Zukunftsthriller "Sunshine" Kühner Ritt zur Sonne

Die Sonne droht zu erlöschen und soll mittels einer Atombombe wieder angezündet werden. Zum Glück entfacht Danny Boyle mit seinem düsteren Zukunftsthriller "Sunshine" keine technikverliebte Materialschlacht, sondern einen kühnen Bilderrausch.

Von Birgit Glombitza


Der Sonne geht es nicht gut. Antimaterie höhlt sie von innen aus. Sie erlischt. Wenn das passiert, dauert es nur noch acht Minuten bis alle Geschöpfe auf der Erde sterben. So wird es kommen, in schätzungsweisen fünf Milliarden Jahren. So lange kann Danny Boyle nicht warten, deswegen hat er die Katastrophe in seinem Science Fiction "Sunshine" auf das Jahr 2057 vorgezogen.

Eine internationale Raummission, die Icarus I, ist bereits daran gescheitert das Feuer der Sonne neu zu entfachen. Icarus II macht sich nun auf den Weg die Erde zu retten. Mit einer nuklearen Bombe, die etwa die Größe von Manhattan hat, zieht eine achtköpfige Crew aus, um den Feuerball mit einer gigantischen Explosion wieder in vollen Betrieb zu setzen.

Wissenschaftler meinen, dass ein entsprechender Sprengsatz eigentlich so groß wie der Mond zu sein hätte. Aber Danny Boyle, dem es bizarrerweise ausgerechnet bei diesem Projekt sehr darum ging, seinen Film "realistisch" zu gestalten, musste sich in Wahrheit natürlich vor allem an den Realismus der Produktionsgelder und an den dramaturgischer Beschränkungen halten. Dennoch lässt er kein Interview aus, ohne mit seinen frisch erworbenen astrophysikalischen Kenntnissen zu glänzen und betont bei jeder Gelegenheit, dass ihm alle möglichen Nasa-Physiker beratend zur Seite gestanden hätten. Dabei ist die vermeintliche Treue zu astronomischen Thesen und wissenschaftlichen Modellen das Uninteressanteste an "Sunshine". Und solange Raumschiffe im Weltall noch Fahrgeräusche machen, die Schwerelosigkeit in ihren Innenräumen keine Rolle zu spielen scheint, solange muss man sich wohl keine Sorgen machen, der Film diene bloß naturwissenschaftlicher Anschauung.

Dialog mit der Bombe

"Sunshine" ist eine eigenwillige und sperrige Reise ins Licht geworden. Eine prächtige Halluzination, die in ihrer Bildwucht an Stanley Kubricks Malstrom in "2001- Odyssee im Weltraum", in ihrer kühlen, blauen Melancholie an Steven Soderberghs "Solaris" und in ihrer pulsierenden Dunkelheit an "Alien" erinnert. Der sirenenhafte Bordcomputer zitiert den legendären HAL in "2001". Und wenn einer sich mitten im Zündungsprozess der Bombe als Schöpfer eines neuen Universums gebärdet, verweist das an den unvergesslichen, von Descartes geführten Dialog, den eine explodierwillige Bombe mit ihrem menschlichen Kommandeur in John Carpenters "Dark Star" führt. "Es werde Licht" sind die letzten Worte. Auch an Bord der Icarus II gibt es eine Technik, die man stets im Verdacht hat, sie könne sich jede Sekunde ihrer selbst bewusst werden, und Geschöpfe, die sich im Zwiespalt zwischen Gottesfurcht und menschlicher Anmaßung für den Größenwahnsinn entschieden haben.

Seit 16 Monaten ist Boyles Crew bereits im All. Sie ist der Sonne so nahe, dass niemand ohne speziellen Schutz auf den schwächelnden Feuerball schauen darf. Ein gigantischer goldener Schild schirmt das Raumschiff vor der Hitze ab. Nur der Kapitän gönnt sich gelegentlich einen Schuss Sonne extra, wie eine Überdosis. Ein Garten sorgt für die Sauerstoffversorgung und für ein künstliches Paradies an Bord. Bricht der Budenkoller aus, gibt es eine Art Wellness-Behandlung mit Erinnerungsbildern.

Überhaupt hat sich die Wahrnehmung weitgehend auf Simulationen verlegt. Es gibt hier nur wenig, was sich tatsächlich auch anfassen lässt. Erotik ist dem Science-Fiction-Genre immer schon suspekt gewesen. Auch die Truppenmoral lässt zu wünschen übrig. Keiner taugt hier als ungebrochener Held. Und die Botschaften, die die Crew-Mitglieder an die Erde schicken, klingen so enthusiastisch wie das Morgengebet in der Oberstufe. "Wir sind natürlich hier um die Menschheit zu retten und so..."

Begegnung mit den eigenen aggressiven Trieben

Als der Garten abbrennt, der Sauerstoff nicht für alle reicht sind sozialdarwinistische Überlebensstrategien erstaunlich schnell bei der Hand. Es wird über Mord abgestimmt, doch da ist schon etwas an Bord. "Bist du ein Engel?" wird es gefragt. "Ich bin der letzte Mensch allein mit Gott" lautet die großspurige Antwort. Es ist der von der Kette gelassene innere Schweinhund einer ganzen Spezies.

Wie in den meisten Klassikern des Genres, fährt auch in diesem Science-Fiction der Mensch ins All, um sich selbst zu finden. Denn das ist schon unergründlich genug. Er findet keine Aliens, weil er das ganz Andere nicht einmal denken kann. Er entdeckt keine neuen Dimensionen, weil sein Verstand daran scheitert und weil er in den vertrauten schon genug Ärger hat. Die Monster, denen er unterwegs begegnet, sind nicht die höllischen Manifestationen des Fremden an sich, sondern Ausformungen der eigenen aggressiven Triebe. Und die Widergänger, die auf ihn warten, sind Kurzschlüsse im eigenen Vorstellungsapparat. Der Kosmos implodiert in der Imagination und damit in der Magie des Kinos selbst.

Deswegen geht es bei diesem kühnen Ritt zur Sonne weniger um technische Herausforderungen und dramatische Fehlfunktionen, die einem über weite Strecken sowieso so schleierhaft bleiben wie eine Ikea-Bauanleitung. Es geht um Bilder von Astronauten in goldenen Raumanzügen, die völlig losgelöst auf die Sonne zurasen und wie Wunderkerzen mit einem so schrecklichen wie schönen Flash verpuffen. Um einen Bilderrausch voll flirrender Hitzelandschaften und tintenschwarzer Kälte. "Sunshine" - ein Spacecake für die ganze Familie.



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