sie alle, will Parks damit beweisen. Auch wenn sie sich so nach Geschichten sehnen.

Die Natur erobert sich die Städte zurück

Was aber bleibt ihnen im Bunker außer ihren Geschichten? Im Breitwandformat drücken niedrige Betondecken alles Natürliche, Triebhafte, Gefühlte ohnehin nieder, die Gänge und Räume sind grau wie das kurze Strubbelhaar von Dr. Caldwell (Glenn Close), die hin und wieder einen von Melanies Kameraden mitnimmt und für immer verschwinden lässt.

So erschöpft, so vom Leben gehärtet, so uneitel ungeschminkt wie hier waren Glenn Close selten und Gemma Arterton wohl noch nie zu sehen. Sie sind Repräsentantinnen einer untergegangenen Welt, die ihr Ende noch nicht wahrhaben will. Dabei gehört England längst den "Hungries", den Infizierten, die denselben Pilz in sich tragen wie die Kinder im Bunker, die aber nicht mehr denken und einander auch keine Geschichten mehr erzählen. Die nur noch fressen.

Wenn so ziemlich alle Zombie-Narrative eines gemeinsam haben, dann ist es die Gewissheit, dass jede Zuflucht nur eine temporäre sein kann, dass die Starre der Bewegung weichen muss, dass jeder Bunker einmal überrannt wird. Auch die beklemmende, klaustrophobische Mini-Militärdiktatur explodiert, und nur eine kleine Gruppe überlebt, um sich bis zum großen, letzten, doch bestimmt sicheren Stützpunkt durchzuschlagen.


"The Girl With All the Gifts"

Großbritannien, USA 2016
Regie: Colm McCarthy
Drehbuch: Mike Carey
Darsteller: Gemma Arterton, Glenn Close, Paddy Considine, Sennia Nanua, Dominique Tipper, Anamaria Marinca
Verleih: SquareOne Entertainment / Universum Film
FSK: ab 16 Jahren
Länge: 112 Minuten
Start: 9. Februar 2017


Dass Melanie Teil dieser Gruppe sein darf, verdankt sie der Tatsache, dass Caldwell sie für die Trägerin eines Impfstoffes gegen den Pilz hält. Während sie zum ersten Mal die Welt da draußen wahrnimmt, verliert sich der Rest der Erzählung hingegen eine Weile lang in den hinlänglich durchexerzierten Such- und Fluchtbewegungen des Subgenres.

So aber bleibt wenigstens Zeit zu bemerken, dass der Stoff, der auf den ersten Blick einen zutiefst in der Kinogeschichte verankerten Archetypen variiert, eine bemerkenswerte Quelle auftut: Vom Motiv der Pilzinfektion über das des jungen Mädchens als Hoffnungs- und Heilmittelträgerin bis hin zu den wunderschön morbiden Bildern einer wieder in der Natur versinkenden Urbanarchitektur erweisen McCarthy und Carey dem Videospiel "The Last of Us" die Ehre.

Die Wärme der totalen Auslöschung

Diese Referenzen sind auf paradoxe Weise auffällig und unauffällig zugleich: Die Filmemacher geben sich keine Mühe, ihr Vorbild zu verbergen, das natürlich seinerseits zahllose in der Filmhistorie hat - sie nennen es aber auch nicht explizit. So wie der Körper des jungen Infizierten, den die süße Melanie einmal zu Brei schlägt, schön säuberlich außerhalb des Bildkaders bleibt. So wie die Verheerungen, die Melanies folgenschwerste Entscheidung auslöst, im glitzernden Farbenspiel der Pilzsporen und im strahlenden Licht eines neuen Morgens verpuffen.

Im Video: Der Trailer zu "The Girl With All the Gifts"

Universum/ SquareOne

Nein, daran ändern weder gelegentliches Zähneklappern noch ein blutiges Hemd etwas: Bis in die letzte Einstellung auf Nanuas einladend fröhliches Gesicht zieht McCarthy an Melanie heran, fühlt sich in sie ein, führt mit ihr durch die Geschichte - bis es zu spät ist, sich von ihrem Blick auf die neue Welt noch lösen zu können. Dann umgibt einen die freundliche Wärme der totalen Auslöschung.

Süße Propaganda, Propaganda des Süßen.

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
galliooo 07.02.2017
1. unlogisch
nachdem die Erde nun den Zombies gehört wovon ernähren sie sich ?
adama. 07.02.2017
2. Zombilogik
Ist sowieso nur ein Mittel um Gewalt im Film zu rechtfertigen. Es gibt so viele tödliche Waffen und so viele Menschen die bereit sind diese konsequent anzuwenden, dass kein Virus oder gar Affen, eine Aussicht haben unseren Planeten zu übernehmen. Auch eine Klimakatastrophe nicht!
schmuellöffelholz 07.02.2017
3. logische Zombiefilme?
seit wann gibt es 'logische Zombiefilme'? In jedem Zombiefilm fallen die 'Protagonisten' auseinander und/oder verwesen, können aber trotzdem noch kräftig zubeißen, sind im geräuschlosen Anschleichen sehr geübt und verbreiten trotz fortgeschrittener Verwesung keine alarmierenden Gerüche - was soll an einem Zombiefilm also logisch sein? Mond = voll, Hund = 'wuff', Auto = 'hup', Zombie = erstaunlich überraschend ... schon mal was von Film-Klischees gehört?
darkbishop 07.02.2017
4. ...
Zitat von galliooonachdem die Erde nun den Zombies gehört wovon ernähren sie sich ?
Hier und da noch von Tieren, aber auf Dauer werden sie selbst zerfallen und verotten...
JWeber 07.02.2017
5. Anmerkung zum bösen Ausdruck
Für mich klingt die im Film ja öfter genutzte Bezeichnung für die Kinder nicht nach "friggin' abomination" wie im Text erwähnt, sondern eher nach "friggin' abortions". Wird so auch in britischen Filmkritiken zitiert. Vielleicht noch mal reinhören?
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