"Zoolander" Mehr Körperfett als Hirnaktivität

In "Zoolander" hat Hollywood-Star Ben Stiller gleich mehrere Aufgaben übernommen: Regie, Drehbuch und die Hauptrolle als durchgeknalltes Top-Model, das nach einer Gehirnwäsche zum Killer wird. Neben Victoria Beckham und Heidi Klum sind auch David Bowie und Milla Jovovich in dem Klamaukfilm zu sehen.

Von Manfred Müller


Gehirnwäsche unterzogen: Milla Jovovich, Ben Stiller, Will Ferrell
AP

Gehirnwäsche unterzogen: Milla Jovovich, Ben Stiller, Will Ferrell

Wenn heute irgendwo auf der Welt im Kino gelacht wird, dürfte der Urheber der Pointe mit größter Wahrscheinlichkeit irgendwann in den vergangenen 25 Jahren einmal bei "Saturday Night Live" unter Vertrag gestanden haben. Von Dan Aykroyd, James und John Belushi, Andy Kaufman oder Eddie Murphy bis Chris Farley, Janeane Garofalo, Chris Rock, Adam Sandler oder Damon Wayans, schier allgegenwärtig sind die Ableger der amerikanischen TV-Comedy-Show. Ein weltumspannendes Humorkartell, eigentlich schon selbst ein dankbarer Komödienstoff, aber Ben Stiller, ehedem selbstredend auch bei "SNL" aktiv, lässt sich lieber von einem Komplott in der Modebranche umtreiben. Mit Co-Autor Drake Sather (man kennt sich von "SNL") hat er eine Krimiposse im "Austin Power"-Look entworfen, sich selbst die Titelrolle auf den Leib geschneidert und zum ersten Mal seit "Cable Guy" auch die Regie übernommen.

Der sardonische Modeschöpfer Mugatu (Will Ferrell, ja, auch der war bei "Saturday Night Live") betreibt eine Killeragentur. Er lässt von willenlosen Models Reformpolitiker aus der Dritten Welt liquidieren, die gegen Kinderarbeit und Billiglohnfertigung in der Textilindustrie vorgehen. Auch der neue malaysische Ministerpräsident steht auf der Abschussliste, und Top-Model Zoolander wird für diesen Auftrag einer Gehirnwäsche unterzogen.

Derek Zoolander ist eine Figur, die Stiller ursprünglich 1996 für einen kleinen Einspielfilm im Rahmenprogramm der VH1 Fashion Awards entwickelt hat. Eine Zierde seines Geschlechts, beherrscht er die Titelseiten der Trendmagazine und die jährlichen Model Awards. Sein Erfolg verdankt sich einer einzigen großen Pose, bei deren Demonstration ihm das Gesicht zu hohlwangiger Ausdruckslosigkeit erstarrt. drei Prozent Körperfett, ein Prozent Hirnaktivität lauten die Stammdaten, die diesem Günstling der Natur einen deutlichen Vorsprung vor jeder Konkurrenz sichern. Doch in diesem Jahr hat er einen ernst zu nehmenden Gegner, Hansel (Owen Wilson) heißt der Herausforderer, ein Silver Surfer des Prêt à porter, der Zoolanders mimische Nullnummer mit blondiertem Aktionismus auf dem Skateboard pariert.

Szene mit "Zoolander"-Star Stiller: Statistische Leere gegen ziellose Bewegung
AP

Szene mit "Zoolander"-Star Stiller: Statistische Leere gegen ziellose Bewegung

Statische Leere gegen ziellose Bewegung, diesen letzten Antagonismus der globalen Fashion & Fun-Gesellschaft inszeniert Stiller als akrobatisches Posing-Duell, bevor er die Laufstegkombattanten in einer Mission Impossible gegen Mugatu verbrüdert. Die treibende intellektuelle Kraft hinter der geistigen Doppel-Null ist eine Enthüllungsjournalistin des "Time Magazine", eine Rolle, mit der Stiller seiner Gattin Christine Taylor ein charmantes Entree verschafft. Der Film braucht seine Zeit, um auf Touren zu kommen, gefällt sich lange in Selbstbezüglichkeiten, bis eine ganze Phalanx von Glamourstars zum Kurzauftritt gebracht wurde. Victoria Beckham, Heidi Klum, Natalie Portman oder Billy Zane vermitteln ein pseudo-dokumentarisches Szene-Feeling. David Bowie darf sich als Life-Style Ikone selbst persiflieren.

Doch danach verdichtet sich die Geschichte zu einer spritzigen Ensemblekomödie. Die Nebenrollen - mit Jon Voight, David Duchovny oder Milla Jovovich prominent besetzt - kommen zu pointierten Einsätzen. Owen Wilson, wie zuletzt in Jackie Chans "Schanghai Noon", entpuppt sich neben dem Titelhelden als der wirkungsvollere Protagonist. Er gestaltet seinen Hansel mit zwangloser Präsenz, ein teetrinkender Kommunarde und Apologet der Neuen Sinnlichkeit, der im psychedelischsten Geschlechtsakt seit Antonionis "Zabriskie Point" der verklemmten Journalistin zur sexuellen Erweckung verhilft.

Das schrille Kostümdesign mit Anleihen bei der Altkleidersammlung, Persiflagen auf "2001" und "Matrix", auf Video- und Werbeclips und ein wirklich dramatischer Breakdance-Showdown bringen die Zeitgeistkomödie auf modische Fasson. In Zoolanders Stiftungsinitiative "für Kinder, die nicht so richtig gut lesen können" erscheint sogar das soziale Engagement des Jet-Set in einem völlig neuen Licht. So pendelt Stiller zwischen offenem Klamauk und trefflicher Satire, und verspricht brutalst mögliche Aufklärung in der alle bewegenden Frage: "Kann man vom Leben mehr erwarten, als wirklich verdammt gut auszusehen?"

"Zoolander". USA 2001. Regie: Ben Stiller. Drehbuch: Drake Sather, Ben Stiller, John Hamburg. Darsteller: Ben Stiller, Owen Wilson, Will Ferrell, Christine Taylor, Milla Jovovich, Jon Voight, David Duchovny. Verleih: UIP. Länge: 89 Minuten. Start: 27.12.01



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.