Zum Tod Philippe Noirets Konstanter Wandel

Natürlich ist er legendär als kindlich-aggressiver Gourmet in "Das große Fressen". Aber Philippe Noiret lässt sich nicht auf eine Rolle festlegen. Im Gegenteil: Mit seinem Tod verliert das europäische Kino einen großartigen Verwandlungskünstler.


"Le Figaro" brachte es auf den Punkt: Philippe Noiret sei ein "gleichbleibender Gefühlswert" in Frankreichs Kinogeschichte: "Man erlaubt ihm, die Schlechten, die Verbogenen, die Mörder zu spielen. Man weiß genau, dass er nicht so ist, dass er weder sein Gesicht noch seinen Geschmack, noch sein Haus, noch seine Frau auswechseln wird. Nur seine Rollen."

Darsteller Noiret: Grandseigneur des Kinos
REUTERS

Darsteller Noiret: Grandseigneur des Kinos

Rollenvielfalt bei gleich bleibend hoher Sensibilität: Noiret war nicht umsonst der Liebling großer Regisseure von Bertrand Tavernier bis Claude Chabrol, Giuliano Montaldo bis Claude Zidi. Ob er das intellektuelle Opfer in "Brille mit Goldrand" spielte oder den Despoten in "Der Saustall", den korrupten Gesetzeshüter in "Die Bestechlichen" oder den von Lebenslügen imprägnierten Medienmacher in "Les Masques": Noirets Wandlungsfähigkeit machte viele große Kinowerke des europäischen Kinos überhaupt erst möglich.

Legendär sein Part in "Das große Fressen": In Marco Ferreris Skandalfilm perfektionierte er die Figur des Bürgers als buchstäbliches enfant terrible. Als Fresser wechselte er zwischen Regression und Aggression, ein Muttersohn, der von Gier verschlungen wird.

Noirets Karriere begann weniger exzentrisch: Deimal durchs Abitur gerasselt, nahm der 1930 geborene Sohn eines Textilkaufmanns Schauspielunterricht und arbeitete sich über kleine Pariser Kabarettbühnen zum Olymp des französischen Theaters hoch: Am Théâtre National Populaire begeisterte er Kritiker und Publikum.

Für die Leinwand wurde er erst spät entdeckt, der Durchbruch gelang 1968 als "Alexander der Lebenskünstler". Von da an prägte er jene Kunstfigur aus, die später zum Emblem französischer Kinokultur wurde. Leibesfülle und Stattlichkeit, dazu Fliege und Krawatte - Noiret war mit 1,95 Meter Körpergröße ein tatsächlicher Granseigneur der Leinwand.

"Wenn er auftrumpft, dann eigentümlich verhalten; wenn er Ironie ins Spiel bringt, dann eher leise und elegant", beschrieb der Filmkritiker Michael Althen den Darsteller zum 70. Geburtstag. Diese Mischung aus Fein- und Eigensinn ist selten geworden, sie gedeiht nur in einem künstlerischen Klima, das Zeit hat zum Erzählen und mehr auf Nuancen als auf Effekte setzt.

Doch als Onkel Gabriel fährt Noiret immer noch mit "Zazie in der Metro", als Vorführer hält er das "Cinema Paradiso" am Laufen. So wird er weiterhin Europas Kino bereichern, auch nach seinem Tode nach langer Krankheit, im Alter von 76 Jahren.

dan



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