Zum Tod Rosel Zechs Wahre Größe, ganz ohne Wahn

Als Ufa-Diva wurde sie berühmt, am Theater setzte sie Maßstäbe, hatte aber später keine Scheu, in der ARD nur eine TV-Nonne zu spielen. Die Schauspielerin Rosel Zech, die im Alter von 69 Jahren gestorben ist, war Spezialistin für starke Frauengestalten - und dabei frei von Größenwahn.

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Der Höhepunkt ihrer Karriere begann mit einem dreifachen Filmriss: "Es war meine erste Filmpremiere. Und natürlich war ich schrecklich nervös", erzählte Rosel Zech Jahre später. "Ich komme ja vom Theater. Im Licht, auf einer Bühne zu stehen, ist man gewohnt. Aber man spielt eben eine Rolle. Auf dem roten Teppich dagegen ist man privat."

Als drogenabhängige, psychisch labile Ufa-Diva war Zech 1982 der Star in Rainer Werner Fassbinders "Die Sehnsucht der Veronika Voss" - doch bei der Berlinale-Premiere im Berliner Zoo-Palast blieb die Leinwand plötzlich weiß. Technischer Defekt. Der Film lief wieder an, brach wieder ab, riss schließlich zum dritten Mal. Während Fassbinder, wie Zech sich erinnerte, ganz ruhig blieb, habe ihr sich der Magen umgedreht. "Ich zitterte am ganzen Körper." Zech erhielt für ihre Rolle den Goldenen Bären, konnte sich später allerdings an die Verleihung gar nicht erinnern: "Es gibt da dieses Foto von mir mit dem goldenen Kleid, das ich extra für die Berlinale gekauft habe, und Rainer mit dem Bären daneben. Also muss ich wohl da gewesen sein."

Im deutschsprachigen Autorenkino der siebziger, achtziger und neunziger Jahre war Rosel Zech eine konstante Größe. Begonnen aber hatte sie ihre Karriere am Theater - und dem ganz breiten Publikum wurde sie ab dem Jahr 2001 mit einer Fernsehrolle bekannt. Als Oberin Elisabeth Reuter in der ARD-Nonnenserie "Um Himmels Willen". Manche Schauspielerin mit dem Renommee Zechs dürfte eine derartige Rolle eher wie die Hölle vorkommen. Rosel Zech aber gab sich zumindest nach außen pragmatisch: "Das Fernsehen erreicht eben viele Leute. Da kann man doch dankbar sein und es so nehmen, wie es ist. Ich habe 'Um Himmels Willen' gern gedreht."

Das Drama der alternden Schauspielerin

Und doch muss man sich ihre Serienrolle als den typischen Brotjob zur Altersversorgung vorstellen. Denn Zech war im Lauf ihrer fast fünfzig Jahre dauernden Karriere vor allem in deutlich ambitionierteren - und damit oft schlechter bezahlten - Rollen zu sehen, ganz gleich ob fürs Theater, den Film oder das Fernsehen.

In Fassbinders "Lola", nach "Die Ehe der Maria Braun" zweiter Teil seiner sogenannten BRD-Trilogie, spielte sie 1981 an der Seite von Mario Adorf die Fabrikantengattin Schuckert. Ihren ersten etwas größeren Kinoauftritt hatte Zech 1973 in Ulli Lommels "Die Zärtlichkeit der Wölfe", einem auch unfreiwillig bizarren Vampirschocker mit den Mitteln des bundesdeutschen Autorenkinos. Später wurde sie oft dann verpflichtet, wenn hoffnungsvolle Regisseure nach ihren ersten Hits endlich einmal einen großen Namen im Vorspann haben wollten: Sie war in Sönke Wortmanns "Mr. Bluesmann" dabei oder in Percy Adlons "Salmonberries". Bei keinem anderen Filmregisseur aber habe sie sich "so aufgehoben" gefühlt, wie bei dem 1982 gestorbenen Fassbinder: "Wir waren erst am Anfang und hatten noch viele gemeinsame Pläne."

Dass sie eigentlich schon in Fassbinders Fernsehserie "Berlin Alexanderplatz" hätte zu sehen sein sollen, soll Peter Zadek persönlich verhindert haben. Zadek war damals noch Intendant in Bochum und sie Teil seines Ensembles. 1977 erlebte Rosel Zech dort ihren Triumph in der Hauptrolle von Ibsens Drama "Hedda Gabler": Sie wurde zur Schauspielerin des Jahres gewählt, ihre Darstellung in weißer Bluse und schwarzem Rock setzte Maßstäbe, auf die sich Rezensenten noch Jahrzehnte später bezogen.

Und immer wieder: Fassbinder

Ihre Schauspielkarriere hat Rosel Zech, 1942 in Berlin als Tochter eines Binnenschifferpaars geboren, bereits in den frühen Sechzigern begonnen: in Landshut - und dann im schweizerischen Solothurn fortgesetzt. 1965 wechselte sie nach Wuppertal. In einem Interview erzählte sie: "Ich hatte oft Glück. Ich verließ die Schauspielschule, weil ich dachte, da lern ich nichts mehr. Dann hat man mich trotzdem in Landshut genommen. Anschließend in Solothurn in der Schweiz war ich auf dem absteigenden Ast. Ich hab verzweifelt Briefe an deutsche Intendanten geschrieben. Nur einer, der Wüstenhöfer, hat reagiert, mich mit nach Wuppertal genommen. Dort traf ich Peter Zadek. Mit ihm bin ich nach Bochum und Stuttgart, und dann habe ich Rainer Werner Fassbinder kennengelernt. Das hat schon etwas mit Glück zu tun." Welche erfolgreiche Schauspielerin beschreibt eine Traumkarriere mit derartigem Understatement?

Theater nannte Zech "die Königsdisziplin". Nach langer Pause arbeitete sie 2002 wieder mit Peter Zadek zusammen, als der Regisseur in Wien Tennessee Williams' "Die Nacht des Leguan" inszenierte. 2005 stand Zech in Hamburg in Yasmina Rezas "Ein spanisches Stück" in der Regie von Jürgen Gosch auf der Bühne. Es war die letzte Rolle, mit der man sie auch im Feuilleton noch einmal bundesweit wahrnahm. Ihr allerletztes Engagement, 2010 im Berliner Renaissance Theater in dem Stück "33 Variationen", blieb ein lokales, West-Berliner Ereignis - gehobener Boulevard. Und damit wohl auch symptomatisch für die Schwierigkeit einer über 60-jährigen Schauspielerin, noch adäquate Rollen zu finden.

Mit nonchalanter Heiterkeit meisterte Zech Medienanfragen, die sich mittlerweile vor allem auf ihre Rolle in "Um Himmels Willen" bezogen, gab Auskunft zum Papst, zu den Zehn Geboten, zur Fußball-Nationalmannschaft, wie zu ihrem neuen Wohnort Berlin-Charlottenburg. Sie konnte sich ihres Talents eben sicher sein - zeigte sie doch selbst in Krimirollen wie in der Münsteraner "Tatort"-Episode "Mörderspiele" ganz nebenbei, wie beeindruckend sie ungewöhnliche Frauengestalten darzustellen vermochte.

Das dafür notwendige Selbstvertrauen hatte sie auch Fassbinder zu verdanken: "Der wollte, dass wir Frauen schön aussehen für die Leinwand. Alles andere spielten wir dann schon, das wusste er. Seine Gabe war es, dass ich mir selbst vertraute, dass ich geliebt und geschätzt wurde."

Am Mittwochabend ist Rosel Zech in Berlin gestorben. Sie wurde 69 Jahre alt.



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
oberteil 01.09.2011
1. .
Zitat von sysopAls*Ufa-Diva wurde sie berühmt, am Theater*setzte sie Maßstäbe, hatte aber später keine Scheu, in*der ARD*nur eine*TV-Nonne zu spielen. Die Schauspielerin Rosel Zech, die im Alter von 69 Jahren gestorben ist, war Spezialistin für*starke Frauengestalten - und dabei frei von Größenwahn. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,783813,00.html
Och Mensch, Rosel. Ich habe Dich so gern gesehen.
Rübezahl 01.09.2011
2. Schade!
Um Himmels willen !
katerramus 01.09.2011
3. viel zu früh
ich hab sie zuerst in Bochum gesehen und dann eben in Film und Fernsehen, ich hab mich immer gefreut, wenn sie irgendwo mitgespielt hat,- schade.......
iceba 01.09.2011
4. rosel zech und die berliner bären
nur bekam sie keinen goldenen bären, der wird an den besten spielfilm und dessen regisseur (fassbinder also) vergeben. nach meiner kenntnis hat sie den darstellerpreis, den silbernen bären nämlich, auch nicht erhalten, den erhielt nämlich katrin sass. das schmälert natürlich nicht ihr oeuvre! /kino/0,1518,783813,00.html[/url][/QUOTE]
favela lynch 01.09.2011
5. Vielleicht weil Du so irdisch warst
Nie war ein Mensch entrückter als sie in der Rolle der Veronika Voss. Was auch immer sie danach spielte, stets war dieses Delirium mit präsent, welches den Gipfel der Schönheit im Tode erkennt. In der klinischen Reinheit der Praxis von Dr. Katz. Ja, Rosel, Du konntest das. Vielleicht weil Du so irdisch warst.
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