Zukunftsvision "Die kommenden Tage" Guerillas in Nadelstreifen

Die Revolution isst Sushi: In seinem beklemmenden Kinodrama "Die kommenden Tage" entwirft Lars Kraume eine düstere Vision von Deutschlands naher Zukunft - am Golf führt die Bundeswehr Krieg für Öl, in Edelrestaurants plant eine bürgerliche Stadtguerilla Anschläge.

Badlands Film

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Detroit? Lagos? Rio de Janeiro? Nein, es ist Berlin, das uns das Science-Fiction-Drama "Die kommenden Tage" da in dunkler Pracht präsentiert: Keine zehn Jahre braucht es in diesem Film, dann haben die Spuren unterschiedlichster sozialer Verwerfungen auf der ganzen Welt die deutsche Hauptstadt in eine Alptraumkulisse verwandelt. Auf den Brachen wuchern Zeltstädte ähnlich denen, die seit dem Zusammenbruch des Immobilienmarktes die Stadtbilder in den USA prägen. Im Tierpark haben sich illegale Garküchen angesiedelt, die aussehen, als seien sie direkt aus den Slums von Indien hierher verpflanzt worden.

Die besseren Restaurants der Stadt verbarrikadieren sich, wie heute schon die Edelgastronomie Brasiliens, hinter schweren Gittern, vor denen Türsteher den Einlass kontrollieren. Und wer noch das Geld besitzt, um in den immer spärlicher sortierten Supermärkten einzukaufen, lässt sich mit seinen Lebensmitteltüten von einem bewaffneten Security-Mann nach Hause eskortieren. Berlin ist eine Elendszone geworden, im Rest der Republik sieht es nicht besser aus.

Eine Art Wohlstandsverwahrlosung im Schnelldurchlauf spult Regisseur und Autor Lars Kraume ("Guten Morgen, Herr Grothe") in seinem extrem detailfreudigen Zukunftspanorama ab: So reich ist dieses Land - und doch so arm. Der Schrecken stellt sich beim Zuschauer ein, weil all das so weit weg erscheint - und doch zeitlich ganz nah angesiedelt ist. Man kann sich die Apokalypse schon mal in seinem Taschenkalender ankreuzen.

In Kraumes bis ins Jahr 2020 gesponnener Zukunftsvision nimmt der Niedergang der sozialen Marktwirtschaft bundesrepublikanischer Prägung bereits 2012 seinen Anfang. Ein neuer Golfkrieg bricht aus, die Bundeswehr springt den Bündnispartnern zur Seite - auch, um nicht von den Öllieferungen abgeschnitten zu werden. Der Konflikt eskaliert, Teile der Welt versinken im Chaos; die Bundesrepublik baut kurz vor den Alpen einen Sicherheitswall, um die Flüchtlingsmassen abzuhalten. Die Festung Deutschland ist dicht, innen aber rumort es. Die Ressourcen werden knapp, der Graben zwischen den sozialen Schichten wird tiefer, aus der Protestbewegung gegen deutsche Kriegseinsätze entwickelt sich ein neuer Terrorismus.

Das Bürgertum im Krieg mit dem Bürgertum

Diese Negativ-Utopie mag auf den ersten Blick weit hergeholt erscheinen, in der Verdichtung der lebensweltlichen Umstände seiner Protagonisten aber erzielt Kraume hohe Plausibilität. Der Regisseur von "Keine Lieder über Liebe" oder "KDD - Kriminaldauerdienst" hat ein gutes Händchen dafür, Fiktion ins dokumentarische Gewand zu kleiden. Das schafft eine gewisse Unausweichlichkeit.

Wie vertraut zum Beispiel die Protestformen wirken, aus denen später ein neuer bewaffneter Widerstand erwächst: Als im Film der nächste Golfkrieg seinen Anfang nimmt, fühlt man sich an die "Kein Blut für Öl"-Demos im Umfeld des zweiten Irak-Feldzugs Anfang der neunziger Jahren erinnert - oder an die immer noch aktuellen Diskussionen über den Einsatz deutscher Soldaten in Afghanistan. Der Aufstand der Jungen gegen die wirtschaftspolitischen Arrangements der Alten ist dabei anfänglich so kreativ wie unblutig: Wie zurzeit in den großen Städten mit Flashmobs gegen Wohnungsnotstand demonstriert wird, so organisieren die studentischen Kriegsgegner hier übers Handy kurze, schnelle Massenaufläufe vor Botschaften. Die überraschten Politiker wirft man dann auf den Händen in die Luft: Protest als Party. Doch mit der guten Stimmung ist es bald vorbei.

Kraume spielt die verschiedenen gesellschaftlichen Strömungen an den Mitgliedern einer bürgerlichen Familie durch. Vater Kuper (Ernst Stötzner) vertritt als Anwalt einen Öl-Multi, kann sich über den Widerstand seiner Kinder gegen den von seinem Klienten unterstützten Ressourcen-Raubbau nicht wirklich aufregen. Eigentlich ist er ja auch dagegen, aber die Umstände erfordern nun mal eine gewisse Flexibilität. Das sehen seine Kinder anders. Während Kuper-Tochter Laura (Bernadette Heerwagen) mit dem Vogelkundler Hans (Daniel Brühl) die Rettung in der Natur sucht, schließt sich Tochter Cecilia (Johanna Wokalek) auf Drängen ihres Freundes Konstantin (August Diehl) einer revolutionären Vereinigung an, die hinter bürgerlicher Fassade die Weltverschwörung plant.

Das ist das Anmaßende an Kraumes Sci-Fi-Gesellschaftsbild: Die blutige gesellschaftspolitische Entfesselung ist im Kern nichts anderes als der Krieg der Konsensgesellschaft gegen sich selbst; das Bürgertum bekämpft das Bürgertum. Links oder Rechts? Ideologisch lässt sich die Terrorgruppe schwer bestimmen. Während man die Kommunikationsnetze lahmlegt, füllt man Jobs im gehobenen Management aus: RAF goes establishment. Um die Massen aufzustacheln, schrecken die Guerilleros im Nadelstreifenanzug aber bald auch nicht mehr davor zurück, protestierende Studenten umzubringen. So fühlt es sich an, das Ende der politischen Eindeutigkeiten. Der Revolutionär von morgen isst Sushi.

Warum gibt es so wenig "German Angst" im deutschen Kino?

Science-Fiction aus deutscher Produktion ist eine echte Rarität. Weshalb eigentlich? Als Land, das man auf der ganzen Welt für seine spezifische "German Angst" schätzt und fürchtet, brachte Deutschland in den letzten Jahrzehnten erstaunlich wenig große Zukunftspanoramen hervor. Die paar aber, die gedreht worden sind, entwickelten enorme Wucht und Breitenwirkung - vom ARD-Zweiteiler "Welt am Draht", Rainer Werner Fassbinders paranoider mediengesellschaftlicher Betrachtung von 1973, bis zum ZDF-Dreiteiler "2030 - Aufstand der Alten" aus dem Jahr 2007, der vor dem Hintergrund einer überalternden Gesellschaft furios von neuen Verteilungskriegen erzählt.

Wie in den genannten Vorgängern wird auch in "Die kommenden Tage" die wissenschaftliche als soziale Fiktion ausformuliert. Dass ungeheuerliche gesellschaftspolitische und psychologische Entwicklungen dabei nur angerissen werden, dass Figuren und ihre Motivationen oft Behauptung bleiben, mag auch der unzureichenden Länge geschuldet sein. Gut hätte man sich vorstellen können, diesen Stoff in einem Fernsehmehrteiler ausgebreitet zu bekommen, so wie es in einem ganz frühen Planungsstadium tatsächlich einmal angedacht war.

Zumal Kraume lustvoll den technologischen Fortschritt weiterspinnt und auch dafür ein paar Filmminuten mehr hätte gebrauchen können: Das iPad wird hier inzwischen gehandhabt wie eine ganz normale Zeitung, auf den Straßen wird der Verkehr elektronisch koordiniert, in einer Operationsszene wird via Computer an einem lebenden Fötus operiert.

Gerade dadurch stellt sich die verstörende Wirkung von "Die kommenden Tage" ein: Die technische Entwicklung schreitet plausibel voran, während die soziale rückläufig ist. Deutschland 2020? Lars Kraume sieht es als Wohlstandsruine.



insgesamt 17 Beiträge
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jenom, 03.11.2010
1. Die Filmförderung lehnt Genre Filme ab.
Die generelle Ablehnung der Filmförderung von Genre-Filmen macht es deutschen Filmemachern unmöglich attraktive Filme zu finanzieren. Ideen, die über den kleinbürgerlichen Horizont der Förderverantwortlichen hinausgehen, werden im Keim erstickt. Gleichzeitig werden US-Großproduktionen mit deutschen Stuergeldern gefördert. Die Vorsitzenden der Förderungen bestimmen diktatorisch. Der Rest der Welt lacht über so viel Dummheit und freut sich am German "stupid money", das eigentlich deutschen Filmemachern zukommen sollte und der wirtschaftlichen Konkurrenz geschenkt wird. Ohne Führungs- und Richtungswechsel bei den Förderungen bleibt die Filmförderung eine Verhinderungsbehörde.
axelkli 03.11.2010
2. wow...
...die erste durchweg positive Kritik zu dem Film, nachdem er bei anderen Medien wie SZ und FAZ eher nicht gut wegggekommen ist. Ich finde, das Szenario hört sich sehr wohlig-schaurig beunruhigend an, die Mitwirkenden Schauspieler sind auch vielversprechend. Ich werde mir den Film auf jeden Fall ansehen. Als "vergleichbare" German-Angst-SciFi-Produktion hätte der Autor noch "Die Grenze" erwähnen können, ein vor einigen Monaten gezeigter SAT1-Mehrteiler über eine erneute deutsch-deutsche Grenze in naher Zukunft, trotz vielversprechendem Plot leider formal vom Schrottsender komplett in den Sand gesetzt.
Olaf 03.11.2010
3. Toll
Zitat von sysopDie Revolution isst Sushi:*In seinem beklemmenden Kinodrama*"Die kommenden Tage" entwirft Lars Kraume eine düstere Vision von Deutschlands naher Zukunft - am Golf führt die Bundeswehr Krieg für Öl, in Edelrestaurants plant eine bürgerliche Stadtguerilla Anschläge. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,726680,00.html
Die Zukunft wird also nicht als besser dargestellt, sondern als schlecht und düster? Die bürgerliche Gesellschaft ihr wahres Gesicht zeigen und sich mit sozialer Kälte zerfleischen? Wahnsinn, das kommt ja völlig überraschend! So etwas originelles gibt es wirklich selten in Deutschland. Welch Phantasie, Kreativität und Mut gehören dazu, so ein Projekt in Angriff zu nehmen.
Carnival Creation, 03.11.2010
4. .
ich freue mich über und auf diesen Film. Evtl. weckt er noch ein paar Leute mehr...
rodelaax 03.11.2010
5. Seltsam
An anderer Stelle wurde dieser Film schon als der schlimmste und von seiner Geschichte und Erzählstruktur, sinnloseste Film der letzten Jahre bezeichnet. Das war die erste positive Bewertung dieses Films, die ich gelesen habe. Ich werde mal weitere Kritiken abwarten, bevor ich mich im Kino langweile.
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